Stroemfeld Verlag

Ein Verlag der radikalen Philologie

Karl Dietrich Wolff; Copyright: Stroemfeld Verlag
Karl Dietrich Wolff
Der Stroemfeld Verlag wurde 1970 als Verlag Roter Stern vom damaligen Frankfurter Studentenaktivisten Karl Dietrich Wolff gegründet. Heute ist der Verlag vor allem für seine ambitionierten Werk- und Gesamtausgaben deutscher Literaten aus dem 19. und 20. Jahrhundert bekannt.

Ein Publikumsverlag war der Verlag Roter Stern nur insofern, als es in den bewegten Zeiten der 1968er Jahre noch ein größeres Publikum für verlegerische Projekte wie die Zeitschrift "Erziehung und Klassenkampf", Black Panther- und Vietnam-Publikationen gab. Dieses Publikum wurde vom Verlag Roter Stern nach der Zersplitterung der Protestbewegung bald mit anderen Texten beliefert. Der Freiburger Schriftsteller und Literaturforscher Klaus Theweleit bekam 1977/78 mit seiner berühmten kulturkritischen Dissertation Männerphantasien größere Aufmerksamkeit. Dieses Kultbuch nicht nur der alternativen Germanistik blieb der einzige Bestseller des Verlags und neben Georg Glasers Epochenroman Geheimnis und Gewalt und dem Longseller Buch vom Es von Georg Groddeck die bekannteste Einzelpublikation des Verlags Roter Stern. 1993 ging dieser Verlag in Konkurs, der Verlag Stroemfeld/Roter Stern wurde mit Sitz in Basel und Frankfurt gegründet und viel persönlichem Engagement und bescheidenen Existenzgehältern weitergeführt.

Historisch-kritische Klassiker-Ausgaben

Georg Groddeck: Buch vom Es; Copyright: Stroemfeld VerlagDas Revolutionäre an den Stroemfeld-Klassikerausgaben war die Idee, die Faksimiles der Originalmanuskripte abzudrucken, 1975 mit der historisch-kritischen Hölderlin-Ausgabe von D. E. Sattler erstmals erprobt. Die Frankfurter Hölderlin Ausgabe (FHA) hat nicht nur in Germanistenkreisen für Furore gesorgt und wird vermutlich in diesem Jahr mit Band 19/Briefe II und dann dem letzten Band 20 abgeschlossen. Welche Probleme mit solchen ambitionierten Verfahren entstehen, erfährt man in Heft 8 Editionskritik, einem Band der Reihe Text Kritische Beiträge des gemeinnützigen Instituts für Textkritik, das mit Peter Staengle, Roland Reuß und Wolfram Groddeck einen institutionellen Rahmen für die Klassikerausgaben bei Stroemfeld bildet. Hier wird auch eine interessante Form der Gesprächs-Rezension über die Bände 7 und 8 der Hölderlinausgabe dargeboten, aber es könnte sein, dass man sich als Laie einer nicht ganz einfach nachvollziehbaren Esoterik der Hölderlinphilologie gegenübersieht. Die Leute vom Fach hat die FHA überzeugt, aber wie KD Wolff erklärt, wird es schwierig mit dem Absatz: "Die deutschen Bibliotheken waren natürlich wichtige Abnehmer unserer FHA, auch unserer Brandenburger Kleist-Ausgabe. Jetzt haben die deutschen Bibliotheken immer kleinere Ankaufsetats. Selbst germanistisch-universitäre Fachbibliotheken haben zum Teil unsere Franz Kafka-Ausgabe nicht abonniert - wie soll man da Germanistik studieren?"

