Matthes & Seitz Berlin

Individualität - Freiheit - Revolte: Der Verlag Matthes & Seitz Berlin

Junge Publikumsverlage boomen. Zwischen 2000 und 2005 sind 133 neue Verlage in den Börsenverein des Deutschen Buchhandels eingetreten. Besonders Berlin ist bei den Neugründern beliebt, und so gab es im Jahr 2004 auch eine Gründung unter dem Label Matthes & Seitz Berlin.

Der Jungverleger und Mehrheitsgesellschafter Andreas Rötzer hat zusammen mit Ursula Haeusgen (Lyrik-Kabinett, München) einen Verlag aus den 1970er Jahren faktisch neu gegründet - den Münchner Verlag Matthes & Seitz.

Nietzsche durch die Hintertür

Der alte Verlag Matthes & Seitz war berühmt, vor allem durch seine französischen Autoren. Es gab dort George Bataille in einer anspruchsvollen Werksausgabe, Arthur Rimbaud in der rasanten Übersetzung von Hans Therre, den berüchtigten Marquis de Sade mit seinem Gesamtwerk, Antonin Artaud, Jean Baudrilliard und Michel Leiris in ambitionierten Ausgaben, Bücher von Apollinaire und von Pierre Klossowski. Die Gründer des Verlages, Axel Matthes und Claus Seitz, entwickelten seit 1977 ein provokantes Programm, in dem auch der verpönte Philosoph Friedrich Nietzsche wieder Einzug in die (bundes)deutsche Kultur halten konnte: er kam durch die Hintertür, über die französische Rezeption, die "Individualität, Freiheit und Revolte" auf die geistigen Barrikaden bringen sollte.

Theorie und Praxis der Verschwendung

Die Franzosen bei Matthes & Seitz feierten das radikale Subjekt. In den Sphären von Literatur, Kunst und Philosophie sollte es sich rückhaltlos verausgaben, und wenn es eine ideologische Komponente gegeben hat, dann war das die komplexe "Theorie der Verschwendung", die George Bataille formulierte (s. George Bataille: Die Aufhebung der Ökonomie. Batterien 22, 1985). Populär wurde sie auch in der weniger verschwendungsfreudigen Szene der deutschen Protestkultur, so mancher Matthes & Seitz-Titel kursierte als illegaler Raubdruck. Die urheberrechtliche Verschwendungspraxis der Raubdrucker gibt es heute nicht mehr, den rebellischen Elan von Matthes & Seitz allerdings auch nicht. Am Ende hatten sich die zahllosen Herausgeber, Übersetzer, Nach- und Vorwortschreiber in ihrer Interpretationspolitik selbst verausgabt und schließlich in unversöhnliche Lager aufgespalten. Das folgende Abdriften in konservative Positionen fand beim Publikum keinen rechten Anklang mehr.

Frankreich bleibt im Zentrum

Die intellektuelle Debattenkultur bei Matthes und Seitz Berlin dürfte dem ersten Eindruck nach vorsichtiger gestaltet werden, aber die publizistische Diskurstradition soll laut Andreas Rötzer beibehalten werden: "Bei Neuausgaben versuche ich mit guten Kommentierungen und kontextualisierenden Essays eine Anbindung an den heutigen Leser herzustellen, Ziel sind qualitätvolle Editionen, die sich nicht nur an ein akademisches Publikum richten, sondern breiter rezipier- und lesbar sind." Der Neuverleger und promovierte Philosoph Andreas Rötzer ist zwar seit jeher ein Anhänger des Verlags und seiner Autoren, war zuletzt vier Jahre lang als Assistent bei Matthes & Seitz in München tätig und hat 2004 dann die Backlist des Verlags und den Namen gekauft. Aber er will endlich "wegkommen von den links-rechts-Diskussionen".

