Begegnungen - Deutsche Autor(inn)en sehen die Welt

Judith Hermann in Island

Judith Hermann
Judith Hermann erlebte das, was man in der Literaturwelt gemeinhin als Wunder bezeichnet: Ihr Debüt, der Erzählband Sommerhaus, später fand eine Viertel Million Leser. Das war 1998. Da war sie gerade 28 Jahre jung. Die Kritiker feierten sie als Erfolgsautorin, als eine neue, klangvolle Stimme in der deutschen Literatur. Der Ruhm so groß, die Last so schwer, ihr erstes Buch ein Versprechen auf viele weitere.

Für die zweite Geschichtensammlung Nichts als Gespenster nahm sie sich geduldig vier Jahre Zeit. Auch dies ein Erfolg, gleichwohl die Kritik hier schon harscher mit ihr umging. Noch heute - fragt man sie nach ihrem Beruf - bereite ihr die Bezeichnung „Schriftstellerin“ Unbehagen. „Heikel“ sei der Begriff, „er wecke zu große Erwartungen.“ Und doch: sie arbeitet gerade an ihrem dritten Buch.

1970 in Berlin geboren, absolvierte Judith Hermann nach Studienanfängen in Germanistik, Philosophie und Musik eine Journalistenschule. Ein Volontariat bei einer New Yorker Zeitung gab den Impuls zum literarischen Schreiben. Viele renommierte Auszeichnungen wurden ihr seit dem zu teil.

Herzensort

Judith Hermann sammelt ihre Geschichten in der Welt. Sie reist. Sei es Amerika, Osteuropa oder Skandinavien. Island wurde ihr dabei zum Herzensort. Stefanie Duckstein verbrachte drei kühle Stunden mit der Autorin in einem Berliner Kaufhausrestaurant und erfuhr: „Die Kälte sei gut für die Konzentration und das Denken“.

Hermann: Ich mag Kühle lieber als Hitze, und ich mag die Dunkelheit mehr als die Helligkeit. Dass es dann aber so ein Ankommen und nach kürzester Zeit das Gefühl haben, man sei an einem Herzensort angelangt, dass es so sein würde, darauf war ich nicht vorbereitet.

Ultima Thule – entferntester Norden – der Begriff, zu finden in jedem Island-Reiseführer, lockte Judith Hermann in den Norden, den entferntesten. Ein Gletscher mitten im Meer, weit abgelegen. Darüber kommt nur noch das Nordpolarmeer.

Dieser Ausdruck ultima thule, der war so poetisch und entsprach in der ganzen Fremdheit auch meinem Gefühl. Dass einem da so viele Dinge etwas bedeuten, die einem unter anderen Umständen vielleicht weniger bedeuten.

„Die Natur bleibt so für sich“

Das Ambiente, an dem sie ins Schwärmen gerät, hat so gar nichts von dem, wovon sie berichtet. Ein Restaurant in einem Berliner Kaufhaus, gleich neben den Plüschtieren. Die übergroßen Fenster im 5. Stock geben den Blick frei auf die trübe Stadt, gen Norden. Hermanns Haar ist zerzaust, draußen regnet es. Ihre Hände umklammern den Kaffee, schwarz, ohne Zucker.


Judith Hermann - Island
WMA, 0:25 Min.
Das komische ist, diese Landschaft: in den Flüssen kann man nicht baden, auf den Wiesen nicht rumliegen, weil es viel zu kalt ist. Die Natur bleibt so für sich. Was man tun kann ist, sie bestaunen. Vielleicht hat das ja so meinem Verhältnis zu den Dingen entsprochen. Man kommt so auf einen Nullpunkt.“

Der Nullpunkt diente der Konzentration aufs Wesentliche; auf ihr zweites Buch Nichts als Gespenster. Ein Arbeitsstipendium führte sie 2002 für 6 Winterwochen nach Reykjavik. Baden in heißen Quellen, wandern über weiche Moose, mit Isländern Schnaps trinken, der in der Kehle brennt. Sie nippt an ihrem Kaffe und lacht, während sie das sagt. Die Isländer begegneten ihr mit einer mürrischen Freundlichkeit. Man kannte sie bereits vor den Lesungen. Kein Volk lese so viel wie die Isländer. Das bringt die Dunkelheit wohl so mit sich. Müsste sie sich entscheiden, so Hermann, zwischen dem heißen Süden Europas und dem Norden, die Wahl fiele immer auf Skandinavien. Hier fand sie Orte und Situationen, an denen sich ihr Erzählen entzünden konnte. Die Erzählung Kaltblau beschreibt ein Flirren und ein Licht – das gäbe es so nur in Island.

