Ausgewählte Festivals und Preise in Deutschland

60. Geburtstag – was die Berlinale den Zuschauern schenkte

Ausschnitt aus dem Retrospektiveplakat „Play it again...!“; Plakatentwurf: Pentagram Design Berlin; © BerlinaleRetrospektiveplakat „Play it again...!“; Plakatentwurf: Pentagram Design Berlin; © BerlinaleDer Ansturm auf die 60. Berlinale war ungebrochen: „Damit hat uns das größte Geburtstagsgeschenk unser Publikum gemacht. Es feiert die Berlinale einmal mehr als das größte Kino-Publikumsfestival der Welt“, freute sich Festivaldirektor Dieter Kosslick über die Begeisterung. Doch es verhielt sich auch umgekehrt – das Festival beschenkte sein Publikum.

Zum Beispiel mit der neuen Reihe „Berlinale Goes Kiez“: An jedem Abend wurden zwei Filme aus dem Festivalprogramm in ausgewählten Stadtteil-Kinos von Filmteams und Kino-Paten präsentiert. Also nicht nur Stars und Glamour in den Festivalkinos, sondern erlebbares Programm im „Kino um die Ecke“. Zu den Paten gehörten unter anderem Wim Wenders, Michael Verhoeven, Senta Berger, Andreas Dresen, Hans-Christian Schmid, Christian Petzold, Hans-Christoph Blumenberg und Tom Tykwer. Wim Wenders war begeistert: „Eine tolle Aktion. Hier wird mit Hingabe eine Idee von Kino aufrecht erhalten, die zu verlieren ein echter Verlust wäre.“

Neben den Welturaufführungen wird auf Filmfestivals das Wiedersehen ganz groß geschrieben. Mit Freunden, Geschäftspartnern und – Filmen. Mit letzteren „verabredet“ man sich entweder bei „Berlinale Special“ oder in der „Retrospektive“.

„Metropolis“: Director’s Cut

Die Premiere der von der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung restaurierten Fassung von METROPOLIS (1927/2010) am 12. Februar 2010 im ausverkauften Friedrichstadtpalast zählte zu den Höhepunkten der 60. Internationalen Filmfestspiele Berlin; © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung / Uwe DettmerAm sehnlichsten erwartet wurde in diesem Jahr die Welturaufführung der vollständig restaurierten Fassung eines Films aus dem Jahr 1927 – Metropolis von Fritz Lang. In der ganzen Welt hat wohl jeder Cineast dieses Meisterwerk in der einen oder anderen Version schon gesehen – doch so noch nie! Unmittelbar nach der deutschen Premiere 1927 war der Film aus Vertriebsgründen empfindlich gekürzt worden – über 30 Minuten Material wurden herausgeschnitten. Vor zwei Jahren tauchte dann im Filmarchiv von Buenos Aires eine Kopie der Originalfassung auf. Eine cineastische Sensation, die unter Federführung der Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung mit einem Team von internationalen Spezialisten aufwendig restauriert wurde.

Metropolis: Der Schmale überwacht Freder; © Friedrich-Wilhelm-Murnau-Stiftung / Museo del Cine Pablo C. Ducros HickenDer frenetische Beifall der über tausend Zuschauer, als Metropolis am 12. Februar begleitet vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in Friedrichstadtpalast wiederaufgeführt wurde, war ein später Triumph für Fritz Lang: Endlich wurde sein Meisterwerk wieder so gezeigt, wie er es wollte. Und wer keine Karten bekommen hatte, konnte sogar gratis dabei sein – über 2.000 Zuschauer sahen vor verschneiter Kulisse auf einer Großleinwand am Brandenburger Tor den Film. Zeitgleich lief der Film in der Alten Oper in Frankfurt. Die Restaurierung war vom Land Hessen maßgeblich mitfinanziert worden. Und auch im Fernsehen wurde dieses filmhistorische Ereignis live übertragen.

Fassbinders „Welt am Draht“ und Erinnerungen an die Eklats von einst

Klaus Löwitsch in „Die Welt am Draht“ von Rainer Werner Fassbinder; © Kinowelt GmbHAls eine weitere hervorragende Rekonstruktion war der lange nicht verfügbare TV-Zweiteiler Welt am Draht von Rainer Werner Fassbinder zu sehen. In dem Science-Fiction-Film aus dem Jahr 1973 verfangen sich die Protagonisten in beklemmenden Parallelwelten. Die Ähnlichkeit mit sehr viel jüngeren Filmen, wie Matrix (Andy und Larry Wachowski, 1999) oder Strange Days (Kathryn Bigelow, 1995) ist offensichtlich und umso bewundernswerter Fassbinders hellsichtige Themenwahl und gelungene Inszenierung.

Doch ein Festival unterhält nicht nur, es provoziert auch gesellschaftliche Diskurse und so manchen Eklat. „Von außergewöhnlicher Brisanz waren jene Filme, die die Festivalroutine aus politischen oder ästhetischen Gründen aus den Fugen geraten ließen und dadurch besonders im Gedächtnis geblieben sind“, so Rainer Rother, Künstlerischer Direktor der Deutschen Kinemathek und Leiter der Retrospektive.

