Film

Der Maler und Filmemacher – Jürgen Böttcher/Strawalde

Böttcher spricht über sein Verständnis der Malerei, seine Themen und die Wurzeln seines kreativen Antriebs. Aus seinem umfangreichen Werk als Filmregisseur, werden Ausschnitte aus seinen wichtigsten Filmen vorgestellt, die Böttcher kommentiert.

Strawalde gibt eine Einschätzung, wo er als Maler und Filmemacher in der Gegenwart steht und was seine Pläne für die Zukunft sind.


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Strawalde ist heute einer der bekanntesten und hoch geachteten Künstler der ehemaligen DDR. Jürgen Böttcher wurde 1931 in Frankenthal/Sachsen geboren, als Sohn eines Lehrers, den die Nazis vorzeitig in Pension schickten.

Er wuchs auf in Strahwalde, einem Dorf in der Oberlausitz, bei dem er später seinen Künstlernamen auslieh: Strawalde. Die Grausamkeit des zweiten Weltkriegs und des Faschismus prägten ihn nachhaltig.

1949–53 besuchte er in der gerade gegründeten ’Deutschen demokratischen Republik’ (DDR) die Kunstakademie in Dresden und studierte bei Wilhelm Lachnit Malerei.

1953–55 folgte eine Lehrtätigkeit an der Volkshochschule Dresden. Dort lernte Böttcher drei junge Arbeiter kennen, die bei ihm Kunstunterricht nahmen. Einer war der damals fünfzehnjährige Ralf Winkler, der als A.R.Penck, nach seiner Übersiedelung in den Westen Deutschlands einer der wichtigsten zeitgenössischen deutschen Maler wird.

1961 porträtiert Böttcher seine Künstlerfreunde in seinem ersten Dokumentarfilm für die DEFA.

Jürgen Böttcher wollte gar kein Dokumentarist werden. Er hatte, von 1955 bis 1960, weil er im Sozialistischen Realismus für seine Malerei keine Chance sah, in Potsdam-Babelsberg ein Regiestudium absolviert, um Spielfilme zu drehen: allerdings keine bloß ausgedachten, künstlichen Geschichten, sondern authentische, möglichst mit Laien an Originalschauplätzen entwickelte, wie die seiner Vorbilder aus Italien, die großen Neorealisten von de Sica bis zum frühen Fellini. Seine frühen Arbeiten ab 1961 im DEFA-Studio für Dokumentarfilme betrachtete er als Vorbereitung auf dieses Ziel.

Seit 1961 dreht Böttcher zahlreiche Dokumentarfilme und einen Spielfilm für die DEFA, insgesamt 45 Filme. Er bleibt bis 1991 festangestellter Regisseur im DEFA-Studio für Dokumentarfilme in Berlin.

In der DDR der Siebziger- und Achtzigerjahre war Jürgen Böttcher der mit Abstand bekannteste Dokumentarfilm-Regisseur. Von oben immer wieder angefeindet, gedemütigt und verboten, war er bei Filmkennern im In- und Ausland und beim Publikum von Filmkunsthäusern wie dem Babylon in Berlin oder dem Casino in Leipzig umso beliebter. Seine Filme waren stilbildend, Orientierungsgröße und heimliches Vorbild für eine ganze Generation ostdeutscher Filmemacher.

Festivalpreise gewann er auf dem Leipziger Dokumentarfilmfestival, mit dem die DDR Weltoffenheit demonstrieren wollte, mit der Industriereportage „Ofenbauer“ (1962) und einem Film über Arbeiterinnen einer Glühbirnenfabrik mit dem programmatischen Titel „Stars“ (1963). Bis zum Ende der DDR pendelte Böttchers Karriere zwischen Verbot und Anerkennung.

Jürgen Böttcher-Strawalde blieb in der DDR; anders als viele seiner Freunde und Kollegen wie Wolf Biermann, Georg Baselitz und A.R. Penck, die in den Westen übersiedelten.

Nach dem Zusammenbruch der DDR war Böttcher der erste Dokumentarfilmer aus dem Osten, der in den Pantheon der nunmehr gesamtdeutschen Filmgeschichte aufgenommen wurde. 1992 – gleich nach Frank Beyer, dem dasselbe im Jahr davor widerfuhr – erhielt Jürgen Böttcher aus der Hand des Bundesinnenministers das Filmband in Gold für sein Lebenswerk: die höchste Auszeichnung, die der Staat an Filmleute zu vergeben hat. 2001 folgt die Auszeichnung seines Gesamtwerks mit dem Bundesverdienstkreuz.

Der Maler Strawalde übte seine Kunst in der DDR fast unbemerkt von der Öffentlichkeit aus. Nach dem Ausschluss aus dem Verband bildender Künstler 1961 war ihm die Möglichkeit genommen, mit seinem ersten Beruf den Lebensunterhalt zu verdienen. Zwar konnte er vereinzelt in der DDR an Ausstellungen teilnehmen, aber erst 1978, im Alter von 47 Jahren, bekam er seine erste Einzelausstellung. Nach der Wende 1989 und der Vereinigung der beiden deutschen Staaten 1990, gerät Strawalde in einen wahren Schaffensrausch. Strawaldes malerische Arbeiten sind der klassischen Moderne eng verbunden. In vielen seiner in den frühen 1990er-Jahren entstandenen Arbeiten setzt er sich mit dem Prozess der deutschen Wiedervereinigung auseinander. Obwohl genauso produktiv und für die Kunstgeschichte – nicht für den Kunstmarkt – ebenso bedeutsam wie Penck und Baselitz, ist Strawalde, der im vereinten Gesamtdeutschland am wenigsten bekannte der Freunde, trotz zahlreicher Ausstellungen in großen Galerien und sogar im Kanzleramt.

In seinem Versuch, sein Ideal eines humanen Sozialismus in einer real existierenden Diktatur zu verwirklichen, hat Strawalde Demütigungen erlebt und Verletzungen davongetragen. Er ist daran jedoch nicht zerbrochen.

Strawalde / Böttcher ist eine der großen Gestalten der deutschen Gegenwartskunst. In seinen Arbeiten spiegelt sich ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte aus der Sicht eines kritischen Intellektuellen.

Im Beitrag gezeigte Ausschnitte aus den Filmen:

1961 Drei von vielen, 35 min.
1964 Barfuß und ohne Hut, 26 min., sw
1966 Jahrgang 45, Spielfilm
1981 Venus nach Giorgione, Teil 2, 21 min., Farbe
1981 Frau am Klavichord, Teil 3, 17 min., Farbe
1984 Rangierer, 22 min., sw,
1990 Die Mauer, 100 min., Farbe

weitere wichtige Filme:

1962 Ofenbauer, 15 min., sw
1963 Stars, 20 min., sw
1972 Wäscherinnen, 23 min., sw
1974 Erinnere Dich mit Liebe und Haß, 40 min., Farbe/sw
1976 Im Lohmgrund, 27 min., Farbe
1978 Martha, 56 min., Farbe
1984 Kurzer Besuch bei Hermann Glöckner, 32 min., Farbe/sw
1986 Die Küche, 42 min., sw
1987 In Georgien, 107 min., Farbe
2001 Konzert im Freien, 1, Farbe

Filmretrospektiven

Paris, Centre Pompidou, 1986
Edinburgh, 1988
Frankfurt a.M., Filmmuseum, 1989
Paris, Jeu de Paume, 1993
Belfort, Festival du Festival, 2000
Bologna, 2000
Leipzig, 2000
Goethe-Institut e. V. 2005
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