Vorboten des arabischen Frühlings – Filme als Seismografen?

Filme werden oft als Seismografen der Gesellschaft bezeichnet. Können also arabische Filme als Vorboten der aktuellen Umbrüche gesehen werden? Wenn ja, warum haben wir die Zeichen nicht erkannt?
Der ägyptische Regisseur Ibrahim El Batout hat seit 2005 drei abendfüllende Spielfilme verwirklicht, zwei davon, Ain Shams (Ägypten 2008) und Hawi (Ägypten/Katar 2010), schafften es in die Filmpaläste. Seine Arbeiten gelten zusammen mit Ahmad Abdallas Kinofilmen Heliopolis (Ägypten 2009) und Microphone (Ägypten 2010) als unabhängig. Sie haben unter ägyptischen Intellektuellen viel Aufmerksamkeit bekommen, da sie die ersten Filme ihrer Art waren, die es in die regulären Distributionskanäle geschafft haben. Was die Filmsprache betrifft würden sie das Attribut „unabhängig“ aus europäischer Sicht vermutlich nicht bekommen, gemessen am durch und durch kommerziellen Charakter der ägyptischen Filmindustrie sind sie es gewiss. Sie versuchen die Realität ihrer Gesellschaft zu beleuchten und lassen das Publikum mit zahlreichen Fragen zurück. Das Mainstreamkino hingegen hat in aller Regel Antworten parat, erklärt dem Publikum anstatt sich mit ihm gesellschaftlicher Verantwortung und Ungewissheit zu stellen.
Gar nicht so anders
Die Themen der unabhängigen Filme, seien sie fiktional und abendfüllend, kurz oder dokumentarisch, befassen sich mit dem, was die Menschen unmittelbar umgibt, bewegt, besorgt: Industriell gefertigte Nahrungsmittel und Fleisch aus Massentierhaltung, das Schweigen über das Abwandern der Minderheiten nach der ägyptischen Revolution von 1952 bis 1956, Einsamkeit, Sprachlosigkeit, die Kluft zwischen Arm und Reich oder gesellschaftlicher Stillstand. Es geht in arabischen Filmen der vergangenen zehn Jahre um Fragen des Verhältnisses vom Individuum zum Kollektiv, die Aufarbeitung von Kriegen, das Zusammenleben in der multikulturellen Gesellschaft, um Liebe und Familienfragen. Probleme, die sich von unseren dem Prinzip nach nicht sehr unterscheiden. Genau das ist ein Grund dafür, dass viele dieser Arbeiten in Europa keine nennenswerte Beachtung finden, denn sie zeigen nicht, was wir als spezifisch arabisch bezeichnen. Sie sind nicht anders.
Filme als Annäherung
Außer Ägypten verfügt kein arabisches Land über eine eigene funktionierende Filmindustrie. Filme werden als Koproduktionen mit europäischen Partnern, vornehmlich Frankreich und Deutschland, und meist ausschließlich mit europäischer Finanzierung realisiert. An dem Geld hängen Bedingungen, die sich nach den Erfordernissen der Geber richten. In Fall arabischer Filme heißt das, vor allem seit dem 11. September 2001: Gefragt sind Geschichten, die dem europäischen Steuerzahler die arabische Welt oder den Islam näher bringen, da die Filme mit dessen Geld finanziert werden. Es werden letztendlich Fragen die das politisch interessierte Publikum in Europa an der Region südlich des Mittelmeers beunruhigen und bedrücken cineastisch behandelt. Hierbei geht es meist um Terror, die Unterdrückung von Frauen, die zunehmende Hinwendung zur Religion und, vor allem bei nordafrikanischen Arbeiten, um Migration.
Aber nicht nur arabische Regisseurinnen und Regisseure erzählen solche Geschichten. Sie finden in der gesamten Bandbreite der Filmgenres in Europa und den USA interessierte und engagierte Macherinnen und Macher, die sich als „arabisch“ bezeichneten Themen zuwenden. So werden Filme von Irene von Albertis Tangerine (D 2008) über Hany Abu Assads Paradise Now (NL/D/F/IL 2005) bis hin zu Paul Greengrass‘ Green Zone (USA 2010) als arabische Filme bezeichnet und vermarktet. Die von ökonomischen Interessen bestimmten Filmfördergesetze sowie das Vertriebssystem Hollywoods bringen es mit sich, dass eben diese Produktionen auf Festivals und im Kino präsentiert werden. Sie können als Spiegelbild für die Wahrnehmung und den Grad der Reduzierung der arabischen Welt im westlichen Ausland gesehen werden.
Experimente
In den arabischen Ländern finden sich die filmischen Arbeiten, die in der Summe durchaus als Seismografen der Gesellschaft dienen können, neben den oben erwähnten Entwicklungen in Ägypten, zunehmend im Fernsehen sowie im Bereich des Kunstfilms. Mohamed Soueid zum Beispiel gilt als Pionier des experimentellen Dokumentarfilms im Libanon. Er war der erste, der nach einem Ausdruck für die Zerstörung nach dem Bürgerkrieg seinem Land gesucht und das Thema in das neue dokumentarische Arbeiten im Libanon eingeführt hat. Als Redakteur bei dem früheren Al-Arabyia Tochterunternehmen O3-Production und Leiter des neuen Dokumentarfilmkanals des transnationalen Senders, ermöglicht er Regisseurinnen und Regisseuren nicht nur, kritische Filme herzustellen sondern auch formell zu experimentieren. Dabei herausgekommen sind Arbeiten wie Bassem Fayads poetische Reise in den Nachkriegsirak Road Beyond Sunset (Libanon/USA 2004) oder Sandra Madis behutsam-schmerzhafte Reflektion Perforated Memory (Jordanien 2008) über eine Gruppe ehemaliger palästinensischer Freiheitskämpferinnen und -kämpfer in Jordanien, deren Rente von der PLO meist ausbleibt.
betreibt mec film, eine Verleih- und Vertriebsfirma für Filme aus dem Nahen Osten und arbeitet als Referentin und Autorin zum Themengebiet Kino und Nahost.
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September 2011
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