Literatur und Theater

Berliner Lesebühnen

Während die Zeichen der Zeit auf mediale Beschleunigung und urbane Betriebsamkeit stehen, erfreuen sich in der Metropole Berlin ausgerechnet Leseveranstaltungen größter Beliebtheit. Täglich kann man mindestens eine der sogenannten Lesebühnen besuchen. Man entdeckt dabei einen vitalen, unkonventionellen Untergrund, der sich vom literarischen Betrieb ebenso absetzt wie vom gesellschaftlichen Mainstream.

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Autor: Markus Schneider
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Die Berliner Lesebühnen gehören zu den unkonventionellen Veranstaltungen der wiedervereinigten deutschen Hauptstadt. Seit über zehn Jahren existiert vor allem in den angesagten Bezirken Mitte und Prenzlauer Berg im Ostteil der Stadt eine Szene, die sich eines wachsenden Zulaufs vor allem junger Leute erfreut.

Veranstaltet werden die Lesebühnenabende von kleinen, meist fünf- bis sechsköpfigen Autorengruppen, die sich auch wechselseitig als Gäste besuchen. Die meisten Lesebühnen sind daher gleichsam durch Zellteilung entstanden und bilden ein ständig wachsendes Netzwerk. Die meisten Autoren schreiben im Nebenberuf, kultivieren das Bild des schreibenden Dilettanten und Boheme-Proletariers, fernab aller Literatenklischees.

Mittlerweile sind einige der Beteiligten auch über die Bühnen hinaus als Schriftsteller erfolgreich, wie etwa der Exilrusse Wladimir Kaminer oder der Sohn des bekannten ostdeutschen Schriftstellers Christoph Hein, Jakob Hein, der jedoch nach wie vor seinem Hauptberuf als Kinderpsychiater an der Berliner Charité nachgeht. Hein liest noch heute jeden Sonntag in der „Reformbühne Heim und Welt“, die inzwischen die älteste existierende Lesebühne der Stadt ist und vor einigen Jahren auch Kaminer als Sprungbrett diente.

Schriftstellerkarrieren sind allerdings eher eine zufällige wenngleich angenehme Begleiterscheinung der Leseabende. Die erste Lesebühne wurde schon 1989, im Jahr der Wende, – übrigens im Westberliner Stadtteil Schöneberg – von einigen enttäuschten Journalisten der alternativen Tageszeitung taz gegründet. Unter dem Namen „Höhnende Wochenschau“ sollte sie ein unterhaltsames Forum für Texte sein, die im konventionellen Feuilletonrahmen nicht zu veröffentlichen waren. „Politisches Feuilleton live“, befand die Berliner Zeitung.

Polemik, Ironie und Humor im Umgang mit tagesaktuellen Themen und Mediendiskussionen sind bis heute zentrale Stilmittel der publikumsfreundlich kurzen Texte geblieben. Einer der Hauptunterschiede zu herkömmlichen Lesungen ist jedoch der betont antiprofessionelle Performancecharakter der Veranstaltungen. Die Texte werden für den jeweiligen Abend geschrieben, die Lesungen dienen nicht der Werbung für die Veröffentlichungen eines Autors. Sie sind vor allem für den Moment und für die Unterhaltung der Zuhörer, oft Stammgäste, verfasst.

Zu einem gewissen Teil erklärt sich ihre Beliebtheit aus dem Erfolg der Slam-Poetry-Wettbewerbe und der sogenannten Popliteratur der Neunziger-Jahre. Mit der Popliteratur teilt die Lesebühne die Alltagsnähe der Texte, die Skepsis gegenüber literarischen Konventionen und das tendenziell jugendliche Alter der Autoren. Daher verhalten sich die Besucher auch eher wie Fans auf Popkonzerten. Vorläufer der Lesebühne kann man bereits im dadaistischen Tingeltangel des frühen 20. Jahrhunderts sehen. Ein nicht zu unterschätzender Einfluss kam aus dem literarischen Untergrund der DDR. Dessen Szene wirkte vor allem im Bezirk Prenzlauer Berg. Zu Zeiten vor der Wiedervereinigung erprobten Autoren, ständig von Repressalien wie Veröffentlichungsverbot bis Verhaftung bedroht, neue Formen literarischer Öffentlichkeit, lasen in Konzertrahmen und Partys.

Die heutigen Lesebühnen haben diese Tradition aufgegriffen und erweitern ihre Lesungen, laden Bands und DJs ein und verlängern ihre Auftritte zur Disco. Entsprechend finden die Veranstaltungen in kleinen Clubs oder Kneipen statt, wie dem „Kaffee Burger“, das bereits zu DDR-Zeiten Treffpunkt der literarischen Szene war und heute von einem der zentralen Protagonisten des literarischen DDR-Untergrunds, Bert Papenfuß, betrieben wird. Nachahmer haben die Berliner Lesebühnen inzwischen auch in anderen deutschen Großstädten wie Hamburg, Köln oder München gefunden.

Die meisten Lesebühnen verstehen sich unter anderem als kritische Gegenöffentlichkeit. Ihre ideologiekritische Perspektive entfalten die Autoren jedoch scheinbar naiv, oft launig und antiintellektuell, in kurzen Szenen aus dem Alltag oder in Kommentaren zu den Diskussionen in Zeitungen und Fernsehen. Dennoch geht es bei den Lesebühnen vor allem um Unterhaltung. Eine Unterhaltung, die bei allen Zugeständnissen an die Eventgesellschaft ganz altmodisch auf die Lust an Text und Rede setzen kann.

Goethe-Institut e. V. 2006
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