Filmszene

„Bei Animationsfilmen denkt man immer an Kinderfilme“ – Lars Meyer im Interview

Animationsfilm in Deutschland: Die einheimische Branche wird gewissermaßen ausgebremst.  Foto: © Trickfilm Festival StuttgartAnimationsfilm in Deutschland: Die einheimische Branche wird gewissermaßen ausgebremst.  Foto: © Trickfilm Festival StuttgartDer deutsche Animationsfilm führt zu Unrecht ein Schattendasein. Es gibt gute Filmhochschulen, die Festivals boomen, aber die Abnehmer fehlen und Studios schließen. Der Filmkritiker Lars Meyer gibt im Interview Einblicke in die Welt des Trickfilms.

Herr Meyer, welche Entwicklungen und Themen gibt es derzeit beim Genre Animationsfilm?

Was den künstlerischen Animationsfilm angeht, sind heutzutage alle Themen und alle Techniken aktuell. Es sind Filme, die in den Hochschulen entstehen und die man in der Regel auch auf den Festivals zu sehen bekommt – sei es beim Filmfest Dresden oder DOK Leipzig, bei Interfilm in Berlin oder beim Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart.

Filmkritiker Lars MeyerDas können ganz persönliche Filme sein oder auch animierte Dokumentarfilme wie zum Beispiel Warmes Wasser aus der Wand von Hendrik Niefeld. Da ging es darum, das Lebensgefühl der DDR zu skizzieren. Aber dass es ein bestimmtes Thema gäbe oder eine bestimmte Technik, die sich durchsetzt, kann man nicht sagen. Allerdings muss man feststellen, dass der Animationsfilm in Deutschland vor allem auf den Kinderfilm fokussiert ist oder als solcher wahrgenommen wird. Das meiste, was für das Fernsehen gemacht wird, ist Kinderfilm und hauptsächlich computergeneriert. Sei es nun 2D- oder 3D-Animation. Trotzdem gibt es aber noch all die alten Techniken. Es ist nicht so, dass jetzt keiner mehr weiß, wie man einen Zeichentrick- oder einen Puppentrickfilm, einen Legetrick oder auch eine Sandanimation macht.

Ist Animadoc ein Trend?

Animadoc ist definitiv ein Trend. Es ist nicht ganz so neu, wie es vielleicht klingt, denn schon in den 1980er-Jahren gab es Filme, die sich als animierter Dokumentarfilm bezeichnen lassen. Nur ist inzwischen auch das Bewusstsein für diese Mischform da. Es hat sich dieser Begriff Animadoc herausgebildet und er ist gerade auf dem Weg, akademisch zu werden. Viele Filmemacher sind davon fasziniert, ein berühmtes Beispiel ist Waltz with Bashir von Ari Folman. Mit Animadoc lässt sich etwas erzählen, was sich sonst nicht so erzählen ließe, beispielsweise wenn es darum geht, Innenwelten zu verdeutlichen. Der Klassiker des animierten Dokumentarfilms wäre, dass man ein Interview hat, also ein wahres Dokument. Man bildet aber nicht das Interview ab, sondern eine andere Bildebene. Etwas Animiertes, was in die Welt des Protagonisten hineinführt. Es kann aber auch ganz anders aussehen, wie zum Beispiel in dem irischen Film Irish Folk Furniture von Tony Donoghue, in dem es um die Restaurierung von alten Möbeln geht, die die ganze Zeit durch die Landschaft rollen.

Braucht der deutsche Animationsfilm mehr Förderung?

Es gibt wirklich fantastische Hochschulfilme und auch Ausbildungsstätten, die technisch prima ausgestattet sind: die Filmakademie Baden-Württemberg, die Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam-Babelsberg und auch die Internationale Filmschule Köln holt gerade auf. Da können die Studenten sich ausprobieren, da machen sie künstlerisch hoch anspruchsvolle Filme, danach aber stehen sie vor dem Markt. Und dann geht es im Prinzip nicht weiter für diese jungen Leute. Es gibt nur wenig Abnehmer für diese Art von Filmen und viele der Absolventen schlagen sich dann als freiberufliche Grafik-Designer durch oder arbeiten für die Werbung. Aber das ist logischerweise nicht das, was sie machen wollen. Manche verlassen das Land und gehen in die USA. Die Pixar-Studios nehmen unseren Filmnachwuchs mit Kusshand. Oder die Absolventen gehen nach Frankreich, wo es ein vergleichbar großes Betätigungsfeld gibt.

