Fremde Heimat
Edgar Reitz' Chronik des 20. Jahrhunderts

Heimat, so schrieb Ernst Bloch, ist etwas, "das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war". Ein Ort also, den es nicht gibt: eine Sehnsucht.
Eine umfassende Annäherung an das, was 'Heimat' sein könnte, unternahm Edgar Reitz in den drei Teilen seiner Heimat. Sie umfassen insgesamt 42 Stunden Film und entstanden über einen Zeitraum von rund zwanzig Jahren. Der Schauplatz: der Hunsrück, Edgar Reitzens eigene Heimat, in der er aufwuchs. Nach dem Misserfolg seines Kino-Films Der Schneider von Ulm hatte er sich enttäuscht dorthin zurückgezogen, von wo er einst in die Welt aufgebrochen war - wie die zentrale Figur der Heimat, Hermann Simon, der von Hunsrück weggeht, um am Ende wieder dort anzukommen.
Miniaturausgaben der deutschen Geschichte
Das Dorf im Hunsrück heißt Schabbach (es heißt im Film so, in Wirklichkeit heißt es anders). Von seinen Bewohnern erzählte Reitz in der ersten Heimat (1986). Im Mittelpunkt: die Familie Simon. Die Geschichte dieser Familie verfolgte der Film über Generationen hinweg, vom Beginn des 20. Jahrhunderts bis in die 80-er Jahre. Es waren private Geschichten. In denen sich aber die Zeitläufe spiegelten. Es war Edgar Reitzens große Leistung, den Widerhall der großen Politik und des Zeitgeistes im Kleinen zu reflektieren, in einer Miniatur. Das reichte von den großen Ereignissen (die beiden Weltkriege) bis zu unmerklichen Veränderungen im Alltag - der Architektur, der Kleidung. So wurde aus der Geschichte eines Hunsrücker Dorfes die Chronik eines Jahrhunderts.In der Zweiten Heimat (1992) konzentrierte sich Edgar Reitz auf die 60-er Jahre in München. Hermann Simon, den wir am Ende der ersten Heimat kennen gelernt hatten, kommt in die Metropole, um Musik zu studieren (so wie Reitz aus dem Hunsrück nach München gekommen war, um Filme zu machen). Er begegnet Clarissa. Auch hier sind die Münchner 60-er Jahre füglich rekonstruiert, sind die politischen Ereignisse (die "Schwabinger Krawalle" als Vorläufer der Studentenrevolution im Mai 1968) in den Film geholt. Die Zweite Heimat wurde zur Chronik einer Generation von jungen Künstlern, die in den 60-er Jahren mit großem Enthusiasmus das Leben und die Welt für sich entdeckten.
Heimat 3
Und nun der dritte Teil: Heimat 3 - Chronik einer Zeitenwende (2004). Die Biografien der Figuren werden weiter geschrieben in die 90-er Jahre hinein. Aus Hermann Simon ist ein berühmter Dirigent geworden, Clarissa hat als Sängerin Karriere gemacht. Sie werden von denselben Schauspielern gespielt, Henry Arnold und Salome Kammer, die mit ihren Figuren älter geworden sind. In Berlin, an der Mauer, die gerade fällt, treffen sie sich wieder und lieben sich noch immer. Sie werden den Rest des Jahrzehnts (und vielleicht des Lebens) miteinander verbringen (unterbrochen lediglich von einem Seitensprung, den sich Clarissa leistet). Im Hunsrück kaufen sie ein Haus, wunderschön über der Loreley gelegen, in dem die Schriftstellerin Karoline von Günderode gelebt haben soll. Von einem Engagement in Leipzig bringt Clarissa Handwerker mit, die das Haus renovieren. Auch deren Geschichten werden erzählt: wie die beiden deutschen Staaten sich langsam annähern.Wieder haben sich die Zeiten geändert. Die Amerikaner gehen, die Russen kommen, die Einwanderer aus dem Osten. Die Euphorie der Wiedervereinigung (Das glücklichste Volk der Welt ist die erste Folge überschrieben) verblasst zusehends und geht in die düstere Stimmung einer Wirtschaftskrise über, die auch in der Provinz ihre Spuren hinterlässt: die optischen Werke Simon, das traditionsreiche Unternehmen, macht zu. Am Ende, in der letzten Folge (Abschied von Schabbach), wird noch einmal ein großes Fest gefeiert, in der Silvester-Nacht zum neuen Jahrtausend, bei dem sich die weit verzweigte Familie trifft: Hermann und Clarissa, die alten und jungen Schabbacher, aber auch die Menschen, die aus der DDR und den ost-europäischen Ländern gekommen sind, ein Spiegel des Wandels zu einer multikulturellen Gesellschaft. Zwischen Schabbach 1900 und Schabbach 2000 liegen Welten. Die gesellschaftlichen Veränderungen eines Jahrhunderts, Edgar Reitz hat sie mit viel Liebe zum Detail festgehalten.
Wieder erzählt Edgar Reitz eine Vielfalt einzelner Geschichten und Lebensläufe und wechselt in den sechs Episoden der dritten Heimat kunstvoll zwischen ihnen hin und her, mit langem erzählerischem Atem, mit Geduld, mit Neugier, und mit Liebe zu seinen Figuren. Aber, und hier setzt er das filmische Konzept der vorangegangenen Filme fort: er erzählt nicht nur persönliche Biografien. Er erzählt Zeitgeschichte - gesehen nicht aus der Perspektive von Geschichtsbüchern, sondern aus der Erfahrung der kleinen Leute. Er bietet eine Soziologie des Alltags.
Hermann Simon verlässt den Hunsrück, geht nach München, macht eine Karriere, die ihn durch die ganze Welt führt, und kommt am Ende wieder in den Hunsrück zurück. Das ist seine Heimat. Nur, die Erfahrung der Fremde, der Welt bringt er mit. Sie macht ihm die Heimat fremd. Auch nach 42 Stunden Film bleibt die Heimat: eine Sehnsucht.
| Edgar Reitz hat einen weiteren, nur 146 Minuten langen Film gedreht: Heimat - Fragmente - Die Frauen. Im Mittelpunkt steht Lulu, die Tochter der von den früheren Zyklen bekannten Figuren Hermann und Waltraud. Am 2.September 2006 wird Reitz das Werk bei der Biennale in Venedig präsentieren, die Deutschlandpremiere ist für den Oktober vorgesehen. |
Filmkritiker ("Handelsblatt", "Bayerischer Rundfunk"), Programm-Auswahl für das FilmFest München, General-Sekretär des internationalen Verbands der Filmkritik (FIPRESCI)
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August 2006






