Lilienfeld Verlag

Lilienfeld Verlag – unverwechselbare Bücher

Viola Eckelt und Axel von ErnstHinter dem neuen Publikumsverlag Lilienfeld steckt kein typisch unternehmerisches Verlegerprojekt, auch kein progressives Kollektiv oder ein prekärer Überlebenspool. Hier bringt ein Verlegerpaar seinen Literaturgeschmack zum Ausdruck.

Die Idee ist gut: Ausgraben, Bewahren, Wiederaufzeigen und Entdecken. Davon träumt so mancher Philologiestudent angesichts der zahllosen vergessenen Autoren und Bücher, die im Laufe eines Studiums aus den Regalen ans Tageslicht kommen. Es gibt unendlich viele zu Unrecht vergessene Perlen, und mancher Verlag oder Herausgeber mit Werkvertrag versucht sein Glück mit diesen vergessenen Autoren. Jenseits geförderter wissenschaftlicher Werkeditionen in Fachverlagen ist das wirtschaftlich meist unergiebig, wagemutig ist es aber, wenn sich ein neuer Publikumsverlag von vornherein dieser Idee verschreibt.

Felicia Zeller: Einsam lehnen am Bekannten; Copyright Lilienfeld VerlagViola Eckelt und Axel von Ernst haben im Herbst 2007 in Düsseldorf den Lilienfeld Verlag gegründet. Basiert die Gründung auf einem kalkulierten Geschäftsplan oder will man mehr das kreative Potenzial genialer Dilettanten ausschöpfen? Dazu Viola Eckelt: „Es ist eine Mischung aus beidem, leider ohne das Geniale allerdings. Es gab einen Geschäftsplan, Kalkulationen und so weiter, aber natürlich lässt sich nichts genau planen, weshalb man sich auf viele Unwägbarkeiten einlassen musste und muss. In vielen Bereichen hat auch das Studium von „Wie gründe ich einen Verlag“-Büchern nicht wirklich geholfen – da mussten wir uns zum Dilettantismus bekennen und viele, viele Fragen stellen. Zum Glück ist die Verlagswelt sehr freundlich, und wir haben immer Hilfe gefunden.“

Der ewige Spagat

Knud Hjortoe: Staub und Sterne; Copyright: Liloenfeld VerlagZehn Bücher sind bei Lilienfeld seit der Gründung im Herbst 2007 erschienen, optisch und handlich ansprechend, mit angenehmem Schriftspiegel, gutem Lektorat und soliden Übersetzungen. Diese Bücher sollten eigentlich auch in den Auslagen der Buchhandlungen einen unverwechselbaren Eindruck machen können – sofern sie dorthin gelangen.

Das ist immer noch das größte Problem der kleinen Verlage. Die Bücher sind zwar über alle Barsortimente zu beziehen, also in jeder Buchhandlung im deutschsprachigen Raum zu bekommen. Lilienfeld hat bisher zwei, ab Frühjahr 2009 drei Vertreterinnen, die Deutschland bereisen, und einen Vertreter in Österreich. Die Bücher lagern in Leipzig und werden von der Verlagsauslieferung LKG verschickt.

Aber der Angelpunkt des Überlebens ist die objektive Verkäuflichkeit: „Die Journalisten sind sehr offen, die Kollegen in den anderen Verlagen sind sehr kooperativ und es gibt unglaublich engagierte Buchhändler. Davon sind wir abhängig. Und insbesondere der Buchhandel ist der Knackpunkt: Wir müssen versuchen, immer Titel zu finden, die zwar interessant sind und unseren Ansprüchen genügen, die aber auch vom Buchhändler als verkäuflich eingestuft werden. Überlebensstrategie aller Verlage, die unsere Vorbilder sind, dürfte in diesem Sinne der ewige Spagat sein. Bei vielen klappt es, wir werden es auch mit jedem Programm weiter versuchen.“

Fischen im Kulturgüterschlamm

Hjalmar Hjorth Boyesen: Selbstbestimmung; Copyright Lilienfeld VerlagBuchästhetisch fällt die Reihe Lilienfeldiana mit ihrem handlichen Format und der farbigen Halbleinenausstattung auf; was die Programmlinie insgesamt betrifft, sind Nachfragen nötig. Es gibt zum einen die Idee, versunkene Bücher wieder zugänglich zu machen, andererseits erscheinen auch junge zeitgenössische Autoren. Beim Blick auf die bisher ausgehobenen Titel lässt sich vielleicht dieses Programm ausmachen – es geht um die Aggregatzustände des bürgerlichen Subjekts. Vom aristokratisch abgehobenen Dandy und Weltreisenden Otto E. Ehlers über den Kulturpessimisten Oswald Spengler zum psychologischen Dänen Knud Hjortoe aus dem frühen 20. Jahrhundert oder dem „psychischen Impressionisten“ Herbert Schlüter. Dann geht es in einer dekadenten Wende zum zeitgenössischen Punkartisten Peter Hein oder zu Felicia Zeller, deren schriftstellernde Erzählerin lakonisch-komisch in einem Neuköllner Kiez in Berlin versumpft.

Qualität ist diesen Titeln im Einzelnen nicht abzusprechen, aber ist die Idee, vergessene Bücher wieder herauszugeben, nicht etwas schwammig? Schließlich ist der publizistische Long Tail, der heterogene Schwanz der abgesunkenen Kulturgüter ewig lang, und die großen Verlage und neue Medien arbeiten selbst schon intensiv an seiner Wiederverwertung. Wie und was sucht man da? Viola Eckelt: „Man sucht im Kulturgüterschlamm das Gute, das Faszinierende, das Wilde, das Überraschende. Es gibt allerdings so etwas, was ewig ist: der ewige Widerstand gegen das Spießertum, gegen Stillstand, Aggression, Unmenschlichkeit etc. pp. Da wurde manchmal gut gefochten, und diese Waffen sind immer zu gebrauchen. Aber es gibt auch das ewig Stille, Abgewandte, Besonnene, Ironisch-Distanzierte, das im Grunde den gleichen Kampf kämpft, nur eben durch Nichtbeteiligung. Im Übrigen ist jede Kultur auch schwammig, das ist ihr Reichtum, und wir fischen darin rum.“

Titel bei Lilienfeld

Felicia Zeller: Einsam lehnen am Bekannten. Kurze Prosa. 2008, 166 Seiten.
Otto E. Ehlers: Samoa. Die Perle der Südsee. 1895/2008, 187 Seiten.
Hjalmar Hjorth Boyesen: Selbstbestimmung. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Mathilde Mann. 1893/2008, 190 Seiten
Herbert Schlüter: Nach fünf Jahren. Roman. 2008, 190 Seiten.
Knud Hjortoe: Staub und Sterne. Roman. Aus dem Dänischen von Hermann Kiy. 1905/2007, 238 Seiten

Martin Zähringer,
freier Journalist, Berlin

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Dezember 2008

Links zum Thema