Szene aus dem Film „Waltz with Bashir“  Foto: © Pandora FilmIch habe gerade eine Statistik gelesen, dass selbst in Irland und in Luxemburg mehr Animationsfilm produziert wird als in Deutschland. Der Markt konzentriert sich hier eben vor allem auf Kinderfilme. Natürlich gibt es auch Filmfördertöpfe – jedoch keine Quote, die wie in Frankreich festlegt, wie hoch der Anteil von deutschen Animationsfilmen im Fernsehen sein muss. Die Verknüpfung der Förderung mit dem Fernsehen ist groß – es spielt aber als Absatzmarkt für den Animationsfilm nur eine geringe Rolle. Es kommt höchstens zur Stoffentwicklung, aber die Fertigstellung steht dann infrage. Der Anteil deutscher Animationsfilme im Fernsehen beträgt sechs Prozent, vorwiegend wird aus dem Ausland eingekauft. Das heißt, dass die einheimische Branche gewissermaßen ausgebremst wird. Das eigentliche Problem ist aber, dass wir kaum ein Bewusstsein für Animationsfilme haben. Bei Animationsfilmen denkt man immer an Kinderfilme. Das ist ein großes Missverständnis.

Wie wird diesem Eindruck entgegengewirkt?

Immer mehr Studios mussten in der Vergangenheit schließen. Um diese Entwicklung aufzuhalten, wurde im vergangenem Jahr der Berufsverband „AG Animationsfilm“ gegründet, wo verstärkt Lobbyarbeit betrieben wird. Denn die meisten Animationsfilme werden natürlich nur auf dem öffentlich-rechtlichen Kinder-Fernsehkanal KiKA gezeigt.

Vor zwölf Jahren ist das „Animation Exchange Forum“ unter dem Dach des Filmfests Dresden gemeinsam mit dem Goethe-Institut als „Austauschforum Perspektiven für den Animationsfilm“ initiiert worden. Dort trifft sich der europäische Nachwuchs, der gerade dabei ist diesen schwierigen Markt zu betreten. Er tauscht sich aus über Tendenzen, über unterschiedliche Bedingungen in den verschiedenen Ländern und macht gemeinsam Workshops. 2012 war Lettland der Länderschwerpunkt, es gab eine Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut in Riga. 2013 wird das Goethe-Institut in Tbilissi Mitpartner sein. In Dresden gibt es eine besondere Wertschätzung für den Animationsfilm. Auch das Deutsche Institut für Animationsfilm (DIAF), das das Erbe des DEFA-Trickfilmstudios verwaltet, ist dort angesiedelt.

Sie sind auch in der Auswahlkommission des DOK Leipzig. Welcher deutsche Animationsfilm hat Ihnen denn aktuell besonders gut gefallen?

Plakat von „Rising Hope“ Foto: © Milen VitanovAuf dem Internationalen Leipziger Festival für Dokumentar- und Animationsfilm haben wir etwa 700 Kurzfilme gesichtet. Darunter waren auch sehr viele tolle deutsche Filme, die sogar für zwei Extraprogramme Neue deutsche Animation zusammengefasst wurden. Sehr gut gefallen hat mir der computeranimierte Film Rising Hope von Milen Vitanov. Das ist ein Animator, der aus Bulgarien stammt, aber in Deutschland studiert hat und in Berlin lebt. Es ist die Geschichte des Rennpferdes Rising Hope, das zunächst sehr erfolgreich ist und dann in die Krise gerät. Eine klassisch erzählte Geschichte mit allen dramaturgischen Höhen und Tiefen, sehr witzig und sehr hübsch gemacht.

Karoline Rebling
führte das Interview. Sie ist freie Journalistin in Frankfurt am Main.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Januar 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Ausschreibung: ZEBRA Poetry Film Festival

Das ZEBRA Poetry Film Festival schreibt zum 7. Mal den Wettbewerb um die besten Poesiefilme aus. Eingereicht werden können Kurzfilme, die auf Gedichten basieren. Bewerbungsschluss: 25. April 2014

Berlinale Talent Press

DocNet Southeast Asia

Regionale und internationale Vernetzung, Ausbildung und Unterstützung für Dokumentarfilmemacher aus Südostasien

Dossier: Filmbranche in Deutschland und Ungarn

Színház- és Filmművészeti Egyetem © Sióréti Gábor
Filmfinanzierung, Ausbildung und aktuelle Tendenzen des ungarischen und des deutschen Gegenwartsfilms.

Twitter

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Interview: Margarethe von Trotta

Margarethe von Trotta, 2014 (Photo: Manfred Breuersbrock)
Peter Krausz sprach mit der Regisseurin von Hannah Arendt bevor der Film in die australischen Kinos kam. Von Trotta spricht über den Film und die Herausforderungen, die europäische Filmemacherinnen in einem US-dominierten Markt zu bewältigen haben.