„Angriff auf die Freiheit“ – eine Streitschrift von Juli Zeh und Ilija Trojanow

Biometrische Reisepässe, Telefon- und Videoüberwachung, Online-Durchsuchung, Rasterfandung: In ihrer Kampfschrift „Angriff auf die Freiheit“ appellieren die Schriftsteller Juli Zeh und Ilija Trojanow an den mündigen Bürger, sich gegen die Einschränkung der persönlichen Freiheit zu wehren.
„Wir wollen Sie warnen.“ So steht es in dem knapp 140 Seiten langen Pamphlet Angriff auf die Freiheit. Sicherheitswahn, Überwachungsstaat und der Abbau bürgerlicher Rechte (2009). Denn: „Wir sind dabei, unsere persönliche Freiheit gegen ein fadenscheiniges Versprechen von ‚Sicherheit‘ einzutauschen.“
Die Verfasser der polemischen Streitschrift sind die Schriftsteller Juli Zeh und Ilija Trojanow, beide vor allem bekannt durch ihre preisgekrönten Romane. Die Idee für ein gemeinsames Projekt anderer Art entstand aus einem E-Mail-Wechsel der beiden Autoren. Der wiederum ging auf den Essay Mit Sicherheit in den Untergang“ von Ilija Trojanow zurück. „Könnte von mir sein“, soll Juli Zehs spontane Reaktion nach der Lektüre gewesen sein. Und so kam es, dass sie sich gemeinsam einem Thema widmeten, das beiden gleichermaßen wichtig ist.
Freiheit als vergessenes Gut
In Angriff auf die Freiheit geht es um die schleichende Aushöhlung demokratischer Grundwerte, um die Überwachungs- und Datensammelwut des Staates. Vor allem seit dem Terroranschlag auf das New Yorker World Trade Center vom 11. September 2001 werde von der Politik und den Medien Angst geschürt. Doch: „Nicht der Terrorismus wird unserem Land gegenwärtig gefährlich, sondern die Bereitschaft, sich von Terroristen einschüchtern zu lassen, sowie der Versuch, die ‚terroristische Bedrohung‘ zu instrumentalisieren, um autoritäre Strukturen einzuführen.“
Angesichts der heraufbeschworenen Gefahr gäben die Bürger ihre Freiheit zugunsten vermeintlicher Sicherheit auf. Der Wert der Freiheit scheint in Vergessenheit geraten zu sein; klag- und kampflos lassen sich die Bürger nach Meinung der Autoren von ihrem Staat zum gläsernen Menschen machen. „Aber ich habe doch nichts zu verbergen“ sei genau die falsche Reaktion auf mahnende Stimmen: „Freiheit ist kein Bonus, keine Prämie, kein dreizehntes Monatsgehalt. Sie geht unserem Staatsverständnis voraus.“ Wie sagte schon Benjamin Franklin: „Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, der wird am Ende beides verlieren.“
Verschärfte Sicherheitsgesetze ohne Wirkung
In Angriff auf die Freiheit argumentieren Juli Zeh und Ilija Trojanow plakativ und direkt. So stellen sie etwa die Maßnahmen, die von staatlicher Seite als für den „Kampf gegen den Terror“ notwendig propagiert werden, auf den Prüfstand: biometrische Reisepässe, Telefon- und Videoüberwachung, Online-Durchsuchung, Rasterfandung.
Das Fazit: „Bislang ist in Deutschland kein einziger terroristischer Anschlag aufgrund verschärfter Sicherheitsgesetze vereitelt worden. Viele der neu eingeführten Maßnahmen sind zum angegebenen Zweck der Terrorbekämpfung erwiesenermaßen ungeeignet.“ In einem knapp 30-seitigen Anhang haben die Autoren zahlreiche Quellen und Belege angeführt, die ihre Argumente untermauern.
„Sicherheit ist ein Gefühl“
Mit einer überspitzt nüchternen Risikoeinschätzung versuchen Trojanow und Zeh den Leser davon zu überzeugen, dass die neue Angst vor dem Terrorismus irrational ist. So sei das Risiko, als Kind im Schwimmbad zu ertrinken, siebenmal höher, als bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen. „Es gibt auf diesem Planeten keinen Zustand vollkommener Sicherheit, es sei denn, man wollte den Tod als eine sichere Sache betrachten.“
In einem Interview erklärt Juli Zeh: „Terroristische Bedrohung gab es schon immer. Und was die uns antun kann, kann man sich ganz nüchtern zurechtlegen: Es geht um eine vorhersagbare Anzahl von Todesopfern. Das ist nicht schön, aber das sind keine Zahlen, die andere Sicherheitsrisiken, mit denen wir täglich leben, übersteigen.“
Wachrütteln
Nach Erscheinen von Angriff auf die Freiheit warfen Kritiker den Autoren vor, sie widmeten sich dem Thema „nur in sehr einseitiger Weise“. Darüber hinaus hätten sie „wenig Neues zu bieten“. Doch Trojanow und Zeh geht es weder um eine abwägende, ausgewogene Betrachtung noch um neuste Erkenntnisse: Sie wollen vielmehr aufrütteln, wachrütteln.
„Ich würde nicht schreiben, wenn ich nicht völlig davon überzeugt wäre, dass man durch Schreiben das Denken der Menschen verändern kann“, sagte Ilija Trojanow in einem Interview. „Und indem das Denken sich verändert, verändert sich auch die Welt.“ So lauten die letzten Worte des Buchs: „Wehren Sie sich. Noch ist es nicht zu spät.“
arbeitet als freie Publizistin in Bonn.
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Dezember 2009
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