Deutsche Autoren und Genres

Antihelden erobern die deutsche Krimilandschaft

Copyright: www.colourbox.comOb Frauenkrimi, Regionalkrimi, politischer Krimi, historischer Kriminalroman, Thriller oder neuerdings sogar der Weinkrimi: die deutschsprachige Krimilandschaft ist vielfältig wie nie zuvor.

Was aber macht eigentlich einen guten Krimi aus? Wann wird ein Krimi zum Bestseller, während andere in den Regalen der Buchhandlungen verstauben? Eine Krimi-Neuentdeckung muss das gewisse „Etwas“ haben, muss die Neugierde des Lesers wecken und sich von der Masse abheben. Kann so zum Beispiel der Erfolg von Glennkill der Autorin Leonie Swann erklärt werden, der 2006 den Friederich-Glauser Preis für das beste Krimi-Debüt erhielt und sich bisher gut ins Ausland verkaufte? Die Geschichte ist jedenfalls originell: Swann lässt eine irische Schafherde einen Kriminalfall lösen.

Antihelden sind angesagt

Eine Tendenz in der neueren deutschen Kriminalliteratur, die mit den Konventionen eines klassischen Krimis bricht, ist die Verwendung von Antihelden als Protagonisten. Man kann diese Entwicklung auch in der skandinavischen Krimilandschaft beobachten, zum Beispiel an Hennings Mankells „Kurt Wallander“-Figur.

Leonie Swann „Glennkill“
Copyright: Goldmann VerlagDer Antiheld als Detektiv tauchte erstmals Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts bei der Hardboiled-School auf, die durch Autoren wie Raymond Chandler und Dashiell Hammett bekannt wurde. Ihre tough guys negieren bereits die Detektivfigur des klassischen britischen Whodunit-Krimis (zum Beispiel Agatha Christies „Miss Marple“), deren Ermittlungen noch von Rationalität und Logik bestimmt sind. Die postmoderne Kriminalliteratur baute den Antihelden weiter aus. Richard Brautigans Antiheld C. Card in Dreaming of Babylon ist ein Loser, wie er im Buche steht. Durch Zufall kommt er an einen Fall, der schlichtweg nicht lösbar ist. Brautigans Krimi – eine Absage an das Genre, eine Parodie.

Deutsche Autoren wie Jörg Juretzka, Jakob Arjouni oder das Autorengespann Kobr und Klüpfel reihen sich ein in diese Tradition. Der Detektiv wird zum Sympathieträger, der nicht den Typus des perfekten und allwissenden Ermittlers verkörpert, sondern eine Figur ist, die mittels Intuition, guter Menschenkenntnis und viel Mut ihre Fälle löst. Dabei bleiben sie stets gesellschaftliche Außenseiter und werden mit all ihren menschlichen Schwächen dargestellt.

Der Brenner ist zurück

Dass der Leser die verschrobenen Ermittlerfiguren schätzt, kann man an Wolf Haas’ Brenner sehen. Sein 2009 erschienener Krimi Der Brenner und der liebe Gott hält sich auf den oberen Plätzen der Bestsellerlisten, findet in den Feuilletons der überregionalen Zeitungen Beachtung.

Wolf Haas „Der Brenner und der liebe Gott“
Copyright: Verlag Hoffmann und CampeDas Buch ist der siebte Band in der Brenner Reihe. Der österreichische Autor Haas wollte die Erzählerstimme eigentlich nach Band sechs sterben lassen, und so die Brenner Reihe beenden. „Dass man Sprache nicht einfach ‚abmurksen‘ kann“, musste Haas dann am eigenen Leib erfahren – der Brenner-Krimi ist wieder zurück und der Erzähler beginnt seine Auferstehung mit dem folgenden Satz: „Meine Großmutter hat immer zu mir gesagt, wenn Du einmal stirbst, muss man das Maul extra erschlagen.“

Die Brenner-Krimis sind keine gewöhnliche Genre-Literatur. In ihnen wird die Sprache selbst zum Motiv der Geschichte. Sie ist eine Kunstform, an die sich der Leser erst gewöhnen muss: Auslassung, Verknappung und Mundart werden zur Stilistik. Diese Besonderheit könnte der Grund sein, warum Haas erst eine Flut von Absagen erhielt, bevor sich ein Verlag an die Publikation des Krimis wagte.

Dass Haas seitdem eine wahre Erfolgsgeschichte geschrieben hat, belegen nicht nur die drei Auszeichnungen mit dem Deutschen Krimipreis (1997 Auferstehung der Toten, 1999 Komm, süßer Tod und 2000 Silentium!), sondern auch die Verfilmung der Romane Komm, süßer Tod, Silentium! und Der Knochenmann. Sein neuester Krimi Der Brenner und der liebe Gott wurde 2009 sogar für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominiert, eine Auszeichnung, die den besten Gegenwartsroman des Jahres ehrt.

Tatort Allgäu

Michael Kobr und Volker Klüpfel „Laienspiel“
Copyright: Piper VerlagAuch die Autoren Michael Kobr und Volker Klüpfel haben mit ihrem Kommissar Kluftinger einen Antihelden zum Leben erweckt. In den bereits fünf publizierten Krimis, wie Rauhnacht und Laienspiel scheint es, als wenn das Verbrechen das idyllische Allgäu und somit den Kommissar immer dann heimsuchen würde, wenn dieser gerade seinen Freizeitbeschäftigungen nachgeht. Ob er gerade Kässpatzen isst, im Kurzurlaub steckt oder für eine große Freilichtspiel-Inszenierung von Wilhelm Tell probt, Kluftinger wird immer mit Fällen konfrontiert, denen er anfangs am liebsten aus dem Weg gehen möchte. In Laienspiel muss er zusammen mit dem BKA ein terroristisches Verbrechen aufklären. Schnell merkt er dabei, dass er den Anschluss an die neue Informationsgesellschaft verloren hat. Überfordert mit der Internetrecherche und dem Benutzen eines Navigationssystems, gebraucht Kluftinger seine gute alte „Spürnase“ und kann zu guter Letzt den Fall durch Intuition und Kombinationsvermögen lösen.

Dass man auf der Website der Autoren Kobr und Klüpfel neben Informationen zu ihren Kriminalromanen die Rubriken „Kluftingers Allgäutipps“ und „Kluftis Küche“ findet, wird wohl eine ironische Spitze sein, vertieft aber auch die menschliche Dimension dieses Ermittlers, der selbst über die Romanhandlung hinaus das Zeug zur Identifikationsfigur für seine zahlreichen Fans hat.

Krimis mit Antihelden sind eine Abwendung vom „naiven Realismus“ und eine indirekte Kritik an der Informationsgesellschaft. Die Detektive Brenner, Kluftinger oder Kemal Kayankaya (Jakob Arjouni) besinnen sich auf ihre inneren Instinkte und können auf diese Weise in einer Welt des Überflusses bestehen.

Jennifer Endro
ist Volontärin im Bereich „Literatur und Übersetzungsförderung“ beim Goethe-Institut.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2009

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