Der Regisseur Andreas Dresen: „Die wesentlichen Dinge des Lebens“

Mit „Halt auf freier Strecke“ brachte der Regisseur Andreas Dresen ein bewegendes Werk auf die Leinwand, in dem er sich mit dem Sterben und dem Abschied befasst. Und erneut begeistert er mit seiner Fähigkeit, sich ohne Scheu auch heiklen Themen zu widmen.
Andreas Dresen schaut immer ganz genau hin. Dennoch ist er niemand, der seine Protagonisten aus sicherer Distanz seziert. Er spürt ihnen nach und versucht nachzuvollziehen, was sie bewegt. Seine Art zu betrachten ist immer geprägt von einem ehrlichen Interesse und einer nahezu liebevollen Sympathie. „Man muss Figuren nicht mögen“, sagte er einmal, aber man müsse sie wenigstens „ein bisschen verstehen können“.
Der Alltag und seine Geschichten
Es gibt keinen Regisseur in Deutschland, der sich so intensiv dem Alltag und seinen Geschichten verschrieben hat wie Andreas Dresen. Und es gibt keinen, dem es damit so erfolgreich gelingt, das Publikum vor der Leinwand zu fesseln. Für ihn ist „Kino der Ort für existenzielle Themen und die wesentlichen Dinge des Lebens“, erklärte er dem Hamburger Abendblatt. Und die Intensität, mit der er an diese Themen herangeht, macht ihn für die Neue Züricher Zeitung zu dem „vielleicht wichtigsten unter den jüngeren deutschen Filmemachern“.
Für Halt auf freier Strecke gab es wie so oft in der Arbeit von Dresen kein Skript. Das Thema wurde nach aufwendiger Recherche gemeinsam mit Laien und professionellen Schauspielern erarbeitet und vor der Kamera improvisiert. Ein Mann erhält von einem Arzt eine todbringende Diagnose, seine Familie erlebt mit ihm die letzte Phase seines Lebens in allen Facetten. Als der Film in Cannes uraufgeführt wurde, war Dresen „vor Aufregung fast taub“. Dann die Erleichterung. Menschen kamen auf ihn zu, weinten, umarmten ihn. Kritiker waren tief bewegt. „Die überzeugenden Darstellungen der Schauspieler seien kaum auszuhalten“, schrieb die Neue Züricher Zeitung. Der Spiegel zeigte sich beeindruckt von den „stillen, kleinen Szenen“ des Films, der ohne „Schock und Skandalmomente auskomme“, und die Stuttgarter Zeitung sah in dem Werk den mutigsten und wohl besten Film des Jahres.
Präzision und Improvisation
Mit der Mischung von Präzision und Improvisation zieht der 1963 in Gera geborene Regisseur seit mehr als einem Jahrzehnt das Publikum in den Bann. Der Sohn des Theaterregisseurs Adolf Dresen und der Schauspielerin Barbara Bachmann arbeitete nach dem Regiestudium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf für das Fernsehen. Doch seit dem Film Nachtgestalten (1999), einer Geschichte mit lose verwobenen Handlungssträngen, die sechs Menschen im nächtlichen Berlin begleitet, ist er vor allem auf den großen Leinwänden zu Hause.
Es sind die Themen und der besondere Fokus, mit dem Dresen das Alltägliche betrachtet, was die Zuschauer fesselt und sie mitnimmt in seine Geschichten. Seit Nachtgestalten, in dem sie die Gelegenheit hatten, das obdachlose Paar Hanna und Victor, die heroinabhängige Prostituierte Patty und ihren Freier vom Land sowie den Geschäftsmann Peschke zu begleiten, der auf dem Flughafen auf einen jungen Flüchtling aus Angola trifft, folgen sie ihm nur zu gern. Zum Beispiel in das von der Wiedervereinigung geprägte Frankfurt/Oder, in dem zwei Ehepaare durch die Untreue der Partner in eine Krise geraten, die den bisher eingefahrenen Alltag völlig durcheinander bringt (Halbe Treppe, 2002). Oder nach Berlin, wo zwei Freundinnen mit Liebe, Freundschaft, Solidarität, Arbeitslosigkeit und Einsamkeit zu kämpfen haben (Sommer vorm Balkon, 2004).
„Man macht einen Film, um etwas herauszufinden.“
Immer wieder erhalten intensive Darstellung und überzeugende Darsteller großes Lob. Immer wieder überrascht Andreas Dresen mit der Wahl seiner Themen. Schon 1991, in Stilles Land, widmete er sich der Wechselwirkung von Politischem und Privatem und schilderte die Auswirkungen des Mauerfalls aus der Sicht von Schauspielern und Regisseur in einem Provinztheater in der DDR. 2008 befasste er sich in Wolke 9 für viele verblüffend offen mit Liebe und Sex im Alter. „Es hat mich angeödet, dass die Gesellschaft immer älter wird, aber es nicht die dazugehörigen Bilder gibt“, sagte er dazu der Deutschen Presseagentur. „Liebe und Sex hören ab einem bestimmten Alter scheinbar auf zu existieren.“
Um das Älterwerden, aber auch um Lebenslügen und letztlich um die Liebe zum Filmemachen geht es 2009 in Whisky mit Wodka. Die Hauptfigur ist ein alternder Star, der sich zunehmend im Alkohol ertränkt. Deshalb werden alle seine Szenen zur Sicherheit noch einmal mit einem jüngeren Darsteller gedreht. Es war Dresens bisher aufwendigster Film – und das was er den Regisseur zur Botschaft eines Films sagen lässt, zeigt viel von seinem eigenen Arbeitsansatz: „Die Botschaft gibt es vielleicht gar nicht. Man macht einen Film nämlich nicht, weil man Bescheid weiß, sondern um etwas herauszufinden.“
Andreas Dresen, Mitglied der Akademie der Künste Berlin-Brandenburg und der Deutschen Filmakademie, ist zwar hauptsächlich in Sachen Kino aktiv, dennoch zieht es ihn immer mal wieder zum Fernsehen (Herr Wichmann von der CDU, 2003, oder 20 Mal Brandenburg, 2010), aber auch zur Bühne wie an das Schauspiel Leipzig oder das Deutsche Theater Berlin. 2006 inszenierte er an der Baseler Oper Don Giovanni.
Der Regisseur, der nie einen Sinn für den üblichen Glamour seiner Branche entwickelt hat, wurde national wie international mit Auszeichnungen überhäuft. Neben dem Deutschen Filmpreis in Silber für Halbe Treppe und für die beste Regie in Wolke 9 stehen unter vielen anderen der Silberne Bär der Berlinale für Halbe Treppe sowie der Coup de coeur du Jury für Wolke 9 und der Prix Un Certain Regard des Internationalen Filmfestivals in Cannes für Halt auf freier Strecke im Regal. Auf dem 60. Filmfestival Mannheim-Heidelberg 2011 erhielt Andreas Dresen den Master Cinema Award.
ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt unter anderem für Tageszeitungen und Stadtmagazine.
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Januar 2012
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