Kein & Aber Verlag

Kein & Aber-Verlag – „an was ich glaube ist, dass man Autoren sät“

Der Kein & Aber-Verlag wurde vom Schweizer Buchhandel zum Verlag des Jahres 2010 gekürt. Peter Haag, der ihn vor rund 13 Jahren gegründet hat, erklärt in einem Interview, warum er sich als Inhaltshändler fühlt und wieso Multimedialität so wichtig für Verlage und Autoren ist.

Herr Haag, welche Geschichte steckt hinter dem originellen Namen Ihres Verlags?

Zu dem Namen kam es durch einen Zufall. Ich war mit Freunden in einem Restaurant, wo es Papiertischdecken gab. Man trinkt ein, zwei Gläser Wein und irgendwann stand es dann da. Natürlich hat das mit meinem Literaturverständnis zu tun. Ich liebe den Witz und die Komik und wenn das intelligent daherkommt. Ich liebe die Fallhöhe. Und deshalb hat mich das angesprungen, weil ich sofort sagte: Das ist nicht diese Verinnerlichung, diese verquaste Art der Literatur, sondern das ist die offensive Art, die sich nicht so festlegen lässt.

Sie sind mit zwei Audio-CDs gestartet, haben dann aber relativ schnell auch Bücher verlegt. Wie ist es dazu gekommen?

Ursprünglich war es gar nicht meine Absicht, einen Verlag zu gründen. Das kam einfach so, weil ich mit einigen Autoren aus meiner früheren Tätigkeit auch befreundet war. Darunter waren Gerhard Polt und Harry Rowohlt. Eines Tages kam Polt auf mich zu und sagte, lass uns doch mal was gemeinsam machen. Das Resultat war dann die CD „Der Standort Deutschland“. Genauso mit Harry Rowohlt und „Pu der Bär“. Ich wurde da praktisch reingeschoben und habe mich dann entschlossen, einen Verlag zu machen.

Ist es ein Vorteil von Zürich aus den literarischen Markt zu bedienen?

Ich würde sagen, es ist ein Vorteil und ein Nachteil. Meine Disposition, als ich den Verlag gegründet habe, war ganz klar der deutschsprachige Raum.  In Zürich sind große Literaturagenturen, in Zürich werden wichtige Autoren gehandelt – auch wenn man das nicht sofort merkt, aber den Insidern ist das bekannt. Auf der anderen Seite ist dieser Standort vielleicht etwas nachteilig. Man ist doch nicht ganz mitten im Markt. Für einen jungen, deutschen Autoren ist man natürlich, wenn man jetzt in Berlin oder Frankfurt wäre, näher dran. Aber es hebt sich auf und Zürich hat einen sympathischen Klang – wenn ihn die Banken nicht ganz zerstören. Aber man muss sich ein bisschen mehr anstrengen mit dem deutschen Markt. Von daher sind wir ein deutschsprachiger Verlag, wir sind kein Schweizer Verlag.

Sie haben eine große Bandbreite im Programm. Aber was liegt Ihnen besonders am Herzen?

Eine bestimmte Art der Literatur: Das heißt Geschichten beziehungsweise Autoren, die etwas zu erzählen haben. Und wenn sie das noch mit einem gewissen Schalk tun, dann liebe ich das ganz besonders. Das führt mich automatisch ein bisschen in die Nähe der angelsächsischen Literatur. Die finde ich großartig. Mir gefällt es, wenn jemand einen Krimi oder einen Roman schreiben kann, eine Geschichte, in die er auch Schlaglöcher einbaut. Die aber nicht mit so einem wahnsinnig aufgeblasenen Selbstverständnis daherkommt. Also nicht diese Art von Literatur, wo es heißt „Achtung, jetzt wird’s ganz ernst“. Was mir gefällt, ist die Leichtigkeit des guten Handwerks. Um solche Bücher zu verlegen, suche ich mir meine Lieblingsautoren. Die suche ich mir auch ein bisschen aus der Literaturgeschichte, wie jetzt Truman Capote oder Kurt Vonnegut. Und das Äquivalent in den neuen Autoren wie David Nicholls. Natürlich schaue ich auch auf dem deutschsprachigen Markt, aber das ist nicht ganz so einfach.

Wie schwierig ist es für Sie als kleinerer Verlag, an große Namen heranzukommen?

