Deutsche Autoren und Genres

„Man macht einen Schritt vor den anderen und merkt plötzlich, man ist bei einer illegalen Demonstration dabei.“ – Video-Interview mit Ingo Schulze

Coverzeichnung des Romans ‚Die Blechtrommel’ von Günter Grass; © Steidl VerlagIngo Schulze im Gespräch mit Marian Hatala; © Goethe-InstitutDer slowakische Übersetzer und Autor Marian Hatala im Gespräch mit Ingo Schulze über persönliche Erlebnisse während der Montagsdemonstrationen, über verlorengegangene Ideen nach der Wende, über Ost-Prägungen und über die Rezeption seines Romans „Neue Leben“ in Ländern wie Italien, USA oder Ungarn. Video-Aufzeichnung einer Veranstaltung im Goethe-Institut Bratislava.

In Ingo Schulzes Roman Neue Leben schildert der verhinderte Schriftsteller und angehende Zeitungsredakteur Enrico Türmer in Briefen an einen Jugendfreund, an seine Schwester und an eine unerreichbare Geliebte sein Leben in der DDR und zur Zeit der Wende. Die Briefe dokumentieren Trümers ganz persönliche Lebenswende in den Zeiten des Umbruchs. Die slowakische Übersetzung von Neue Leben wurde vom Goethe-Institut gefördert.

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Zum zweiten Teil des Video-Interviews

In deinem Buch „Neue Leben“ wird Bratislava erwähnt: Enrico Türmer fährt aus Dresden mit dem Nachtzug nach Bratislava, um sich mit seiner Geliebten aus Österreich zu treffen. Danach hetzt er mit dem nächsten Nachtzug nach Prnow. Wie ist deine Beziehung zu dieser Stadt – warst du schonmal hier? Oder warst du es sogar, der das Treffen im Buch ausgemacht hat?

Das Treffen im Buch war ich, aber die Geschichte ist schon Türmers Geschichte. Es ist immer beides. Als ich das letzte Mal im Jahr 2003 in Bratislava war, sind wir mit Marta zu dem Bahnhof gegangen und haben uns das Mosaik angeschaut, das ich beschrieben wollte. Ich habe es mir nochmal genau angesehen und danach ist die Beschreibung so in das Buch hineingekommen. Ich war zu DDR-Zeiten mal ein, zwei Tage hier und dann eben 2003 – und jetzt zum Glück wieder. Mit Buch.

Im Buch heisst es nicht „Glavna Stanica“ sondern du benutzt den tschechischen Ausdruck „Hlavni Nadrazi“. Ist dir die tschechische Sprache näher oder war das reiner Zufall?

Ich hatte letzte Woche einen Übersetzer-Workshop zusammen mit 18 Übersetzern – die hatten viele Fragen. Aber das Resultat war nicht nur das reine Klären von Fragen, sondern dass ich ein paar Änderungen im deutschen Text vorgenommen habe. Hätten wir früher darüber gesprochen, dann hätte ich das wahrscheinlich verbessert. Ich weiß nicht, wie es dazu gekommen ist. Es kann sein, dass ich das auf irgendeinem Fahrplan gelesen habe, das weiß ich nicht mehr. Aber man sollte es schon richtig machen.

Marian Hatala im Gespräch mit Ingo Schulze; © Goethe-Institut

Weit zurück zu den Montagsdemonstrationen im Jahr 1989 in Dresden, in Altenburg und in anderen Städten der ehemaligen DDR: Warst du damals in die politischen Geschehnisse einbezogen oder hast du wie Enrico Türmer Abstand gehalten? Es gibt im Buch einen Satz mit dem Hinweis, dass die Demonstranten nach der Veranstaltung nach Hause eilen, um an den Bildschirmen mitzuverfolgen, ob sie eventuell kurz eingeblendet waren.