Alles eine Frage des Geldes

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke; Copyright: Stroemfeld VerlagDie Franz Kafka- Ausgabe (FKA) ist ein besonders ambitioniertes Projekt, eine historisch-kritische Ausgabe sämtlicher Handschriften, Drucke und Typoskripte. Die Faksimile-Ausgaben der Romane mit Handschriften, Reprints der Erstausgaben und CD-Roms sind zwar teuer, aber wenn man einmal die Erstausgabe von Ein Landarzt. Kleine Erzählungen (1919 im Kurt Wolff Verlag) im Faksimilereprint gelesen hat (für 28 Euro ein Fest fürs Auge), dann wird schon deutlich, was die Lektüre einer Originalausgabe ausmachen kann. Die FKA wird aber entgegen den Erwartungen nicht von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert werden. Für KD Wolff ist das schwer verständlich, zumal es ja mit einem anderen "seiner" Klassiker geht: "Die Schweiz hat es vorgemacht: die erste historisch-kritische Gottfried Keller-Ausgabe (HKKA) wird von einer eigens gegründeten Stiftung veranstaltet, die von diversen Institutionen der Schweiz, dem Kanton Zürich, der Keller-Gesellschaft und Schweizer Banken unterstützt wird. Die Keller-Arbeitsstelle in Zürich hat nicht zwei Mitarbeiter (wie es bei unserem Kafka-Antrag vorgesehen war), sondern deren fünf! Und die Arbeit der beteiligten Verlage (Druck: Neue Zürcher Zeitung/Lektorale Betreuung: Stroemfeld) wird voll finanziert - vor dem Verkauf."

Unabhängigkeit und Profil

5x7. Lesebuch. 35 Jahre, Hg. KD Wolff; Copyright: Stroemfeld VerlagTrotz schwierigem Stand in wirtschaftlicher Hinsicht steht der Stroemfeld Verlag in der publizistischen Szene gut da. Wesentliche Editionen gibt es auch von Karoline von Günderrode, Briefe von Clara und Robert Schumann, Heinrich von Kleist, Johann Peter Hebel, Georg Büchner und Georg Trakl. Die besondere aktuelle Ausrichtung des Verlages findet sich in der Betreuung von Autoren wie Peter Kurzeck, Eva Meyer, Gustav Regler und Georg Glaser, den Werken des Psychologen Georg Groddeck oder des Religionsphilosophen Klaus Heinrich, verdienstvoll ist auch eine biografische Studie zu Lu Xun, einem der Begründer der modernen chinesischen Literatur. Seit den 1980er Jahren gibt es eine medientheoretische Linie mit Einzelstudien, die Zeitschrift Frauen und Film (seit 1975) sowie KINtop, Jahrbuch zur Erforschung des frühen Films. Der Verlag Stroemfeld/Roter Stern hat ein unverwechselbares Profil und kann als Musterfall eines unabhängigen Verlages gelten. Daher ist es folgerichtig und nur zu begrüßen, dass die Kurt-Wolff-Stiftung zur Förderung einer vielfältigen Verlags- und Literaturszene kürzlich den Stroemfeld Verlag mit dem mit 26.000 Euro dotierten Kurt Wolff Preis 2007 ausgezeichnet hat.

Bücher aus dem Verlag Stroemfeld/Roter Stern:

5x7. Lesebuch. 35 Jahre 1970-2005, Hg. KD Wolff, 270 S. und 46 S. Gesamtverzeichnis, 2005

Karoline von Günderrode: Sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe herausgegeben von Walter Morgenthaler. Sonderausgabe Textband, 488 S., 2006

Franz Kafka: Ein Landarzt. Kleine Erzählungen. Nachdruck der Erstausgabe beim Kurt Wolff Verlag 1919, 189 S. mit Nachwort von Roland Reuß zur Ausgabe, 2006

Georg Büchner: Briefwechsel. Kritische Studienausgabe von Jan-Christoph Hauschild. 179 S., 1994

edition Text 1: Theodor Fontane: Der Stechlin. Die Erstdrucke von 1897 und 1898 erstmals vollständig kritisch ediert.405 S., 1998

Reihe nexus 41: HyperKult. Geschichte, Theorie und Kontext digitaler Medien. (Hg. Warnke/Coy/Tholen). 520 S., 1997

Martin Zähringer
freier Journalist

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März 2007

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