Ich bin jemand, der immerzu müde ist. Ich komme eigentlich erst zu mir mit Einbruch der Dunkelheit. In Island wurde es hell um 11:00 vormittags. Das bedeutetet, dass ich um 9:00 aufstand, in der Küche saß, das Radio lief, und zwar Schubert. ... Die blaue Stunde, die man hier eigentlich gar nicht bewusst erlebt. Ich war ganz wach und konnte der blauen Stunde zusehen. Es dämmerte, der Himmel wurde blau und es lag Schnee auf dem benachbarten Dach. Das war ein Zustand. Draußen war es kalt, es wurde hell, drinnen war Schubert, ich trank Kaffee und war wach. ... Dann war es 3 oder 4 Std. hell. Genau die Zeit, die ich in der Lage bin, mich auf etwas wirklich so richtig einzulassen. ... Ich verbinde immer das Dunkelwerden mit so einer Entspannung. Als ob ich etwas gehen lasse, alles wird entspannter, weicher. Das passiert da schon immer um 4 am Nachmittag. ... Das hat mir gut getan.

Die Sehnsucht ist groß

Die Figuren in Hermanns Geschichten sind getrieben von einer stetigen Unruhe; und immer auf Reisen. In Prag, Venedig, Nevada oder Tromsö. Ihre Sehnsucht ist groß, ihre Erfüllung nie wirklich in greifbarer Nähe. Sie lieben und verlieren sich. Jonina, die Protagonistin der isländischen Erzählung Kaltblau, trage viel von Island in sich. Etwas, das sich viele andere Erzählfiguren wünschen.

Schlussendlich hat diese Jonina vielleicht auch etwas von mir in Form einer Wunschvorstellung. Sie hat so eine Ruhe. Ich hab sie etwas beruhigt wissen lassen, dass ich noch nicht wusste. ... Diese Fähigkeit, auch das zu genießen, was in diesem Moment da ist und zu akzeptieren, dass das gehen wird. Die verliebt sich ein bisschen. Diese Liebe hört auch wieder auf. Ich selber bin immer viel verzweifelter und verstockter und sturer und immer noch beharrlich versessen auf etwas, auch wenn klar ist, dass das gar nicht geht.

Die spröde Sprache passt zu den Geschichten

Der erste Band Sommerhaus später wurde in 17 Sprachen übersetzt. Isländisch sei ihr dabei noch die liebste, meint Hermann und imitiert ein leicht kehliges Geräusch.

Ich fand, es war gut auf Isländisch. Trocken ein bisschen. Das passte zu den Geschichten. In anderen Sprachen fand ich’s schwieriger. Spanisch so emphatisch und Französisch so schön, da hatte ich den Eindruck, das verdoppelt das leicht kapriziöse des Textes. Während die spröderen Sprachen, und Isländisch ist schon eine sprödere Sprache, die schien mir immer besser zu den Geschichten zu passen.

Als Andenken von der aufgeworfen felsigen Insel Island brachte sie ein wenig Lava-Erde und das Wörtchen „Ha“ mit. Die Erde streute sie ein Jahr später, bei einem zweiten Besuch, wieder ins Land. Die gehörte nicht nach Deutschland, stiftete irgendwie Unruhe in ihrem Zuhause. Doch was blieb, war das „Ha“.

Es gab eine Art und Weise der Isländer nachzufragen. Wenn wir sagen ‚wie bitte’, sagt der Isländer ‚ha’. Daran muss man sich gewöhnen, weil sich das ziemlich ruppig anhört. Und dieses kleine stumpfe ... diesen Laut mehr oder weniger, den habe ich so gemocht, den habe ich mir angeeignet und mit nach Hause genommen. Es ist mir auch gelungen, ‚ha’ zu sagen. Was auf Irritationen stieß. Es kostete Mühe, es zu halten. Wenn ich’s machte, war es schön, es erinnerte mich eben.

Judith Hermann nimmt sich Zeit für Beobachtungen und für ihre Erzählungen. Nicht ohne Hadern - vor allem mit sich selbst. „Nun gut, der Erfolg war groß“, gibt sie zu, „der Verriss aber auch“, und schaut dabei in den Grund ihrer Tasse Kaffee und raucht.

Dieser Erwartungsdruck, der ist irgendwie weg. Man ist schon über eine Hürde gegangen mit dem zweiten Buch. Aber dennoch das Schreiben an sich, man fängt immer wieder von vorne an. Es ist nichts, was man ein für alle Mal kann. Etwas weiß man immer von Buch zu Buch besser. Aber sicher ist es dennoch nie. Es ist immer wieder der gleiche Berg, auf den man muss.

Das komplette Interview mit Judith Hermann (WMA, 6:13 Min.)

Stefanie Duckstein
Die Hörfunkfassung lief im Programm der Deutschen Welle

Copyright: Deutsche Welle

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Januar 2007

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