Da unterscheide ich mich sehr von Enrico Türmer. Er ist jemand, der in der DDR leben, leiden und schreiben wollte, um das Geschriebene im Westen veröffentlichen zu können und eines Tages als Dissident in den Westen zu gehen. Je mehr diese DDR zu kippen anfängt, umso unsicherer wird er, weil sein Lebenstraum in Frage gestellt wird. Denn was macht er dann mit seinen mutigen Schreibereien? Das war nicht meine Haltung, dafür war ich viel zu unmittelbar involviert. Ich habe gar nicht daran gedacht, dass sich das alles so schnell und grundlegend ändern würde. Wir dachten, wenn etwas gelingt, dann werden das sehr langsame Reformen sein.

Ich hab das damals als etwas sehr Beglückendes empfunden – Dinge, von denen man immer nur geträumt hat. Man hat über Gandhi gelesen, man hat über den Ungarn-Aufstand gelesen oder viel über 68 gehört und dachte „Ach, sowas würd ich gerne mal miterleben“. Und plötzlich kommt so eine Situation und man fährt nach Leipzig – Anlass war, dass ich Ende September von zehntausenden Demonstranten hörte. Vorher dachte ich noch, das sind größtenteils Leute, die raus wollten und einen Ausreiseantrag in die Bundesrepublik gestellt haben. Ich habe immer gesagt, vielleicht gehe ich irgendwann mal, aber bin nicht an diese Grenze gestoßen, wo ich dachte, jetzt musst du rausgehen. Ich sagte mir, wenn einmal die Stunde X kommen würde, müssen noch ein paar Leute mehr da sein. Also musste ich nach Leipzig gehen, sonst wäre ich vor mir selbst unglaubwürdig geworden. Ich hatte jede Menge Angst – man wusste ja nicht, was da passiert. Ich habe damals zu Hause nicht Bescheid gesagt – demnach ist schon manches ähnlich wie bei Türmer. Beispielsweise dass ich sagte, ich fahre in die Bibliothek. Aber ich habe das völlig distanzlos gesehen – ich war schlicht berauscht, ein Teil davon zu sein. Man macht einen Schritt vor den anderen und merkt plötzlich, man ist bei einer illegalen Demonstration dabei – das war schon merkwürdig.

Und worauf du anspielst … Dieses Zusammensein bei einem welthistorischen Ereignis und andererseits ist man an diesem Platz, in diesen Straßen, die man kennt. Man wartet, bis die Fußgängerampel auf Grün schaltet, rennt nicht auf die Straße und den Autos vor die Kühlerhaube. Man wartet doch bis Grün ist – ändert ja doch nichts an dieser Demonstration. Diese ganz profanen Dinge, dass man mal eine Toillette braucht oder eben eine Fußgängerampel, das gehörte dazu, das machte es erst wirklich. Man führt ja nicht plötzlich ein anderes Leben oder ist plötzlich eine heroische Statue. Und wenn man sich die Bilder von diesen frühen entscheidenden Demonstrationen im Oktober 1989 in Leipzig ansieht, erkennt man die gute Stimmung. Es ist viel Angst da, aber auch viel Euphorie und es ist viel Platz zwischen den Leuten: Es sind kleine Gruppen zu zweit, zu dritt oder zu fünft. Man gehört zusammen, aber man macht nicht so eine 68er-Revolte-Demonstation. Man geht nach der Arbeit hin und versucht, einmal um den Leipziger Ring zu laufen. Das gehört mit zu dem Schönsten, was ich erlebt habe. Die Schwierigkeit war dann immer, aus der Anonymität aber auch aus der Euphorie von Leipzig in die Kleinstadt Altenburg zu fahren und zu sagen: „Ich heiße Ingo Schulze, ich wohne in der Georg-Schumann-Straße 104, ich bin Dramaturg am Landestheater, ich möchte jetzt die Mediengruppe des neuen Forums gründen“. Dann hätte man sich kenntlich gemacht und es wären sehr obskure Typen gekommen. Aber ab Mitte Oktober, als Honecker-Nachfolger Egon Krenz an die Macht kam und man merkte – der hatte ja gut gefunden, was in China passiert war –, der lässt keine Panzer auffahren, war eine große Erleichterung zu spüren. Man merkte: jetzt geht es. Aber was kommt, das war mir auch da noch nicht klar.

