„Es ist alles sehr zweischneidig, sehr zwiespältig.“ – Michael Haneke über seinen Film „Das weiße Band“

Im Mai 2009 wurde „Das weiße Band“ bei den Filmfestspielen in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnet. Für den Oscar wurde er für die Kategorie „Bester nicht-englischsprachiger Film“ nominiert. Thilo Wydra sprach mit Michael Haneke (67).Nach Ihrem Film „Das weiße Band“ macht sich der Zuschauer unweigerlich viele Gedanken um das offene Ende ...
Ich bin der Einzige, der sich keine gemacht hat (lacht).
Man geht aus dem Film und verlangt dringend nach einer Antwort.
Wenn man keine Antwort erhält, muss man sich auf die Suche danach begeben.
Das hat etwas Kafkaeskes.
Der Zuschauer hat immer Recht. Von seiner Warte aus hat er Recht. Sonst würde er es nicht so sehen.
„Der Prozess“ entstand 1914, und 1914 ist Ihr Film angesiedelt, vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Bei Kafka geht es immer um den unschuldig Schuldigen ...
Ich glaube, in der ganzen modernen Literatur des 20. Jahrhunderts kommt Kafka irgendwo vor. Er ist, zumindest in der deutschen Sprache, der einflussreichste Autor auf die Generationen nach ihm. Wenn man das einmal gelesen hat, kann man das nicht mehr vergessen. Kafka kann man nur mit einem intellektuellen oder artistischen Vergnügen lesen. Aber, das ist wie wenn einem bei 20 Grad Kälte ein Stück Eis auf die Finger fällt. Das tut auch weh.
Können Sie sich noch an die Initial-Situation zu „Das weiße Band“ erinnern?
Eigentlich nicht, nein. Ich vergesse das einfach, ganz simpel. Das ist ganz ohne Koketterie. Ich weiß nicht wann – ich weiß, was sozusagen der erste Gedanke war: Einen Kinderchor zu zeigen, der die Ideale, die man ihm predigt, verabsolutiert und sich aufwirft zum Richter derer, die es ihm gepredigt haben, es aber nicht leben. Das war die erste Grundidee. Um zu zeigen wie Radikalismus und Terrorismus entsteht – welcher Art auch immer.
Die Keimzelle dessen ...
Ja, genau. Es ist ja immer so, dass Leute, die unter Druck sind, denen es schlecht geht, die leiden – aus welchem Grund auch immer, und das kann man an Kindern natürlich besonders gut zeigen –, wie die jeden Strohhalm ergreifen, mit dem sie sich da rausziehen können. Da ist natürlich eine Idee, die man dann zur Ideologie umfunktioniert, ein gerne ergriffenes Mittel. Ob das dann der Rechtsfaschismus ist, oder der Linksfaschismus, oder religiöser Faschismus, würde sicherlich jedes Mal anders ausschauen im Umfeld, das müsste man also anders beschreiben, aber dieses Grundprinzip dürfte überall gleich sein. Wenn Sie jetzt irgendwelche Islamisten hernehmen, könnten Sie einen Film machen – der natürlich ganz anders aussähe und ganz andere soziale Bedingungen beschreiben würde –, wo das, was ich gerade gesagt habe, genauso zutrifft. Und das war die Idee. Aber wie ich auf die gekommen bin und wann, das weiß ich nicht mehr.
Extremismus als globales Thema ...
Ich kann mich erinnern, ich habe ein bisschen was über den italienischen Faschismus gelesen, und da ist mir aufgefallen, dass der Faschismus in Italien sich doch anders gegeben hat als in Deutschland. Diese Beamtenehre – Eichmann, der gar kein Schuldbewusstsein hatte, sondern der Meinung war, er hat nur seine Pflicht erfüllt. Oder die „Rote Armee Fraktion“, die das ja nicht aus negativen Motiven heraus gemacht hat. Die entstammten teilweise einem protestantischen Umfeld, zumindest die Gudrun Ensslin, und auch die Ulrike Meinhof, die ich selber gekannt habe, und die eine sehr, sehr ehrenwerte und tolle Person war. Die hat für uns damals Ende der 60er Jahre ein Stück geschrieben, da war ich noch Redakteur beim Südwestfunk. Und die Frau – brillant! Brillant und engagiert und voller Mitgefühl für die Menschen, für die sie sich interessiert.
„Ich habe überhaupt nichts gegen Religion“
Suppression und Aggression einerseits, Bewunderung und Verehrung andererseits. Es geht alles miteinander einher ...
Das ist eben alles nicht so einfach – jede Ideologie, die verabsolutiert wird, auch Religiosität, religiöse Geschichte. Ich habe jetzt schon Leute gesprochen, die finden, das sei ein Film gegen die Religion. Das ist ein absoluter Unsinn. Ich habe überhaupt nichts gegen Religion, im Gegenteil. Der Protestantismus, ich bin ja selbst als Protestant aufgewachsen, hat mich immer sehr bewegt. Nur, die Gefahr, die in diesem Rigorismus, der dem Protestantismus eigen ist, steckt, ist ja auch ein gewisser Elitismus. Als Evangelischer habe ich mich direkt mit meinem Gewissen und Gott auseinander zu setzen. Ich habe nicht die Institution Pfarrer, der mir vergeben kann. Es ist alles sehr zweischneidig, sehr zwiespältig.
Es geht dabei auch um die Schuldhaftigkeit des Menschen, und wieder um den unschuldig Schuldigen.
Die Frage von Schuld ist ja in allen meinen Filmen eine zentrale Frage, die natürlich auch aus dieser Ecke kommt – wahrscheinlich. Alle die in einer jüdisch-christlichen Tradition aufgewachsen sind, kommen ohne die Auseinandersetzung mit diesem Begriff schwer aus. Wenn man sich als soziales Wesen betrachtet, wird man ja ununterbrochen schuldig.
Neben alledem steht die subtile Manipulation, auch jene des Zuschauers durch den Regisseur. „Funny Games“ ist manipulatives Kino pur. Auf anderer Ebene auch „Das weiße Band“. Alfred Hitchcock war ein Meister darin.
In Funny Games wirst Du zum Mittäter gestempelt, deswegen sind die Leute so sauer. Weil ich sie zum Mittäter mache und ihnen nachher vorwerfe, dass sie sich zum Mittäter haben machen lassen. Das ist die fiese Methode darin (lacht). Ich manipuliere den Zuschauer zur Selbständigkeit, dass er dazu Stellung nehmen kann. Es gibt unheimlich viele Leute, die sich heute noch darüber aufregen. Ist mir sehr recht, weil sie sich eigentlich nur über sich selber aufregen.
stellte die Fragen. Er ist freier Publizist und Buchautor, sowie Deutschland-Korrespondent der Filmfestspiele von Cannes.
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November 2009
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