Zwei dieser „Skandalfilme“ waren im Programm der Retrospektive zu sehen: 1976 beschlagnahmte der Staatsanwaltschaft sofort nach der ersten Vorstellung den Film Im Reich der Sinne von Nagisa Oshima und erhob Anklage wegen „Verbreitung von Pornographie“. Und als Michael Ciminos Antikriegsdrama The Deer Hunter 1979 in das Wettbewerbsprogramm genommen wurde, protestierte die Sowjetunion „wegen verzerrter Darstellung des sozialistischen Bruderlandes Vietnam“. Der Film lief trotzdem. Mehrere sozialistische Länder zogen daraufhin ihre Filme aus dem Programm zurück, ihre Delegationen reisten ab.

Lieblingsfilme – das Publikum stimmt ab

Berlinale-Plakat 2010; © BerlinaleAuf den diesjährigen Jubiläums-Plakaten waren alle rund 15.000 Filme aufgeführt, die seit 1951 im Programm der Berlinale zu sehen waren: „Da findet jeder mit ein bisschen Geduld seinen Lieblingsfilm“, so Festivalchef Dieter Kosslick. Doch Lieblingsfilme des Publikums sind oft nicht die, die mit den offiziellen Preisen des Festivals ausgezeichnet werden. Deshalb an dieser Stelle einmal ein dezidierter Blick auf Publikumspreise und Leserjurys, die von Filmliebhabern und völlig unbeirrt von strategischen Absichten vergeben wurden.

Mit gutem Grund sind in den Wettbewerben internationaler Festivals nur sehr selten Komödien zu sehen. Und wenn, dann haben sie kaum eine Chance auf einen Preis – selbst wenn sie so gut gelungen sind, wie der norwegische Film En ganske snill mann (Hans Petter Moland). Stellan Skarsgard brilliert hier als Ex-Knacki, dessen Neustart durch falsche Freunde, sexbesessene Frauen und durch die Begegnung mit der wahren Liebe sehr turbulent gerät. Auch wenn der Film erwrtungsgemäß bei den Hauptpreisen leer ausging – die Leserjury der Berliner Morgenpost wählten ihn zu ihrem Lieblingsfilm des Wettbewerbs.

Still aus „Waste Land“Für den Panorama-Publikumspreis konnten alle Besucher ihre Stimme abgeben. Und das taten sie dieses Jahr in der Mehrzahl für einen Dokumentarfilm. In Waste Land (Lucy Walker) sieht man den brasilianischen Künstler Vik Muniz, bei einer Installation im „Jardim Gramacho“, einer der größten Mülldeponien der Welt. Vor den Toren Rio de Janeiros leben die Menschen dort im und vom Müll: Die sogenannten „Pflücker“ wurden von Muniz in sein Kunstprojekt einbezogen, indem sie Porträts von sich formten – aus Müll.

Auch der Leserpreis des Tagesspiegel ging an einen Film, dessen Heldin über sich selbst hinauswächst. In Winter’s Bone erzählt Debra Granik von der verzweifelten Suche eines Teenagers nach dem abgetauchten Vater. Er hat die Familie mit Schulden und einem verpfändetem Eigenheim zurückgelassen. Doch statt Hilfe zu finden, erntet Ree nur Schweigen und Ablehnung. Ein kaltes Bild von einem harten Amerika, in dem Obamas Optimismus noch nicht angekommen ist. Bemerkenswert ist, dass Winter’s Bone, obwohl ein Spielfilm, wie ein Dokumentarfilm daherkommt – so nah bringen uns Kameraästhetik und Inszenierung diesen Überlebenskampf.

Die Wahl der diesjährigen Publikums- und Leserpreise zeigt deutlich – auch mit Filmen über Tabuthemen und Dokumentarfilmen kann man ein großes Publikum erreichen. Den Kinobetreibern – vor allem aber den Fernsehsendern – sollte dies Mut machen, ihre Programmgestaltung zu überdenken.

Sehen und gesehen werden

Nicolas Philibert; © Philip ScheffnerBesonders wichtig auf jedem Festival – die „Geheimtipps“. Ganz oben rangierte hier bei der Berlinale 2010 Nénette von Nicholas Philibert. Im Mittelpunkt ein Orang-Utan-Weibchen. Ein Tierfilm also – aber nicht im klassischen Sinn. Vielmehr vor allem ein Film, der uns viel über den Menschen lehrt: Während wir im Bild Nénette sehen – beim Essen, Schlurfen, Kratzen – hören wir die Stimmen der Zuschauer, die Nénettes Aktionen kommentieren. Und das ist überaus demaskierend ...

Tatsächlich ist Nénette auch ein Film über das Sehen und das Kino. „In den Augen des Affen vereinen wir Kinozuschauer uns mit den Zoobesuchern zu einem einzigen Betrachter, der sich im Betrachteten selbst spiegelt“, so Katja Nicodemus in der Zeit. Genau das wollen wir auch weiterhin und freuen uns schon jetzt auf die 61. Berlinale 2011!

Cathy de Haan
ist Autorin und Dramaturgin. Sie arbeitet international als Kuratorin und Jurymitglied für Filmfestivals und lehrt am Deutschen Literatur Institut Leipzig Szenisches Schreiben für Film.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
März 2010

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