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Zum ersten Teil des Video-Interviews

Ich habe ein Interview gefunden, in dem du folgendermaßen zitiert wirst: „Aber mein Problem ist eigentlich gar nicht dieses Verschwinden des Ostens, sondern das Verschwinden des Westens – eines Westens mit menschlichem Antlitz.“ Was soll das bedeuten, eine Art „Westalgie“? War damals für dich der Westen hehrer als die Rede über den Sozialismus mit dem menschlichen Antlitz, geprägt von Alexander Dubček? Das hat mich überrascht und darauf ziele ich auch mit der nächsten Frage ab: Der Osten ist nicht spurlos verschwunden. Wenn ich in Berlin verweile, kann ich stundenlang mit sogenannten DDR-Bürgern plaudern, plauschen, aber mit den Wessis kaum. Meiner Meinung nach ist eine Art Solidarität übrig geblieben. Eine Spur vom Osten gibt es immer noch. Das war eigentlich keine Frage, oder?

Das waren zwei sehr große Fragen. Der Ausdruck eines Westens mit menschlichem Antlitz bezieht sich natürlich auf 68 und Dubček. Dahinter steht die Vermutung – und ich denke, dass leider sehr viel dafür spricht –, dass mit dem Wegfall des Ostblocks viele Ideen, die natürlich auch im Westen präsent waren, verschwunden sind. Der Westen – ich sage jetzt auch mal der Kapitalismus – hat nie freiwillig etwas von seinem Profit abgegeben. Wenn man sich das 19. Jahrhundert anguckt, wie Gewerkschaften und Arbeiterbewegungen sich ein erträgliches Leben erkämpften – der Sozialstaat fiel nicht gerade vom Himmel. Man hat die Kinderarbeit abgeschafft, weil man ordentliche Soldaten brauchte und ein Kind, das gearbeitet hat, war dann nicht so brauchbar als Soldat. Aber ich denke, dass der Ostblock zumindest dazu gut war, den Westen sozial zu machen. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg ist der Westen sozial geworden – das, was wir als Sozialstaat kennengelernt haben. Und das ist eben leider seit 89/90 im Abbau begriffen. Dafür werden sehr viele Begründungen genommen wie Globalisierung oder wir leben über unsere Verhältnisse, was besonders zynisch klingt. Damit will ich nicht sagen, dass ich der DDR hinterher trauere abe ich trauere der großen verpassten Chance von 1990 nach. Die eben die Chance gewesen wäre, auch den Westen besser zu machen. Zu sagen, jetzt ist der kalte Krieg zu Ende, jetzt ist diese Frontstellung zu Ende, jetzt können wir unser Geld für ganz andere Dinge ausgeben, nicht nur in Deutschland, in der Welt – und das ist überhaupt nicht passiert. Das steht hinter dieser These.

Ingo Schulze im Gespräch mit Marian Hatala; © Goethe-Institut

Im Osten, vielleicht ist dahingehend die DDR besonders krass gewesen, war es ein Prozess, der im ganzen Ostblock abgelaufen ist – bei uns nur besonders schnell und radikal. Es ist nichts so geblieben wie es war und das innerhalb von einem Jahr. Nicht nur die Straßennamen, das Geld, die Schulbücher, das Fernsehprogramm und die Kleidung – letztlich hat sich auch die Luft verändert. In dem Fall zum Guten, die Reisen haben sich verändert. Auch die zwischenmenschlichen Beziehungen sind anders geworden. Natürlich gibt es Liebe und Hass, aber es stand plötzlich in einem anderen Verhältnis. Ich kenne keine Beziehung, wo man nicht merkt, dass sie sich durch diese gesellschaftlichen Veränderungen auch verändert hat. Die einen hat es zusammengefügt, die anderen sind voneinander weggegangen – es hat sich einfach alles geändert. Natürlich hat man noch die Prägungen – ich war 27, als die Mauer fiel. Das ist natürlich eine Prägung und man hat andere Selbstverständlichkeiten. Das ist der Vorteil, wenn man vom Osten kommt: Man kennt eben beide Systeme. Dafür kennt man den Westen nicht so gut wie jemand, der dort aufgewachsen ist. Man hat nie etwas, ohne auch einen Verlust zu haben. Aber die östliche Erfahrung finde ich insofern wichtig, weil ich glaube, dass die Mehrheit der heute auf der Erde lebenden Menschen eine derartige Erfahrung hat: Dass man nicht im Westen groß geworden ist, sondern in einem anderem System, das sich in irgendeiner Weise mit diesem Westen auseinandersetzt.

