Deutsch als Wissenschaftssprache

Ist das Thema "Deutsch als Wissenschaftssprache" heute noch aktuell? Spricht denn die Spitzenforschung nicht Englisch? Und herrscht in den wissenschaftlichen Disziplinen nicht ohnehin eine internationale Hilfssprache, eine Art wissenschaftliches Esperanto oder Volapük, wie es der spanische Philosoph José Ortega y Gasset ausgedrückt hat?
Wenn man wie der britische Biologe und Wissenschaftshistoriker Theodore Savory denkt, die Wissenschaft sei unzweifelhaft in vieler Hinsicht "der natürliche Feind der Sprache", dann muss Wissenschaft wohl von jeder Einzelsprache unabhängig sein, und damit erübrigen sich die oben gestellten Fragen. Wenn man mit Werner Heisenberg eher glaubt, dass jedes wissenschaftliche Verständnis "schließlich auf der gewöhnlichen Sprache beruhen muss, denn nur dort können wir sicher sein, die Wirklichkeit zu berühren", dann sind diese Fragen schon viel interessanter.
Sprache in den Wissenschaften
Bestünde Wissenschaft nur aus dem Sammeln von Daten und ihrer Benennung, dann wäre das Verhältnis von Sprache und Wissenschaft unproblematisch. Wissenschaftliche Fachwörter sind meist international gebräuchlich und gleich oder ähnlich in vielen Sprachen. Solche Fachwörter können oft wie Ziffern oder andere nicht-sprachliche Symbole verwendet werden: Die Bedeutung der Ziffer 4 oder des chemischen Symbols O bleibt dieselbe, egal ob man die Zahl four oder tschetyr’e nennt, oder das Element Sauerstoff oder oxigênio.Datensammeln ist aber nur ein kleiner und nicht der wichtigste Teil wissenschaftlicher Tätigkeit. Vom Sammeln solcher Daten über ihre Interpretation zur Mitteilung der daraus gezogenen Schlüsse ist wissenschaftliches Handeln theoriebezogen; und komplexes, theoretisches Denken scheint ohne die Grundlage der natürlichen Sprache nicht möglich. Deshalb gibt es in vielen Bereichen der Wissenschaft zwar international normierte Terminologien und Nomenklatursysteme, aber alle Projekte einer von der natürlichen Sprache unabhängigen wissenschaftlichen Universalsprache sind gescheitert.
Deutsch und andere Sprachen in der europäischen Wissenschaftsgeschichte
Da wissenschaftliche Diskussion immer schon über Sprach- und Nationengrenzen hinausging, war Latein lange die klassische europäische Wissenschaftssprache. Sollten wissenschaftliche Erkenntnisse Laien ebenfalls zugänglich gemacht werden, wurden sie auch in den einzelnen Volkssprachen verbreitet. Seit dem 17. Jahrhundert förderten die Wissenschaftsakademien in Paris und London auch die Entwicklung der französischen bzw. englischen Kommunikation zwischen wissenschaftlichen Fachleuten. In Deutschland löste dagegen Christian Thomasius noch 1687 einen gewaltigen Skandal aus, als er an der Leipziger Universität eine Vorlesung auf Deutsch ankündigte. Die drei im 18. Jahrhundert im deutschen Sprachraum gegründeten Wissenschaftsakademien spiegeln die herrschende Unsicherheit über die angemessene Sprachenwahl wider: Göttingen blieb bei Latein, Berlin wechselte zunächst von Latein zu Französisch, erst am Ende des Jahrhunderts zu Deutsch; einzig in München wurde seit der Akademiegründung 1759 das Deutsche verwendet.Der Aufstieg der deutschsprachigen Wissenschaften zu weltweiter Bedeutung im 19. Jahrhundert verlief parallel zu einer Weiterentwicklung des Hochdeutschen zu einem flexiblen und umfassend einsetzbaren Instrument der Wissenschaftssprache, nachdem sie sich in der deutschen Klassik zur Literatursprache entwickelt hatte. In vielen Disziplinen waren Deutschkenntnisse international bis ins 20. Jahrhundert eine Grundanforderung. Erst mit der Vertreibung oder Vernichtung jüdischer und politisch unbequemer Intellektueller in der Nazizeit und der weitgehenden Zerstörung der wissenschaftlichen Infrastruktur in den deutschsprachigen Ländern bis 1945 verlor die deutschsprachige Wissenschaft und damit die deutsche Wissenschaftssprache viel von ihrem weltweiten Ansehen. Zugleich entwickelte sich das (amerikanische) Englisch seit dem Beginn des 20 Jahrhunderts immer mehr zum internationalen wissenschaftlichen Sprachstandard, in vielen Disziplinen fast ausschließlich.
Wissenschaftliche Mehrsprachigkeit?
Eine weltweit verstandene natürliche Sprache als internationale Wissenschaftssprache hat große Vorteile, wenn z.B. wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse auf Englisch sofort international verfügbar sind.Andererseits ist das Wissenschaftsenglisch, in dem auf internationalen Tagungen gesprochen und in vielen Fachpublikationen nichtenglischsprachiger Wissenschaftler geschrieben wird, oft nicht ein so geschmeidiges und theoriefähiges Instrument wie eine Muttersprache, sondern gleicht eher einer Pidginsprache. Das hat nicht nur Nachteile für WissenschaftlerInnen, deren Muttersprache nicht Englisch ist, sondern auch für die Weiterentwicklung wissenschaftlicher Ideen und Theorien im internationalen Dialog.
Zudem gefährdet eine Wissenschaft, die ihre Erkenntnisse z.B. in Deutschland der interessierten Öffentlichkeit nicht mehr auf Deutsch nahe bringen kann, das in einer Demokratie notwendige Verständnis für öffentlich finanzierte wissenschaftliche Forschung. Für die Weiterentwicklung einer natürlichen Sprache wie des Deutschen ist es auch katastrophal, wenn sich ganze zentrale Kommunikationsbereiche wie Wissenschaften aus der Muttersprache verabschieden.
Wissenschaftlich Tätige im deutschsprachigen Raum müssten sich verpflichtet fühlen, über ihre Arbeit im fremdsprachigen und deutschsprachigen Kollegenkreis ebenso verständlich zu kommunizieren wie mit interessierten fremdsprachigen und deutschsprachigen Laien: in gutem Englisch und gutem Deutsch.
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Ammon, Ulrich (1999): Deutsch als Wissenschaftssprache: die Entwicklung im 20. Jahrhundert. und die Zukunftsperspektive. In: H. E. Wiegand, H. E. (Hg.): Sprache und Sprachen in den Wissenschaften: Geschichte und Gegenwart. Berlin/New York: de Gruyter, S. 668-685.
Debus, Friedhelm u.a. (Hgg.) (2000): Deutsch als Wissenschaftssprache im 20. Jahrhundert. Vorträge des Internationalen Symposiums vom 18./19. Januar 2000. Stuttgart: Steiner. Kretzenbacher, Heinz L. und Harald Weinrich (1995) (Hgg.): Linguistik der Wissenschaftssprache, Berlin - New York: de Gruyter. Kretzenbacher, Heinz L. (1998): Fachsprache als Wissenschaftssprache. In: Hoffmann, Lothar u,a, (Hgg.): Fachsprachen. Ein internationales Handbuch zur Fachsprachenforschung und Terminologiewissenschaft. 1. Halbband, Berlin/New York: de Gruyter, S. 133-142. |
Heinz L. Kretzenbacher
ist Senior Lecturer am germanistischen Institut der University of Melbourne, Australien
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Juli 2004







