Filmszene

Branche mit Zukunft – deutsche Unternehmen für visuelle Effekte und Computeranimation im Film

Viele deutsche Firmen für Visuelle Effekte sind an großen Filmproduktionen beteiligt.  Foto: small frog © iStockphotoViele deutsche Firmen für visuelle Effekte sind an großen Filmproduktionen beteiligt.  Foto: small frog © iStockphotoGroße Freude nicht nur in Hollywood, sondern auch im fernen Frankfurter Stammhaus: Im Februar 2012 wurde die deutsche Effekte-Firma Pixomondo mit einem Oscar ausgezeichnet. Und sie ist nicht die einzige erfolgreiche deutsche Firma in dieser Branche.

Am 26. Februar 2012 nahmen die stolzen Pixomondo-Mitarbeiter Ben Grossmann und Alex Henning im Hollywood & Highland Center in Los Angeles den Academy Award für ihre visuellen Effekte in Martin Scorseses Spielfilm-Hommage an die Anfänge des modernen Kinos Hugo Cabret entgegen. Regisseur Scorsese verfilmte die Adaption eines illustrierten Jugendbuchs als Animationsabenteuer mit realen Darstellern in digitaler 3D-Optik. Von den 126 Filmminuten haben die Frankfurter insgesamt 62 Minuten am Computer fabriziert, laut Spiegel Online sind das 98 Prozent aller Spezialeffekte in diesem Film.

Standorte auf drei Kontinenten

Pixomondo, ARRI und Scanline sind die großen Namen der deutschen VFX-Branche.  Foto: 36clicks © 123RFPixomondo, 2001 von Thilo Kuther gegründet, hat neben dem Firmensitz in Frankfurt am Main mittlerweile ein internationales Netzwerk von Dependancen in Berlin, München, Stuttgart, Los Angeles, London, Schanghai, Peking und seit kurzem auch Toronto aufgebaut. Mit diesen Standorten auf drei Kontinenten kann die Firma quasi Tag und Nacht ihre Dienstleistungen anbieten und ist nicht von einer rein deutschen Auftragslage abhängig.

Vor Hugo Cabret hatte Pixomondo die visuellen Effekte (visual effects, kurz: VFX) für actionlastige Hollywoodproduktionen wie Fast & Furious Five (2011), Percy Jackson (2010) oder Sucker Punch (2011) bearbeitet. Neben der Realisierung und Überwachung von visuellen Effekten im Rahmen der Filmnachbearbeitung (also etwa dem „Einbau“ von Feuer oder Rauch in eine Szene, Farbkorrekturen, Hell-/Dunkel-Effekte) sowie computer generated imagery (kurz: CGI, am Computer hergestellte Personen, Tiere oder Landschaftselemente) übernimmt Pixomondo auch die 3D-Animation für Kinospielfilme, TV-Produktionen und Werbeclips.

Klein angefangen in der Provinz

Der Einsatz von computergenerierten Effekten für Film und TV wird weiter zunehmen.  Foto: Natalia Silych © iStockphotoDie beiden Oscar-Gewinner und VFX-Experten haben an der Georg-Simon-Ohm-Hochschule für angewandte Wissenschaften in Nürnberg studiert. Auch zwei weitere Absolventen der Hochschule, Tobias Wiesner und Duc Minh Tran hatten nach ihrem Abschluss – ebenfalls für Pixomondo – an Hugo Cabret mitgewirkt und freuten sich daher auch über den Oscar. Zudem wies die Ohm-Hochschule Nürnberg darauf hin, dass im Rahmen der diesjährigen Verleihung der Academy Awards der Spielfilm Rango in der Kategorie Bester Animationsfilm einen Oscar erhalten hatte. Rango ist der erste Animationsfilm der berühmten US-Effekte-Firma Industrial Light & Magic (Star Wars). Bei der Produktion war Florian Witzel, ein weiterer Absolvent aus Nürnberg, beteiligt.

Dekan der für visuelle Effekte verantwortlichen Fakultät Design an der Ohm-Hochschule ist Professor Jürgen Schopper, der unter anderem für das Münchner Traditionsunternehmen ARRI als Creative Director VFX tätig ist. Die ARRI Group stellt nicht nur Kamera- und Beleuchtungssysteme her, sondern im Rahmen ihrer Sparte „Film & TV Services“ auch visuelle Effekte. An den Standorten München, Berlin und Köln werkelten die ARRI-Experten etwa an Marcus H. Rosenmüllers Film Sommer in Orange (2011), der Multikulti-Komödie Almanya – Willkommen in Deutschland (2011) oder der europäischen Koproduktion Die Gräfin von und mit Julie Delpy (2009). Eines der jüngsten Engagements war der deutsche TV-Film München 72, für den ARRI etwa 100 sogenannte VFX-Shots umgesetzt hat: etwa Einschüsse von Projektilen in Wände und Böden, Mündungsfeuer an Waffen, Körpertreffer mit Blutspritzern, Spiegelungen in Fensterscheiben oder der maßstabsgetreue Nachbau einer Boeing 727 als 3D-Modell im Computer.

Freiberuflich auf Wanderschaft

Die meisten VFX-Beschäftigten arbeiten freiberuflich und sind projektabhängig auf Wanderschaft.  Foto: Leah Anne Thompson © iStockphotoEbenfalls international aufgestellt ist die deutsche Firma Scanline VFX mit Werkstätten in München, Düsseldorf, Los Angeles und Vancouver. Die Spezialisten von Scanline sind vor allen Dingen für ihre digitalen von Wasser- und Feuereffekte gefragt. Publikumsträchtige Kinowerke wie 300 (2007) und Poseidon (2006) sowie deutschsprachige TV-Filme wie Dresden (2006), Die Sturmflut (2005) oder Hai-Alarm auf Mallorca (2003) beeindrucken in Ausschnitten selbst noch im winzigen Demofilm auf der Website des Unternehmens. Zuletzt hat Scanline an den in Deutschland produzierten Spielfilmen Girl on a Bicycle (deutscher Kinostart: 7. März 2013) und Der perfekte Mann (28. März 2013) mitgewirkt sowie an der internationalen Koproduktion Cloud Atlas (15. November 2012) von Tom Tykwer und Andy und Lana Wachowski.

Pixomondo, ARRI und Scanline sind die großen Namen der deutschen VFX-Branche. Das Gros stellen allerdings kleine Unternehmen dar wie Weltenbauer (Wiesbaden), Meilenstein Digital (Augsburg) oder Yager (Berlin), die entweder im Bereich Beratung und Schulung tätig sind oder sich gleich auf die Segmente Video und Computerspiele fokussieren. Die meisten Beschäftigten im Bereich visuelle Effekte aber arbeiten freiberuflich und sind projektabhängig auf Wanderschaft. Wegen der immer knapper werdenden Produktionsbudgets und der günstiger werdenden Software wird der Einsatz von computergenerierten Effekten für Film und TV stetig zunehmen. Gleichzeitig scheint das Interesse an dieser grafisch-technischen Beschäftigung ungebrochen: Wer erlebt, wie viele junge Menschen um die 20 Jahre sich beim jährlichen Animation Meeting während des Münchner Filmfests tummeln, muss sich um die Zukunft der Branche keine Sorgen machen – höchstens darum, wie viele Menschen mit kreativem Potenzial tatsächlich mit Arbeit versorgt werden können.

Andreas Wirwalski
arbeitet in München als freier Journalist und Autor.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Oktober 2012

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