Dokumentarfilm in Deutschland
Ob Einblick in andere Lebensweisen, Befindlichkeiten, Mikrokosmen hiesiger oder anderer Gesellschaften – mit großer Themenvielfalt und unterschiedlichen Erzählweisen erschließt sich der Dokumentarfilm seit einigen Jahren kontinuierlich ein immer größer werdendes Kino-Publikum.
Und das sitzt in Deutschland nicht nur zu den großen Dokumentarfilm-Festivals wie in Leipzig, Duisburg, München, Kassel oder Oberhausen gebannt im Parkett. Unter den 100 deutschen Titeln, die im Jahr 2004 die meisten Besucher ins Kino lockten, zählte die Filmförderungsanstalt FFA in ihrer „Hitliste“ gleich 15 Dokumentarfilme. So ließen sich zum Beispiel rund 800.000 Zuschauer von der deutsch-britischen Koproduktion Deep Blue in die faszinierende Unterwasserwelt der Ozeane entführen. Weit über 300.000 Menschen verfolgten schon kurz nach dem Filmstart von Rythm is it, wie eine aus allen Altersgruppen und Nationalitäten wild zusammen gewürfelte Gruppe Jugendlicher über den Tanz und die klassische Musik zu mehr Selbstbewusstsein findet und peu à peu zu einem Ensemble zusammenwächst. Über 200 000 Zuschauer interessierten sich für die Qualen der Radler bei der Tour de France in Höllentour.
Die Filme sind persönlicher geworden
„Der Dokumentarfilm war aus den deutschen Kinos nie verschwunden, aber seit etwa fünf, sechs Jahren verzeichnen wir für das Genre zunehmende Zuschauerzahlen“, so Thomas Frickel, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft unabhängiger Dokumentarfilmer in Deutschland, AG DOK, die rund 750 Dokumentarfilmer vertritt. Einen Auslöser für das wachsende Interesse sieht der Autor und Regisseur zum Beispiel in so bemerkenswerten Produktionen wie Bowling for Columbine von Michael Moore, die weltweit Aufsehen erregten. Aber ein weiterer Grund sei, dass die sich die Leute nach den Erfahrungen aus dem Fernseh-Alltag, der ihnen die Realität zumeist nur schemenhaft und mit schnellen Schnitten präsentiert, wieder auf ein Thema „intensiver einlassen wollen.“ Hinzu komme, dass das ältere Publikum, das früher schon als Studenten in den nicht unbedingt populären Spätvorstellungen der Off-Kinos saß, das Kino wieder stärker für sich annimmt. Und diese Zielgruppe möchte im Kino etwas sehen, was das Fernsehen gar nicht oder zumeist nur auf Sendeplätzen nach Mitternacht zeigt.
Spezielle inhaltliche Trends kann man zurzeit nicht ausmachen, sagt Thomas Frickel. Das thematische Spektrum sei vielfältig und umfasse „die ganze Bandbreite, die das Leben ausmacht“. Es gehe zunehmend um Menschen und ihren Alltag. Die Betrachtungsweise sei im Laufe der letzten Jahre „persönlicher, privater“ geworden. Davon zeugen zum Beispiel Filme wie Dancing with myself über Menschen in Berlin, die nur beim Tanz zu selbstbewussten Personen werden. Die Filmemacherinnen Judith Keil und Antje Kruska - deren Putzfrauen-Geschichte Der Glanz von Berlin (Queens of Dust) schon erfolgreich im Kino liefen – erhielten dafür den Preis der Jugendjury auf dem größten deutschen Festival für Dokumentarfilme im Oktober dieses Jahres in Leipzig.
Dazu gehört auch das Debüt von Bettina Braun Was lebst du? über Jugendliche verschiedener nationaler Herkunft in Köln, das den Publikumspreis während der Duisburger Filmwoche für Dokumentarfilme 2004 gewann – oder die langjährige Beobachtung junger Schauspielschüler in Die Spielwütigen von Andreas Veiel, der sich bereits mit der RAF-Auseinandersetzung Black Box BRD einen Namen machte. Ebenfalls sehr persönlich ist die Aufarbeitung jüngerer deutscher Geschichte um die Spionageaffäre Günter Guillaume, die Kanzler Willy Brandt 1974 zum Rücktritt zwang: Schattenväter von Doris Metz. In dem Film, der im November 2005 im Kino startet, schildern die Söhne Pierre Boom und Matthias Brandt ihre Väter und die Zeit, in der ihr Leben als Jugendliche plötzlich und unerwartet Brüche bekam.
Der politische Film ist nicht verschwunden
Was es in den letzten Jahren wenig gab, ist der politische Dokumentarfilm „mit Biss“, wie Thomas Frickel feststellt. Das liege unter anderem daran, dass es zurzeit keine großen gesellschaftlichen Bewegungen in Deutschland gebe. Dennoch ist auch der politische Film aus dem Repertoire des deutschen Dokumentarfilms nie verschwunden. Das zeigte zum Beispiel die Retrospektive des Internationalen Leipziger Festivals für Dokumentar- und Animationsfilm im Oktober 2005, darunter die Auseinandersetzung mit dem RAF-Mitglied Starbuck – Holger Meins von Gerd Conradt (2001), Die Macht, das Öl und der Tod von Thomas Giefer (1996) über den Mord an dem nigerianischen Schriftsteller Ken Saro-Wiwa oder Kinderland ist abgebrannt von Sybille Tiedemann und Ute Badura (1997) über die Erinnerungen von Frauen des Abiturjahrgangs 1942 im süddeutschen Ulm.
Etwa 50 Dokumentarfilme sind jährlich in Deutschland im Kino zu sehen. Und sie stoßen nicht nur beim hiesigen Publikum auf Interesse. Das zeigen zum Beispiel die Reihen der „German Documentaries“, die in Zusammenarbeit mit der AG Dok und den Goethe-Instituten entstehen und unter anderem in Russland und Ägypten zu sehen waren. Im nächsten Jahr wird eine Reihe in Japan gezeigt, und „nach Ägypten“, so Thomas Frickel, ist „auch die arabische Welt interessiert.“
ist freie Journalistin und Autorin. Sie schreibt unter anderem für Tageszeitungen und Stadtmagazine.
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November 2005
Links zum Thema
- Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm

- Hitliste der deutschen Filmproduktionen (klicke Marktdaten – Filmhitliste)



- Katalog der jährlichen Dokumentarfilmproduktionen in Deutschland

- Dokumentarfilmfestivals in Deutschland (Dokumentarfilmfestival München, Duisburg, Oberhausen, Leipzig)

- Dokumentarfilm-Festival in Kassel

- Deep Blue

- Rhythm is it


- Hell on Wheels

- Über Dancing with myself / About Dancing with myself


- Über Was lebst du?/ About Whatz up?


- About Ghost Fathers

- Starbuck – Holger Meins


- Kinderland ist abgebrannt












