Merve Verlag

Geniale Dilettanten bauen philosophische Brücken

Peter Gente
Der Berliner Merve Verlag publiziert seit 36 Jahren philosophische Texte. Im Jahr 2001 erhielt der Verlag den damals erstmalig ausgelobten Kurt-Wolff-Preis für ein verlegerisches Gesamtwerk. Der 300. Titel steht demnächst ins Haus, das Konzept hat sich bewährt.

"Die Idee war ursprünglich, dass wir längere Texte von hierzulande weniger bekannten Autoren nachdrucken und in kleinen Buchformaten anbieten." Peter Gente, in diesem Jahr 70 Jahre alt geworden, seit den kollektiven Anfängen im Jahr 1970 dabei und jetzt der Verleger des Merve-Verlages, sagt das in seiner Schöneberger Fabriketage mit Blick auf Manuskriptstapel, Briefwechsel, Geschäftsakten und Archivmaterialien, die sich offen in den Wandregalen präsentieren. Hier lagert auch das gesammelte Merveprogramm mit seinen unverwechselbaren Taschenbüchern mit farbiger Raute. Die Nachdrucke vor allem französischer Philosophen wurden zunehmend mit Originalpublikationen ergänzt, von Michel Serres etwa gibt es ein 5-bändige Hermes-Projekt in Hardcover, auch die "Tausend Plateaus" von Deleuze und Guattari hat Merve exklusiv. Es überwiegt jedoch die Linie kleinerer Publikationen, die auch spontan auf Aktuelles reagieren können: "Merve war zwar langfristig angelegt, aber wir waren Dilettanten. Wir haben Bücher gemacht, ohne genau zu wissen, wie man Bücher macht. Und Geld hat uns nie besonders interessiert."

Neue französische Philosophie

Die Geschäftsphilosophie der "Dilettanten" scheint für das Funktionieren eines wendigen Programmverlages nicht schlecht zu sein. Bei einem Jahresumsatz von etwa 130.000 Euro, mit Startauflagen zwischen 1,5 und 3 Tausend pro Titel und 30 Prozent Förderung der Übersetzerhonorare durch das französische Kulturministerium hat Merve Kurs gehalten. In den 1980er Jahren waren die Merve-Bände vor allem in Studentenkreisen verbreitet, heutzutage findet man Merve-Titel in Museumshops und Autoren- oder Kunstbuchhandlungen. Mit vier Kommilitonen war das Projekt 1970 begründet worden, der Name Merve geht auf Gentes erste Frau Merve Lowien zurück. In den Pionierzeiten war man noch an Alternativen zum dogmatischen Marxismus interessiert und publizierte Autoren wie Charles Bettelheim, Louis Althusser und Antonio Negri. Die Auflösung des Kollektivs und die Hinwendung zu den französischen Poststrukturalisten hat dann auch heftige Debatten ausgelöst, wie sich Gente erinnert: "Man hat ja Foucault damals als Irrationalisten verschrien. Dabei ist der rationalistischer als so mancher deutsche Philosoph."

Das Rhizom wird Klassiker

Die Hinwendung zu den damals unbekannten "neuen französischen Philosophen" wurde von der inzwischen verstorbenen Verlegerin Heidi Paris seit 1976 vorangetrieben. Heute wird Michel Foucault zum geisteswissenschaftlichen Kanon gezählt, ebenso wie die Merve-Entdeckungen Jean-Francois Lyotard, Jean Baudrillard, Paul Virilio, Hélène Cixous, Pierre Klossowski und Michel Serres. Stammautoren will Gente sie aber nicht nennen: "Wir kehren immer wieder zu unseren Autoren zurück, aber sagen wir einmal Lieblingsautoren, das sind für mich Michel Foucault und Gilles Deleuze." Es ist schon erstaunlich, was deren philosophische Konzepte bei Merve publizistisch bewirkt haben, denn wo schon Foucaults expansive Diskursanalysen oder Dispositive schwer zu fassen waren, da war das berühmt-berüchtigte "Rhizom" von Gilles Deleuze und Félix Guattari ganz und gar verwegen. Wer auf Dialektik, System oder analytische Philosophie geschult ist, kommt mit der rhizomatischen Praxis von wurzellosem Denken in Schichten und Strömen nicht so weit. Das "Rhizom", immer noch der meistverkaufte Merve-Titel, ist in weiten Teilen mit dem ersten Kapitel von "Tausend Plateaus" identisch, da es sich um eine Art Vorabveröffentlichung dieses später erschienenen Werkes von Deleuze und Guattari handelte.

Die Kunst kam nach der Politik

"Die Kunst hat sich nach der politischen Phase entwickelt, wir waren immer sehr viel unterwegs, früher in der Punk-Bewegung, dann in der Techno-Bewegung. Das war ja eine experimentelle Gesamtszene, da waren wir verankert und unterwegs. Wir haben die meisten der maßgebenden Leute sehr früh kennengelernt, waren mit denen befreundet, die haben dann zum Teil ganz steile Karrieren gemacht." Harald Szeeman, Blixa Bargeld oder John Cage wären als Merve-Autoren zu nennen, die Künstlerphilosophen oder Philosophen-Künstler Hannes Böhringer, Sylvère Lothringer, Bernard Marcadé, Gerhard-Johann Lischka und Peter Weibel, auch Thomas Kapielski, der mit seinen multikünstlerischen Aktivitäten an Kurt Schwitters erinnert. Die Franzosen selbst erinnern auch an Vorläufer - mit Bezug auf Leibniz, Nietzsche und Heidegger haben sie deutsch-französische Philosophenbrücken gebaut. Heute richtet sich bei Merve der Blick auch über Europa hinaus, nach Asien, zunächst noch aus der französischen Perspektive: den Ästhetiker und Sinologen Francois Jullien nennt Peter Gente als einen seiner wichtigsten neueren Autoren, auch Francois Cheng und Byung-Chul Han eröffnen globale Perspektiven.
Martin Zähringer
freier Journalist, Berlin

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Dezember 2006

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