Die Franzosen bleiben im Programm, und in der alten Reihe "Batterien" sollen auch neue Titel von ihnen erscheinen. Im aktuellen Herbstprogramm sind eine große Chamfort-Biografie von Claude Arnaud und ein weiterer d'Aurevilley angekündigt. Das kulturgeografische Spektrum soll jedoch erweitert werden: "Frankreich bleibt im Zentrum der Verlagsarbeit, eine Erweiterung findet in den romanischen Bereich statt (Sergio Pitol, Nicolás Gómez Dávila, Paulo César Fonteles de Lima, Guillermo Fadanelli) sowie in Richtung Osteuropa, besonders Russland. Demnächst erscheinen Werke von Bachthin, Belomlinskaya und eine 6-bändige Werkausgabe von Warlam Schalamow."

Neue Editionsreihen

In der neuerdings bei Matthes & Seitz Berlin herausgegebenen Reihe "Spurensicherung" mit Autoren des Berliner Künstlerprogramms des DAAD werden in dieser Saison die internationalen Dozenten der Samuel Fischer-Gastprofessur in Berlin mit ihren literarischen Erfahrungsberichten gewürdigt. Auch die Schriftenreihe des Berliner Literaturhauses hat Rötzer akquiriert, eröffnet wird sie im Herbst 2006 mit "Obergeschoss still closed - Samuel Beckett in Berlin". Bei der Ankündigung der Herbsttitel 2006 fällt auf, dass man in der literarischen Reihe "friktion" offenbar auch auf deutsche Neuentdeckungen setzt. Es gibt eine kleine Broschurenreihe mit dem Titel "debatte", die Taschenbuchcharakter hat, ansonsten ist die Ausstattung der Bücher der Pappband mit Schutzumschlag. Die Gestaltung liegt in neuen Händen bei der Firma neo design consulting, Bonn, Schriftbild und Papierwahl der Bücher wirken im Verhältnis zu den Preisen erfreulich großzügig. Die Startauflagen der Titel liegen bei 1000 bis 2500 Stück.

Gute Stimmungslage

Der Verlag hat laut Eigendarstellung bisher eine gute Unterstützung seitens der Kritik und auch der Buchläden erfahren. Bei einiger Initiative des Verlegers sind diese durchaus gewollt, auch Bücher aufzustellen, die nicht unweigerlich den momentanen Mainstream ansprechen. Das Herbstprogramm 2006 bringt der positiven Entwicklung entsprechend schon die doppelte Zahl von Titeln wie das im Jahr zuvor, 15 Titel pro Saison sind geplant. Zum Unterschied zum Vorgänger sagt Andreas Rötzer: "Matthes & Seitz Berlin unterscheidet sich vom Münchner Vorgänger durch ein größeres Themenspektrum, auch werden mehr zeitgenössische Autoren sowohl im Sachbuch als auch in der Literatur gepflegt. Die Verlagsarbeit von Axel Matthes sehe ich als wichtige Substanz, die es ebenfalls zu pflegen und an den richtigen Stellen auszubauen gilt." Auf die Frage, ob der Altverleger Matthes noch an der Verlagsarbeit beteiligt ist, kommt von Andreas Rötzer allerdings ein klares "Nein".

Neue Titel 2006 bei Matthes & Seitz Berlin
  • In der Reihe Spurensicherung mit Gästen des Berliner Künstlerprogramms des DAAD:
    Berlin Hüttenweg. Stadt erzählen. Hg.: O. Lubrich/H.J. Balmes (Mit Texten der Samuel Fischer-Gastprofessoren V. Sorokin, V.Y. Mudimbe, K. Ôe, S. Bradfield, S. Ramírez, Y. Martel, F. Zaimoglu u.a.) 285 Seiten
  • In der Reihe friktion 5:
    George Bataille: Das Blau des Himmels. Roman. Dt. S. Massenbach/H. Naumann
    Mit Beiträgen von M. Duras und B. Mattheus, 211 Seiten
  • J.-B. Henri Savigny/A. Corréard: Der Schiffbruch der Fregatte Medusa.
    Vorw: M. Tournier, Nachw. J. Zeilinger; Bildessay von J. Trempler zu Theodore Gericaults Floß der Medusa, 253 Seiten
  • Jules Barbey d'Aurevilly: Gegen Goethe. Dt. G. Krämer. Nachw. L. Richard; Essay C. Hecht, 137 Seiten
  • Michael Roes: Weg nach Timioun. Roman. 175 Seiten
Martin Zähringer
Freier Journalist, Berlin

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September 2006