Das Oberhausener Manifest

Am 28. Februar 1962 verkündeten 26 deutsche Filmschaffende bei den 8. Westdeutschen Kurzfilmtagen in Oberhausen: „Der alte Film ist tot. Wir glauben an den neuen.“ Sie reklamierten die Lizenz zur Schaffung des neuen deutschen Spielfilms.
Das Jahr, das dem Weckruf von Oberhausen vorausging, war in filmischer Hinsicht wahrlich trist: Die ganze Hoffnung hatte sich auf einen einzigen Film gerichtet, auf Bernhard Wickis Das Wunder des Malachias, der sich mit einem Achtungserfolg auf den Berliner Festspielen behauptete, vom Publikum aber gering geschätzt und auch von der Kritik nur mit halbherzigem Zuspruch bedacht wurde. Das Filmfestival von Venedig hatte alle fünf Produktionen, die man zur Auswahl an den Lido gesandt hatte, dankend abgelehnt, und bei der Vergabe des Deutschen Filmpreises gab es kein „Filmband in Gold“, weder für einen Spielfilm noch für einen Regisseur. Ausgezeichnet wurde allein die filmische Dokumentation der Faust-Inszenierung von Gustaf Gründgens.
Kunst oder Kasse?
Die Zahl der in Berlin, Hamburg oder München produzierten Filme ging zurück, vor allem aber verlor das Kino eklatant an Besuchern: 14 Prozent weniger gegenüber dem Vorjahr. Man war offenbar der belanglosen Heimat- und seichten Liebesfilme, der Kriminal- und Kriegsgeschichten überdrüssig. Billy Wilder, dem eine Retrospektive der Berlinale gewidmet war, hatte, gewiss zu Recht, den deutschen Ateliers technische Rückständigkeit bescheinigt. Der Kritiker Joe Hembus konstatierte in einem hinreißenden Pamphlet nüchtern: „Der deutsche Film kann gar nicht besser sein“ und sein Kollege Walther Schmieding stellte die sachliche Frage nach „Kunst oder Kasse“. Beides fehlte dem deutschen Kino.
Die Rebellen
Wer waren die Rebellen? Nicht alle Unterzeichner kennt man heute noch: Ferdinand Khittl, dessen Parallelstraße zum Undergroundkultfilm wurde und der das Manifest in Oberhausen verlas, gehörte ebenso dazu wie Alexander Kluge, der die anschließende Diskussion leitete. Ebenfalls mit dabei waren Edgar Reitz, Peter Schamoni und Haro Senft, der mit der Münchner Gruppe DOC 59 die Sache überhaupt ins Rollen gebracht hatte, Hans-Jürgen Pohland, der Herbert Veselys Das Brot der frühen Jahre als ersten „offiziellen“ Spielfilm der Oberhausener produzierte sowie die beiden wichtigsten Dokumentaristen der damaligen Bundesrepublik Hans Rolf Strobel und Heinrich Tichawsky, deren brillante Satire Notizen aus dem Altmühltal deutsche Diplomaten regelmäßig die Haare zu Berge steigen ließ, wenn der Film in einem der Goethe-Institute gezeigt wurde.
Um die Aufregung besser zu begreifen, die das Oberhausener Manifest in Westdeutschland auslöste, muss man sich die damalige Situation im internationalen Kino vor Augen führen: Die frühen Sechzigerjahre waren eine Zeit des Aufbruchs. Überall formierten sich neue Schulen und Strömungen. In Frankreich hatte gerade die Nouvelle Vague die „Tradition der Qualität“ abgelöst. In Japan warfen gleich verschiedene Neue Wellen althergebrachte Sehgewohnheiten über den Haufen. In England gab es das Free Cinema. Im Ostblock waren junge Regisseure dabei, den sozialistischen Realismus zu unterminieren. In Brasilien entwickelte sich das Cinema Novo und in den Vereinigten Staaten hatten sich eine erkleckliche Zahl von Filmemachern (darunter John Cassavetes, Robert Frank, Shirley Clarke und Jonas Mekas) zusammengetan und stellten unter dem Namen New American Cinema Group dem traditionellen Studio-Film den Totenschein aus. Nur eben im herkömmlichen deutschen Kino wurde vor all dem gründlich die Augen verschlossen.
In einem kürzlich erschienenen Band mit kleinen Texten (Personen und Reden) schrieb Alexander Kluge: „Die Filmgeschichte war damals 70 Jahre alt. Das, was aus der Oberhausener Bewegung später entstand, hat bis zu Fassbinders Tod ein Viertel der Filmgeschichte ausgefüllt. Mit viel Irrtum, viel Besonderheit, mit Vielfalt, mit Enthusiasmus und mit mehreren Werken, die das Kino bereichert haben. Heute haben wir davon die Hoffnung behalten. Nämlich, dass niemand ausschließen kann, dass aus unserem Land auf dem Gebiet des Films noch starke Überraschungen kommen, so wie Röhler, Tykwer, Karmakar, Buttgereit (und viele andere) immer wieder für Überraschungen gesorgt haben. So wie Schlöndorff, Reitz, Kückelmann, Verhoeven, Bohm, Wenders und viele andere (darunter Herzog) immer wieder die Zeichen der Qualität, Authentizität und des Ausbruchs aus dem Mainstream vorführten.“
Film als Verständigungsmittel
Das Gedankengut, das damals mit dem Oberhausener Manifest ausgebrütet und in die Welt getragen wurde: dass Regisseure keine weisungsgebundenen Künstler sein können-sollen-dürfen; dass sie nicht so etwas wie leitende Angestellte irgendeiner Branche sind; auch dass Film ein Verständigungsmittel sein kann, dass es nicht ausschließlich gemacht wurde, um als Betäubungsmittel zu funktionieren; und dass es viele Geschichten des bewegten Bildes gibt und dass nicht alle in den konventionellen Lichtspielhäusern zu Hause sind.
Im Zusammenhang des 50. Jahrestags des Oberhausener Manifests tauchte vielerorts die Frage auf, ob der deutsche Film ein neues Manifest brauche. Hanns Georg Rodek nahm in einem Artikel in der Tageszeitung Die Welt den Faden auf und formulierte: „Das müsste natürlich nicht nur von Inhalten reden, sondern auch von Finanzierung, Distribution und gewandeltem Sehverhalten. Ein möglicher Beginn: ‚Wir glauben nicht daran, dass man einen Film sieht, wenn er auf dem Laptop oder dem Smartphone abgespielt wird. Wir glauben daran, dass Filme nicht von Werbung oder SMS-Nachrichten unterbrochen werden dürfen …‘ Wer schreibt weiter?“
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Literatur: Ralph Eue / Lars Henrik Gass (Hg.): |
ist Filmpublizist und Übersetzer. Er war Redakteur der Zeitschrift „Filmkritik“ bis 1984, von 1990–95 Pressechef von Tobis Filmkunst, ist seit 1996 Fernsehjournalist und war Kurator der Berlinale-Retrospektive 2005. Er lebt und arbeitet in Berlin.
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Mai 2012
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