Man muss sich die Sporen verdienen, man muss Qualität vorlegen. Ich weiß, dass wir noch ein Stück wachsen müssen um alles zu verwirklichen, was wir vorhaben. Aber ich bin schon relativ zufrieden, wo wir sind. Wir sind ein Autorenverlag und ich baue das langsam auf. Ich will Substanz erreichen. Und ich hoffe, dass wir die großen Namen von morgen haben werden. Das ist ja unser Business.  
An was ich glaube ist, dass man Autoren sät. Dass man mit ihnen anfängt und aufwächst. Irgendwann kommt dann der Moment, wo Sie auch als Verlag ernten dürfen. Ich habe gemerkt, dass das unter 10 Jahren gar nicht zu haben ist. Ich habe früher immer gedacht nach fünf Jahren ist ein Verlag ein bisschen auf Flughöhe – aber das stimmt nicht. Das dauert viel länger, viel länger.

Haben es große Buchverlage diesbezüglich leichter?

Aber schauen Sie sich die großen Buchkonzerne doch an. Die sind langweilig, sie sind saturiert, es kommt nicht richtig viel Neues. Das Interessante passiert eben doch in den kleineren oder mittelgroßen Verlagen. Die Entscheidungsgrundlagen sind da andere. Man geht ein höheres Risiko ein. Wenn Sie immer die Controller im Nacken haben, dann entscheiden Sie sich einfach nicht mehr in Richtung interessant. Dann setzen Sie nur noch auf Nummer sicher. Ich rechne auch, das ist ja klar. Ein Verlag ist ein kaufmännisches Unternehmen und muss, wenn er für die Autoren interessant sein will, eine wirtschaftliche Basis bilden. Ideal ist natürlich, wenn man schöne Bücher machen kann, die sich dann auch noch gut verkaufen.

Das Internet-Radio auf der Website von Kein & Aber ist eine ungewöhnliche Strategie, literarische Texte auf den Markt zu bringen. Wie ist die Resonanz?

Hervorragend. Als jüngerer Verlag will man ja neue Wege gehen, man probiert auch Sachen aus. Ich verstehe uns als einen Inhaltshändler. Das eine ist das gedruckte Buch, das andere sind dann eben andere Erscheinungsformen. Sei das jetzt ein Hörbuch, so etwas wie das Internet-Radio oder eben ein E-Book. Man muss diese ganzen Dinge heute multimedialer einsetzen um Inhalte und Autoren zu transportieren. Wir haben da zum Teil schon sehr gute Erfahrungen gemacht.

Ein Wort zu Apps beziehungsweise Audiotextbüchern für Smartphones. Was halten Sie davon?

Ich finde das sehr interessant. Wir waren einer der ersten Verlage, die iTunes Applikationen gemacht haben. Damals wurde viel über mögliche Formate für E-Books diskutiert. Wir haben das links liegengelassen, weil das Format uninteressant war. Interessant ist, was die Leute vor sich haben. Da ist die Schweiz ein kleiner Vorteil gewesen. Durch ihre geografische Kleinheit und vielleicht auch ein bisschen durch den Reichtum, sind die Leute schneller. Die Schweiz war eines der ersten Länder, das sehr gut verkabelt war und ist heute auch eines mit der höchsten Smart-Phone-Dichte. Wir haben einiges ausprobiert und schnell gesehen, dass gewisse Dinge sehr gut funktionieren. Künstler wie Gerhard Polt, deren Werke im Audioformat, in visueller und in gedruckter Form vorliegen, sind da natürlich ein Idealfall.

Wie wird es bei Kein & Aber weitergehen, was planen Sie für die Zukunft?

Ich möchte den Verlag zu einer richtig guten Plattform für Autoren machen, und zwar für internationale Autoren. Das ist mir wichtig. Und ich würde gerne ein bestimmtes Sachbuchprogramm aufbauen. Gerade in der Wissenschaft gibt es interessante Menschen, die sehr viel zu erzählen haben. Und wenn Sie da Leute finden, die das auch formulieren können, dann sind das unglaublich gute Inhalte. Ich denke da an eine Art essayistisches Sachbuch. Das ist etwas, was ich zurzeit entwickle.

Karoline Rebling
führte das Interview. Sie arbeitet als freie Journalistin in Frankfurt am Main.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
September 2010

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