A1 Verlag

"Wir suchen Felder, wo nicht alle herumturnen" – der A1 Verlag im Porträt

Pyramidenhase
"Was nicht in Büchern steht, ist nicht in der Welt" ist das Motto des kleinen Münchner A1 Verlages. Dabei ist es eher so, dass ohne ihn nicht so viele Bücher in der Welt wären: Kleine, feine Bücher von unentdeckten Autoren aus Ländern wie Palästina, Sansibar, Tunesien, Indien. Oder Bücher von in Deutschland vergessenen Autoren wie Günter Herburger, den die großen Verlage "schlicht übersehen haben", wie A1-Verlegerin Inge Holzheimer meint.

Wie ein Platzhirsch sitzt er da, der übergroße Hase zwischen den Pyramiden, Symbol des kleinen Münchner A1 Verlages. Die Sphinx hat er verdrängt, die Ausgrabungsstätte hält er besetzt, die Menschen auf dem Felsvorsprung vor ihm kritisch im Auge behaltend. Dies geographisch nah der Bibliothek von Alexandria angesiedelt, spielt das selbst gewählte Bild des Verlages ironisch mit Zuschreibungen wie "Mein Name ist Hase, ich weiß von nichts".

Gruppenfoto
Denn naiv, gerade in Bezug auf fremde, scheinbar exotische Länder, sind die drei A1-Verleger nun wirklich nicht. Seit schon nun mehr sechzehn Jahren stöbern sie erfolgreich nach unentdeckten Autoren aus Palästina, Sansibar oder Tunesien. Die Verlagsgeschichte reicht sogar noch viel weiter zurück: "Bereits 1970 hat er sich aus dem Aktionsraum 1 in München gegründet, daher der Name. Das waren eine Gruppe von Künstlern und eine Mäzenin, die für ein Jahr hier in München einen Raum gemietet haben und dort Aktionskunst machten. Es war also beim Verlagsnamen nicht der Wunsch ausschlaggebend, im Telefonbuch möglichst weit vorne zu stehen! Diese Gruppe hat danach noch eine Weile zusammengearbeitet, zum Beispiel gab es Produktionen für die TV-Kinderserie Die Sendung mit der Maus. Als sie sich auflöste, ist eine Heidelberger Druckmaschine übrig geblieben, mit der Albert Völkmann dann weiterarbeitete,
Dieter Lattmann
bis er nicht mehr Druckmaterialien im Auftrag erstellen wollte, sondern den Wunsch hatte, selbst Bücher zu verlegen. "1990 kamen unser Hersteller Herbert Woyke und ich dazu, und seitdem verlegen wir also Bücher als A1 Verlag", erzählt Inge Holzheimer. Mittlerweile ist noch Albert Völkmanns Tochter mit dabei und, damit das Weiterbestehen gesichert wird, seit kurzem ein 30-jähriger Lektor. Die ersten Bücher wurden sogar noch in den eigenen Verlagsräumen auf der Heidelberger selbst gedruckt.

Alle drei Verleger sind Quereinsteiger. "Wir sind wirklich aus Liebe zur Literatur zum Verlag gekommen", beschreibt es Holzheimer.

Yang Mu
Angefangen hat alles mit zwei Chamisso-Preisträgern, einem zufälligen Kontakt und dem gewissen Quäntchen Glück: Adel Karasholi, ein Syrer, der in deutscher Sprache schreibt, und Galsan Tschinag, ein Mongole, der ebenfalls auf Deutsch schreibt, teilten sich 1992 den Chamisso-Preis. Zuvor hatten sie aber nur in der DDR publiziert, nicht in West-Deutschland. "Wir bekamen Kontakt zu ihnen über einen anderen Autor und konnten dann ihre ersten Bücher hier herausbringen", erklärt Holzheimer. "Das hat, neben den zahlreichen deutschsprachigen Autoren, unser Programm geprägt; die Suche nach interessanten ausländischen Autoren.
Dilip Chitre
Es geht nicht unbedingt um Vermischung von Kulturen, aber um Berührung oder Fremdwahrnehmung. Auch die etwas ausgefallenere Literatur, die in Deutschland noch nicht so stark vertreten ist wie z.B. die indische, die ja jetzt auch Schwerpunkt der diesjährigen Frankfurter Buchmesse ist, gibt es bei uns schon etwas länger im Programm, zum Beispiel Kiran Nagarkar oder Dilip Chitre, mit denen wir jeweils schon das dritte Buch machen. Wir suchen Felder, wo nicht alle herumturnen."

Corinne Hofmann
Der bekannteste Titel im Programm von A1, der sich mit der Berührung der Kulturen auseinandersetzt, ist wohl Die weiße Massai von Corinne Hofmann. Das Buch verkaufte sich als Hardcover 300.000, als Taschenbuch über 2 Mio. Mal, ist in 30 Sprachen übersetzt und letztes Jahr verfilmt worden. Auf Zelluloid war Die weiße Massai der erfolgreichste deutsche Film 2005. Für ihre Darstellung der Hauptfigur erhielt Nina Hoss 2006 den Bayerischen Filmpreis als beste Schauspielerin. Auch für A1 war der Erfolg überwältigend – auch in finanzieller Hinsicht: "In diesem Ausmaß hat niemand damit gerechnet. Ein riesiger Glücksfall für uns, denn die großen Verlage haben das Buch alle abgelehnt. Wir haben schon darauf gebaut, dass es erfolgreich wird, aber so erfolgreich…", sagt Holzheimer. Immerhin können damit Bücher produziert und getragen werden, die die Münchner sonst wahrscheinlich nicht machen würden, weil sie einfach unwirtschaftlich sind. Und bei einer Produktion von zehn Büchern pro Jahr muss man ohnehin gut planen.

Nicola Bardola
Für die A1-ler hat es aber nur Vorteile, ein kleiner, unabhängiger Verlag zu sein: "Wir entscheiden immer noch alles zusammen. Und wir können die Bücher machen, die uns Spaß machen – allerdings mit hohem Risiko." Das sich das aber lohnt und bei Büchern nicht nur das Finanzielle, sondern auch der haptische Reiz eine Rolle spielt, zeigt sich darin, dass A1 oft für die sorgfältige Ausstattung seiner Bücher Anerkennung bekommt. "Die äußere Form soll mit dem Inhalt korrespondieren", erklärt Holzheimer den A1-Maßstab. Und das klingt gar nicht exotisch.

Kerstin Fritzsche
ist Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins STADTKIND hannovermagazin und schreibt regelmäßig über zeitgenössische Literatur für diverse Medien.

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August 2006

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