Wie wird so ein Buch in den Ländern, die keine direkte, sondern nur eine vermittelte Erfahrung mit dem Kommunismus haben, aufgenommen? Musstest du in „Neue Leben“ nacherklären, nachtragen oder ein paar Hinweise geben, damit einige Stellen im Buch verständlicher sind?

Das eigentliche Problem sind nicht die historischen Details, dafür geben die Fußnoten Hilfestellung. Ich finde es sehr interessant, wie das Buch aufgenommen wird – beispielsweise in Italien sehr gut, da hatte ich das Gefühl, zum ersten Mal wirklich angekommen zu sein. In den USA gab es in den großen Zeitungen bitterböse, politische Kommentare. Es ist letzten Oktober in den USA erschienen. Große Namen haben – ich will nicht sagen Verrisse –, sehr kritische, nicht das Literarische betreffende Rezensionen veröffentlicht. Im Internet aber konnte man recht gute Sachen lesen. Ich weiß nicht, ob es am Thema liegt. Ich habe immer große Schwierigkeiten mit Frankreich: Dort erscheinen zwar alle Bücher, aber ich habe nie das Gefühl, wirklich an die Leser zu kommen. Italien ist anders, Spanien ist anders, USA auf eine andere Art auch. Ich freu mich sehr, dass dieses Buch nun auf Slowakisch erschienen ist. Mir ist zwar jedes Buch gleich lieb – der Autor ist nicht die berufenste Person, das zu sagen und Anstrengung sowie Aufwand zählen ja überhaupt nicht –, aber ich denke, dass in Sachen Substanz und Struktur das meiste in diesem Buch steckt. Wenn ich mich für ein Buch entscheiden würde, dann für dieses. Die Ungarn übersetzen jedes Buch und es ist schön, wenn so ein Buch auch im Umfeld steht, wenn man den Autor kennt. In Ungarn ist es sehr gut angenommen worden.

Insgesamt gibt es elf Übersetzungen – das bisher am wenigsten übersetzte Buch von mir, aber immerhin gibt es elf mutige Verlage und Übersetzer, die sich dem unterworfen haben. Interessant ist beispielsweise, dass es in Brasilien erscheinen wird. Denen muss ich nicht erzählen, was eine Diktatur gewesen ist. Aber man lernt sein Buch erst durch das Publikum, durch die Leser und durch die Übersetzer kennen – durch die Fragen. Es sind immer sehr verschiedene Lesearten und es ist immer wieder eine beglückende Erfahrung, ein Buch in einer Übersetzung geschenkt zu bekommen.

Zum Schluss: Was wollen wir dieser slowakischen Ausgabe wünschen? Es liegt an dir.

Das ist, glaube ich, ganz einfach: Ich wünsche ihr viele Leserinnen und Leser. Da könnten auch ein paar Käufer darunter sein, aber man kann auch in die Bibliothek gehen, um es zu lesen. Und ich möchte dir sehr herzlich danken für die wunderbare Zusammenarbeit. Es ist ja unser gemeinsames Buch, das muss man sagen. Im Deutschen ist es mein Buch, auch wenn viele mitgearbeitet haben, aber hier ist es wirklich unser gemeinsames Buch und du hast deine Arbeit zurückgestellt, um das zu machen – dafür danke ich dir ganz herzlich.

Ich danke dir für die Belehrung, die für mich dieses Buch bedeutet. Toi toi toi, bis zum nächsten Mal.

Marian Hatala
führte das Gespräch. Er ist Autor und Übersetzer und übersetzte den Roman „Neue Leben“ von Ingo Schulze ins Slowakische.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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