Kreativer Kleinbetrieb – der Schriftsteller und Allround-Künstler Thomas Kapielski

Unter den zeitgenössischen deutschen Literaten ragt einer hervor, der sich seit Jahren verschiedener Ausdrucksformen zu bedienen vermag und in keine Schublade passt: Thomas Kapielski. Sein Thema ist immer wieder: Thomas Kapielski – und wie er die Welt sieht, genauer: die Kunstwelt, die er, vor allem in seinen literarischen Arbeiten, auf witzig-originelle Weise der Lächerlichkeit preisgibt. 2010 erhielt Kapielski den Preis der Literaturhäuser zugesprochen. Eine größere Bekanntheit erlangte Thomas Kapielski 1999, als er in Klagenfurt anlässlich der Verleihung des Ingeborg-Bachmann-Preises Baden-Baden vortrug. Der Text handelt vom Werdegang des kommerziell mäßig erfolgreichen Künstlers Thomas Kapielski, der mit den Gepflogenheiten des Literaturbetriebs kollidiert.
Baden-Baden nahm eben diesen Literaturbetrieb aufs Korn und ließ die Jury des bedeutendsten deutschsprachigen Literaturwettbewerbs ratlos zurück. Man lachte zwar mit, aber ganz wohl war den Juroren nicht. „Der Literaturbetrieb bricht sich am Text“, formulierte Iris Radisch etwas gewunden im Anschluss, „wird nicht nur komisch, sondern auch lächerlich, der Text plaudert, schwadroniert, er ist von listiger Naivität“.
Porträt des Künstlers als Einzelhändler
Wer dem Betrieb nicht so nahe steht, darf sich bei der Lektüre getrost kaputtlachen, denn der Text ist sehr komisch, wie fast alle Texte Kapielskis. Der Alltag ist Thema des Autors, und die sonderlichen Dinge, die dem Ich-Erzähler und Alter Ego Kapielskis darin widerfahren. Das beschreibt der Autor in einer Sprache, die häufig einen hohen Ton anschlägt und ins Manierierte driftet, um dann wieder die Berliner Schnauze herauszukehren.
Kapielskis schriftliches Werk umfasst inzwischen mehr als 25 Bände; allein 2009 erschienen Mischwald, Ortskunde. Eine kleine Geosophie und Zeitbehälter. Dabei versteht Kapielski sich nicht als Literat. Sein Selbstverständnis ist vielmehr das eines „Einzelhändlers“, der eine Firma betreibt: „mit den Abteilungen Musik, Fotografie, Kunst, Literatur, Presse und sonstiges“.
Die Berliner Boheme der Achtzigerjahre
Thomas Kapielski wurde 1951 in Berlin-Charlottenburg geboren. Nach dem Studium der Geographie, Philologie und Philosophie wandte er sich als „furchtloser Autodidakt“ hauptberuflich der Kunst zu und war seit den Achtzigerjahren „Partner und Motor eines Netzwerks von freundschaftlichen Außenseitern“, wie Michael Glasmeier einleitend zu Kapielskis Werkverzeichnis Vor Einbruch der Nüchternheit (1996) schreibt. Berüchtigt waren die Ausstellungsbesuche dieser „freundschaftlichen Außenseiter“, bei denen sie nicht nur reichlich „Vernissagenwein“ tranken, sondern auch mit einem Stempel in die ausliegenden Gästebücher „Ditt könn wa och!“ stempelten.
Unterstützt unter anderem vom Verlag Barbara Wien, wo seine frühen Bücher erschienen, fertigte Kapielski über die Zeit ein beträchtliches Werk aus Fotografie, Skulptur, Zeichnungen und Malerei an, das 1996 im Münchener Valentin-Musäum in einer Gesamtschau gezeigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hätte er sich längst entschlossen, nur noch Literatur zu machen, schrieb er später. Doch hätte er der Aussicht, sein Gesamtwerk zu präsentieren, nicht widerstehen können. Ausgestellt wurden Werke wie die Fotoserie Entzündete Autoaugen, die Installation Klorollenriff oder das Ölbild Ölschinken – ein in Öl gemalter Schinken.
Die Ausstellungseröffnung geriet zu einer Farce Kapielskischen Ausmaßes, denn die Museumsleiterin, die die Eröffnungsrede hielt, fand „die Kunst hier, so gesehen, doch ziemlich scheiße“ – so jedenfalls erinnert sich der Künstler in seinem 1999 erschienen Buch Davor kommt noch. Gottesbeweise IX-XIII.
Aversion gegen den Kulturbetrieb
Tatsächlich pflegt Kapielski – darin der Fluxus-Bewegung nahestehend – eine tiefe Aversion gegen den Hochkulturbetrieb, dessen Mechanismus seiner Meinung nach der folgende ist: „Gute Kunst setzt sich durch, weil man gut nennt, was sich durchsetzt.“ Auf diese Weise gelangten viele Scharlatane unverdientermaßen zu Ruhm und Ehre. Seine Kritik umfasst aber auch das eigene Werk, das er immer wieder selbstironisch analysiert und in dessen Entstehungsprozess er offenherzig Einblick gewährt: „Es muss je nach Bedarf und Marktlage immer mal wieder ein Werk geschaffen werden. Wenn der Markt nach ‚Radierungen‘ brüllt, ja, mein Gott!, dann kaufen wir eben einen Radiergummi! Beim Nachdenken darüber, wie ich es mir einfach machen könnte, kamen die brauchbarsten Einfälle.“
Die selbstironische Distanz zum eigenen Schaffen fand 2006 einen vorläufigen Höhepunkt, als Kapielski seine gesammelten Werke als aufblasbares „Gesamtluftwerk“ herausgab. „Man merkt ja sofort, ob ein Einfall ein besonderer, ein solitäres Bravourstück ist, und dieser war so eines!“, schrieb er in Anblasen. „Allein die symbolischen, konnotativen Nebengeräusche! Das Aufgeblasene, da rankt sich doch meine ganze Kunsttheorie dran auf. Dazu dieser gute Schuss Selbstzweifel. Wer ist gefeit vor Bluff und Blase?“ Kapielski tut alles, um sein Publikum vor Bluff und Blase zu warnen.
Doch der Kunstbetrieb schlägt erbarmungslos zurück. Kapielskis Buch Mischwald erschien 2009 im Suhrkamp Verlag, dem Ort deutscher Hochkultur schlechthin. Und 2010 erhielt er den Preis der Literaturhäuser zugesprochen: Er geht ausdrücklich an Autoren, die Performance-Qualität besitzen.
arbeitet als freie Wissenschaftsjournalistin und Autorin sowie als Leiterin des V8 Verlags in Köln.
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Juli 2010
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