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„Freundschaft muss ein Lebenswerk sein.“ – Rüdiger Safranski zu Goethe und Schiller

Cover des Buchs „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“; © Carl Hanser VerlagCover des Buchs „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“; © Carl Hanser VerlagErbitterte Abneigung stand am Anfang der Beziehung zwischen Goethe und Schiller. Wie dennoch zwischen beiden Dichtern eine der fruchtbarsten Freundschaften der deutschen Literaturgeschichte entstand, schildert Rüdiger Safranski in seinem Buch „Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft“. Im Gespräch mit Goethe.de erzählt er unter anderem, was wir von den Dichtern lernen können.

Zu Beginn der Beziehung sagte Friedrich Schiller über Goethe, er sei „wie eine stolze Prüde, der man ein Kind machen muss, um sie vor der Welt zu demütigen“. Das klingt nicht nach dem verheißungsvollen Auftakt!

Nein. Das ist ja auch das Interessante an dieser Freundschaft, dass sie so unwahrscheinlich war, weil die Gegensätze so groß waren. Schiller, zehn Jahre jünger als Goethe, kämpfte noch darum, mit Goethe auf Augenhöhe zu kommen. Er fühlte sich am Anfang von ihm eher zurückgestoßen. Und so kommt es 1788 zu diesem richtigen Hassausbruch. Das war sechs Jahre bevor die Freundschaft beginnt.

„Eine Explosion der Gefühle“

Wie kam es dennoch zur Annäherung?

Als Schiller den Satz an seinen Freund Körner geschrieben hatte, merkte er, dass er sich mit dieser Verkrampfung und diesen Ressentiments in seinem eigenen Künstlertum lähmt. Darum hat er sich eine regelrechte Kur verschrieben: Er wollte sich nicht immer mit Goethe vergleichen, sondern seinen eigenen Weg gehen. So hat Schiller seine Unbefangenheit zurückbekommen.

Zu einem Zeitpunkt, als er der führende philosophisch-literarische Intellektuelle in Deutschland war, das war 1794, gab er mit dem Verleger Cotta die Zeitschrift Die Horen heraus. Das sollte das Zentralorgan der deutschen Kultur werden. Da war klar, dass man Goethe dazu einladen musste. Und da gab es die erste richtige Begegnung zwischen beiden, und Schiller war am Ziel seiner Wünsche.

Cover von „Wilhelm Tell“; © Kindermann VerlagInwiefern hatte Goethe sich in der Zwischenzeit verändert?

Goethe hatte Schiller als Autor schätzen gelernt. Dieser Schiller, das ist ein richtiger Literaturprofi, sagte er sich, und der kann mir auch sehr nützen. Denn Goethe hatte das Gefühl, dass ihm die poetische Ader austrocknet, dass er nicht richtig vorankommt. Das war die Voraussetzung dafür, dass es dann diese legendäre Begegnung gab im Sommer 1794, als der Funke übersprang zwischen den beiden. Sie waren richtig überrascht, als sich auf einmal eine solche große Freude und Intensität beim Zusammensein einstellte. Das war eine richtige Explosion der Gefühle.

Bewusstsein zur Freundschaft

Schließlich sagt Schiller „gegenüber der Vortrefflichkeit“ – gemeint ist Goethe – „gibt es keine Freiheit als Liebe“.

Es ist ja ein wunderbarer Satz, Goethe fand ihn ja auch so schön, dass er ihn in seinen Wahlverwandtschaften später leicht abgewandelt verwendet hat. Wenn man frei sein will von dem negativen Gefühl des Neides und des Ressentiments, dann muss man in die Offensive gehen und das, was wirklich vortrefflich ist, lieben. Nach dieser Maxime hat sich Schiller dann verhalten.

Das klingt nach einem ganz bewussten Entschluss zur Freundschaft.

Das ist es auch. Wenn wir es von Schillers Seite aus sehen, ist wirklich sehr viel Bewusstsein drin. Er hat wirklich sehr vom Kopf her gedacht, das gehörte zu seinem Freiheitsgefühl. Er war zwar auch ein gefühlsstarker Mensch, aber er achtete stets darauf, dass der Kopf die Gefühle hinter sich her zog und nicht umgekehrt.

Nähe in der Distanz

Cover von „Wallenstein“; © S. Fischer VerlagWarum haben sich die beiden trotz des innigen Verhältnissen bis zum Schluss gesiezt? Goethe hat seine Freunde Herder und Jacobi beispielsweise geduzt.

Man merkt, Goethe und Schiller wollten eine Nähe in der Distanz. Diese beiden Elemente sollten bewahrt bleiben. Es gab eine Zeit nach zwei, drei Jahren, da waren sie versucht, zum „Du“ überzugehen. Das war ein Höhepunkt der Emotionalität zwischen den beiden, sie sind dann aber doch beim „Sie“ geblieben. Ich glaube, sie hatten intuitiv beide das Gefühl, dies gäbe ihnen eine größere Freiheit zueinander.

Ich kann das nachvollziehen, und ich glaube, das war ganz gut so. Man muss natürlich auch bedenken, dass Herder und Jacobi alte Freunde aus der Jugendzeit von Goethe waren. Goethe und Schiller sagten beide, dass diese Beziehung für sie die wichtigste in ihrem Leben gewesen ist.

Geschenk zweiter poetischer Jugend

Cover von „Wilhelm Meister“; © Patmos VerlagWas wäre uns ohne die Freundschaft zwischen Goethe und Schiller entgangen?

Diese Freundschaft hat tiefe Spuren im Werk der beiden hinterlassen. Sie haben sich wechselseitig angeregt. Das berühmteste Beispiel ist, dass Goethe Schiller den Stoff zu Wilhelm Tell abgetreten und ihn überhaupt auf die Idee gebracht hat, dieses Stück zu machen. Wir hätten wahrscheinlich auch keinen Wallenstein. Und wir hätten vielleicht gar nicht die kühne Rückkehr von Schiller zum Theater gehabt mit den ganzen klassischen Stücken.

Goethe seinerseits erklärte immer wieder, dass Schiller ihn wieder zur Poesie zurückgebracht, ihm seine zweite poetische Jugend geschenkt habe. Und der Wilhelm Meister wäre ohne Schiller vielleicht gar nicht fertig geworden.

„Hoppla, sei vorsichtig!“

Sie haben diese Freundschaft einmal als einen „Beitrag zur Lebenskunst“ bezeichnet. Was können wir von Goethe und Schiller lernen?

Das ganz Elementare, das man lernt, ist: Freundschaft ist eine Gestaltungsaufgabe. Goethe und Schiller wussten genau, dass es nur funktioniert, wenn man etwas dafür tut und sehr sorgfältig damit umgeht. Und sie waren auch dankbar dafür.

Ich sage mir manchmal, hoppla, sei vorsichtig, gehe nicht zu schlampig mit Freundschaften und Beziehungen um, die wollen gepflegt und schön gestaltet werden. Das muss ein Lebenswerk sein. Goethe und Schiller hatten das stolze Bewusstsein, das gehört zu ihrem Lebenswerk. Ein bisschen etwas davon können wir ganz gut gebrauchen.

Rüdiger Safranski: Goethe und Schiller. Geschichte einer Freundschaft. München: Hanser-Verlag 2008. 344 Seiten. 21,50 Euro. ISBN: 978-3-446-23326-3.
Sabine Tenta
führte das Gespräch. Sie arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

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