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Das Grundgesetz als Film: „Anstiftung zur Demokratie“

Geschichte eines Abends
Als „Anstiftung zur Demokratie“ betrachtet der Berliner Produzent Harald Siebler sein groß angelegtes Projekt GG 19. In 19 deutschen Städten werden kurze Filme zu den ersten 19 Artikeln des deutschen Grundgesetzes gedreht. Ende Mai kommt er in die deutschen Kinos.

Der daraus entstehende Episodenfilm soll die Grundrechte, die 1949 den Grundstein für ein demokratisches Deutschland bildeten, wieder ins öffentliche Bewusstsein rücken.

Thüringen, März 2006, Eiseskälte. Ein Autounfall auf einer Landstraße nahe Weimar. Der junge Clemens ist schwer verletzt. Seine Freundin will ihm helfen. Aber sie muss entscheiden, bleibt sie bei ihm oder soll sie sich verstecken, um einer Kontrolle durch die Polizei zu entgehen. Auréli, die aus dem Kongo stammt, lebt illegal in Deutschland.

Am Set stehen Idealisten

Die Geschichte eines Abends ist eine Liebesgeschichte. Aber sie thematisiert den Artikel 16 des deutschen Grundgesetzes, das Recht auf Asyl. In Szene gesetzt hat den Film Nachwuchsregisseur Axel Bold, Absolvent der Filmakademie in Ludwigsburg. Für das Team, inklusive Stunt-Crew etwa 40 Leute stark, trommelte Produktionsleiter Volkmar Leweck viele Kollegen aus alten Tagen zusammen. Am Set standen Idealisten. Wie alle am GG 19 Projekt beteiligten arbeiteten sie „auf Rückstellung“, was heißt, Geld gibt es erst, wenn der Film im Kino etwas einbringt. Seit Sommer 2005 entstanden so die Episoden, die sich heute zu einem 120minütigen Kinofilm zusammenfügen

AdrenalinFlash

Der Dreh in Weimar war einer von 19 in 19 deutschen Städten. In Bremen ging es um Artikel 1, die unantastbare Würde des Menschen. AdrenalinFlash entwickelt ein Horrorszenario um einen Überfall auf eine Familie, der sich als von einem TV-Sender initiiert herausstellt – zum Wohle der Einschaltquoten. Kindersicherung, gedreht in Wuppertal, thematisiert Artikel 13, der besagt, dass niemand eine Wohnung gegen den Willen des dort Wohnenden betreten darf, auch nicht von Staats wegen. Die Episode erzählt die Geschichte eines kleinen Jungen, der sich dagegen wehrt, dass Vertreter des Jugendamtes in die Wohnung kommen wollen, um ihn von seiner drogensüchtigen Mutter wegzuholen. Der große Videoschwindel wurde in Karlsruhe, dem Sitz des obersten deutschen Gerichts, des Bundesverfassungsgerichts, inszeniert. Die Folge behandelt im Rahmen einer Gerichtsstory Artikel 5, das Recht auf freie Meinungsäußerung. Von der Tragödie über die Komödie bis hin zur Satire ist alles dabei.

Finanzieller und personeller Kraftakt

Die Produktion war ein Kraftakt. Etwa 1500 Menschen waren daran beteiligt. Darunter viele namhafte Darsteller wie Maria Schrader (Rosenstraße), Anna Thalbach (Der Untergang), Suzanne von Borsody (Lola rennt), Michael Gwisdek (Good bye, Lenin!) oder Jürgen Vogel (Rosenstraße). Regisseur und Bundesfilmpreisträger Dani Levy (Alles auf Zucker) stand den Regisseuren als Mentor zur Verfügung. An ideeller Unterstützung mangelte es nicht – Justizministerin Brigitte Zypries übernahm sogar eine Gastrolle – aber das Geld war knapp. Etwa acht Millionen Euro wären für die Realisierung des Films nötig, summiert Produzent Harald Siebler, der das Projekt seit Jahren plante und vorantrieb. Zusammenbekommen hat er gerade mal 1,9 Millionen.

Die Filmförderer in den Bundesländern befürchteten einen zu geringen Erfolg an den Kinokassen. So wurden die Städte zu Partnern, die das Projekt je nach Möglichkeit, finanziell oder organisatorisch unterstützen. Mit 100 Euro konnten sich auch Einzelpersonen beteiligen und sich damit einen Premierenplatz sichern. Das Projekt sei „schon Wahnsinn“, sagt Regisseur Axel Bold. Er ließ sich durch die Drehbücher, die eine Jury aus über 480 Vorschlägen ausgewählt hatte, davon überzeugen, mitzumachen. Das sei „kein Lehr- und Bildungsfilm“, sagt er, „das sind Geschichten über Menschen in Deutschland.“ Letztlich habe ihn auch Produzent Harald Siebler „mitgerissen. Es gibt eben Leute, die brennen für ein Projekt.“

Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Meinung

Kindersicherung
„Die Demokratie ist eine hochanspruchsvolle Utopie“, sagt Harald Siebler, und die lasse sich nur verwirklichen, wenn alle daran Beteiligten die Grundlagen kennen, auf denen sie basiert. „Wer keine Ahnung hat, hat auch keine Meinung“, zitiert er den ehemaligen deutschen Außenminister Joschka Fischer. Aber „um eine Meinung zu haben, braucht es Bildung.“ Darum sei es in Deutschland zurzeit nicht sehr gut bestellt. Wie lasse sich sonst erklären, dass kein Aufschrei erfolgt, wenn z.B. Politiker öffentlich erklären, dass sie ihre Parteifreunde „auf Linie“ bringen werden? „Das Recht auf freie Meinungsäußerung ist im Grundgesetz verbrieft“, so Siebler, „und ebenso, dass Volksvertreter nur einer einzigen Instanz verpflichtet sind. Das ist nicht die Partei, sondern ihr Gewissen.“

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“ (Artikel 1), „Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit“ (Artikel 2), „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“ (Artikel 3) - das Grundgesetz, das am 23.Mai 1949 beschlossen wurde, liest sich für viele heute wie das Pamphlet einiger Idealisten. Aber das Werk, das Presse- und Religionsfreiheit, das Versammlungsrecht oder das Postgeheimnis garantiert, ist reales Gesetz. Der Film zum Grundgesetz soll das wieder ins Bewusstsein rufen und, so hofft der Initiator, mit seinem Kinostart eine breite Diskussion auslösen.

Warum es nur Episoden zu 19 Grundrechten gibt, wird Harald Siebler manchmal gefragt. Was ist mit Artikel 20? Den Produzenten freut die Frage, beweist sie doch, dass da noch Menschen sind, die wissen, dass es einen Artikel 20 gibt. „Alle Gewalt geht vom Volke aus“, heißt es da. „Dieser Satz steht eigentlich über dem ganzen Projekt“, sagt Siebler – und er könnte umgesetzt werden, soweit eine „Anstiftung zur Demokratie“ überhaupt durch einen Film funktionieren kann.

GG 19: 19 Grundrechte - 19 gute Gründe für die Demokratie. Das Buch zum Film; hg. von Harald Siebler. Gerstenberg Verlag, Hildesheim, 2007, ISBN 9 783806 751505
Sabine Pahlke-Grygier
ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt u.a. für Tageszeitungen und Stadtmagazine

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Mai 2007

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