Filmszene

Das Filmkunst-Projekt „Living Archive“

Kuratoren, Filmemacher und Künstler arbeiten unter dem Titel Living Archive die Filmbestände des Arsenal auf.  Foto: Gerd MittelbergKuratoren, Filmemacher und Künstler arbeiten unter dem Titel Living Archive die Filmbestände des Arsenal auf.  Foto: Gerd Mittelberg Das „Arsenal“ in Berlin hat in mehr als 50 Jahren ein beeindruckendes Archiv an filmischen Raritäten aufgebaut. Nach dem Motto „Filme existieren, wenn sie gesehen werden” sichten Künstler und Kuratoren die Bestände und lassen etwas Neues entstehen.

Darryl Els aus Johannesburg sucht in Berlin eine gute Geschichte. Der Filmemacher ist für drei Monate in der Stadt, um an einem Kunstprojekt im Arsenal, dem Institut für Film und Videokunst mitzuwirken: 35 Kuratoren, Filmemacher und Künstler arbeiten unter dem Titel Living Archive die Bestände des Filmarchivs auf.

Ein beeindruckendes Archiv

Die Teilnehmerliste umfasst Namen wie Hito Steyerl.  Foto: Marian Stefanowski

Der 33-Jährige beschäftigt sich in seinen Werken mit dem Thema Migration. In seinem Film The Battle for Johannesburg dokumentiert Els zum Beispiel die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 aus seiner Sicht – als riesigen Rummel, der seine Geburtsstadt spaltet: Die Stadtverwaltung von Johannesburg ist entschlossen, die Metropole für das Weltereignis herauszuputzen. An die Bewohner in ihren Slums denkt sie dabei nicht. Bald zieht der Mittelstand in die verschönerten Gegenden und verdrängt die Armen. Das Bild von Els Geburtsstadt ändert sich rasant. „Träume kommen hierher, um zu sterben“, heißt es in einem Rap, der seine Filmbilder ergänzt. Bedeutet Gentrifizierung zwangsläufig, dass eine Gruppe ausgeschlossen wird? Kann es eine Weltstadt für alle geben?

Im Arsenal hat Els nun Zugang zu etwa 8.000 Titeln. Die Teilnehmerliste von Living Archive umfasst Namen wie Hito Steyerl; Els ist als Stipendiat des Goethe-Instituts dabei. Die Idee, ein derart großes Archiv wie das Arsenal „aufzuarbeiten“, mag zunächst abstrakt klingen – doch wenn Stefanie Schulte Strathaus,die das Arsenal als Vorstandsmitglied leitet, das Projekt beschreibt, klingt die Idee sehr einleuchtend: „Die Teilnehmer können die Filme in Performances umsetzen, eigene Vorführungsreihen zusammenstellen oder die Filme neu vertonen – zum Beispiel eine Tonspur unter historisches Stummfilmmaterial legen.“ Ein solch experimenteller Zugang ist typisch für das Arsenal, das mit dem Forum eine eigene Sektion der jährlichen Internationalen Filmfestspiele Berlin verantwortet. Kopien der Filme verblieben nach dem Festival im Arsenal. In mehr als 50 Jahren ist so von allein ein beeindruckendes Archiv gewachsen.

Filme vor dem Vergessen bewahren

Es besteht die Gefahr, dass viele Filme in Vergessenheit geraten.  Foto: Gerd MittelbergEine bestimmte Ausrichtung hat das Archiv daher nicht. Doch wenn man von einem Schwerpunkt der Sammlung sprechen wollte, dann wäre das wohl „Weltpolitik“. In den Beständen befinden sich philippinische Videos und Bollywood-Raritäten. „Viele Künstler aus dem ehemaligen Chile zum Beispiel kamen auf uns zu, damit wir das dortige Schaffen dokumentieren“, sagt Schulte-Strathaus. Bei diesem Land gab es sogar eine Rückgabeaktion.

In Zeiten von YouTube & Co. meinen viele, dass sich fast alles im Internet finden lässt. Doch das ist ein Trugschluss. „Enorm viel Material ist nicht digitalisiert, und es besteht die Gefahr, dass diese Filme in Vergessenheit geraten.“ Für das Arsenal wäre eine komplette Digitalisierung seines Archivs allerdings nicht sinnvoll. „Wir restaurieren das Material nur, wenn das einen Grund hat, wenn wir zum Beispiel Filme verleihen sollen, die nur bei uns existieren.“ Dafür betreibt das Arsenal zwei Kinos, die jährlich etwa 1.000 Vorführungen geben. Schulte-Strathaus bringt das Verhältnis zum Film auf den Punkt: „Filme existieren, wenn sie gesehen werden.“

Vom Hobby zum Lebensunterhalt

Arsenal restauriert das Material nur, wenn das einen Grund hat.  Foto: © Arsenal Institut für Film und VideokunstSo sieht das auch der Filmfreak Darryl Els. Zuletzt hat er vor allem experimentelle Komödien aus den 1960er-Jahren oder japanische Filme gesehen. Außerdem sammelt er selbst seltenes Filmmaterial. „Ich besitze viele Afrovision-Filme, Werke, die afrikanische Aktivisten in den 1980er-Jahren gedreht haben.“ Diese Videos würden sehr gut aufbewahrt und einige der Filmemacher habe er in Johannesburg sogar kennengelernt. Sein Interesse für den Autorenfilm ging nämlich so weit, dass er beschloss, seinen Lebensunterhalt mit seinem Hobby zu bestreiten. Er betreibt das Indie-Kino „The Bioscope“ in der Innenstadt von Johannesburg – eine Seltenheit in der von Multiplex-Kinos bestimmten Metropole. Das Kino wurde daher schnell zum Szenetreff, wo Zuschauer und Filmemacher zusammenkommen. Els findet es bedauerlich, dass viele afrikanische Produktionen versuchen, Hollywood zu imitieren. „Ich mag Filme, die sich mit großen Themen beschäftigten, diese aber mithilfe von kleinen alltäglichen Geschichten erzählen.“

Trotz seiner klaren Vorlieben: Nach Berlin ist er bewusst „als weißes Blatt Papier“ gekommen. Die Ergebnisse des Living Archive-Projekts werden im Sommer 2012 in verschiedenen Ländern zu sehen sein. „Ich interessiere mich für das Konzept des ‚nationalen Kinos‘ – aber ich will es infrage stellen.“ Besonders für Südafrika mit seiner Geschichte der Apartheid sei das Konzept eines „nationalen Kinos“ problematisch.

Franziska Schwarz
ist freie Journalistin in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
November 2011

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