Bekannte Unbekannte




Jeder kennt Buch-Illustrationen oder Infografiken. Die meisten ihrer Zeichner hingegen sind unbekannt. Während in den Nachbarländern die Illustration eine Renaissance erlebt, wartet man in Deutschland darauf noch. Der Berufsverband der Illustratoren will das ändern.
Was wäre unsere Welt, unser Leben und insbesondere unsere Kindheit ohne die Illustrationen in Büchern und Editorials, das Design auf Reklameflächen und Verpackungen, die Grafiken und Bilder von Websites und Covers? Sie wäre mit Sicherheit weniger bunt und marktschreierisch, aber auch grauer, weniger spannend und womöglich viel ärmer.
Im Unterschied zur omnipräsenten Bilderwelt führt die Mehrzahl ihrer Produzenten in Deutschland eine weniger illustre Existenz. Der Illustrator und Comiczeichner Fil besitzt mit seinen beiden berlinernden Comic-Underdogs „Didi und Stulle“ derzeit zwar Kultstatus. So bekannt wie diese ist ihr Erfinder, der 42-jährige Philip Tägert, hingegen nicht. „Illustrator ist ein einsamer Beruf. Ich bekomme für meine Arbeit kaum Feedback.“ Der Comic führt, wie andere Formen der Illustration auch, „ein Nischendasein“ - und mit ihm seine Zeichner, erläutert Fil.
Konkurrent „Computer-Zeichner“
Die Namen der Illustratoren und Illustratorinnen selbst berühmter Kinder- und Jugendbuch-Klassiker, von Zeitschriften sowie Comics und mehr noch von jenen der Werbebranche und Infografik „sind Insidern, weniger aber der Öffentlichkeit bekannt“, umreißt Judith Drews, Berliner Buchillustratorin, die Problematik einer ganzen Berufsgruppe in der angewandten Kunst. Die wenigen Stars der Szene, wie Janosch, Tomi Ungerer, Günter Grass, Nadia Budde, Klaus Ensikat oder der jüngst verstorbene F. K. Waechter, deren Buchillustrationen international Beachtung finden, bildeten keinen repräsentativen Ausschnitt der Zunft. Im Gegenteil. „Die meisten Illustratoren in Deutschland kämpfen um die Anerkennung und Etablierung dieser wichtigen Arbeit und Kunstform – und damit um ihre Existenz“, so Drews. Viele Verlage bezahlten nicht nur mäßige Honorare oder publizierten in niedrigen Auflagen. Hinzu komme auch, dass Kommunikations- oder Grafik-Designer mit schnellen und überaus komplexen Computer-Programmen den handwerklich tätigen Illustratoren den Rang ablaufen. Über ein Viertel der circa 3.000 professionell arbeitenden Illustratoren „zeichnet“ mit dieser Technik.
Die größte Bedrohung der künstlerischen Illustratoren aber sind seit zehn Jahren riesige Bilder-Agenturen, die über so genannte „Stock Houses“ ganze Serien und Blöcke billig produzierter Illustrationen, Comics und Cartoons gegen niedrige Gebühren an Verlage oder Redaktionen abgeben. Seit diese „Stock Illustrationen“ den Markt erobert haben, verdingen sich klassische Illustratoren mehr und mehr im gewerblichen Sektor.

Nur ein Viertel der Illustratoren kann von ihrer Arbeit leben
Aufschlussreich für die marginalisierte Rolle der meisten Illustratoren im Kunst- und Kulturbetrieb ist das gerade veröffentlichte Ergebnis einer Umfrage der Illustratoren Organisation e.V. Der Berufsverband für Illustratoren aus den Bereichen Verlag, Werbung, Kunst, Animation und Film befragte erstmals seine mehr als 700 Mitglieder über ihre Ausbildung, soziale Lage und Perspektiven.
Dass dabei herauskam, dass die wenigsten Befragten feste Auftraggeber und ein kontinuierliches Einkommen haben, ist nicht verwunderlich. Überraschend aber war doch, dass nur ein gutes Viertel der Illustratoren von dem Beruf leben kann und keinen anderen Tätigkeiten nachgehen muss. Fast die Hälfte aller Illustratoren gab an, weniger als 12.000 Euro jährlich zu verdienen und sich in prekären Verhältnissen zu befinden. Nur rund fünf Prozent können 60.000 Euro und mehr einstreichen.
Für den vor fünf Jahren gegründeten Berufsverband, den Drews mit anderen Illustratoren, Zeichnern und Graphikern, darunter Tim Weiffenbach, Marcus Frey und Juliane Wenzl, führt, sind solche Zahlen alarmierend. Der Berufsverband hat sich (wie der Dachverband EIF, Europäisches Illustratoren Forum) deshalb zum Ziel gesetzt, die Interessen der Künstlerinnen und Künstler offensiv zu stärken: mittels Honorar- und Rechtsberatung, durch Veranstaltungen und Foren auf Buchmessen wie in Frankfurt und Leipzig, eigene Publikationen sowie ein verbandsinternes Portfolio, das die Arbeiten für mögliche Auftraggeber international präsentiert. 
Hoffnung auf Anerkennung
Darüber hinaus geht es dem Illustratoren-Verband aber noch um ein Weiteres: nämlich um die Sensibilisierung der Gesellschaft und Auftraggeber für die Bedeutung und Qualität von Illustrationen und Illustratoren. Während etwa Albert Uderzo (Asterix) oder Hergé (Tintin) in Frankreich und Belgien und mit ihm die ganze Illustratoren-Zunft wieder geachtet, berühmt und beliebt sind, wartet man in Deutschland – dem Land großer Illustratoren wie Daniel Chodowiecki oder Wilhelm Busch – auf eine vergleichbare Renaissance. Die Illustratoren Weiffenbach, Drews oder Fil geben die Hoffnung auf bessere Zeiten nicht auf. Die Ausbildung an den Kunsthochschulen, die Experimentierfreude junger Illustratoren, Ausstellungen, die Publikation des Fachmagazins Jitter und der immer stärker wachsende Interessenverband beförderten, dass Verlage und die Industrie erkennen, dass Illustrationen „kein Beiwerk, sondern eigenständige Formen und Interpretationen von Texten und Sachverhalten sind“. Wer sich die lustigen Kinderbücher mit Zirkusmotiven von Drews anguckt oder Fils Comicbrüder Didi und Stulle sieht, wird dem nur zustimmen.
ist Kunsthistoriker, Journalist und Redakteur für Kulturpolitik bei der Tageszeitung taz.
Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion
Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Oktober 2008












