Verlag Antje Kunstmann

Den Publikumsgeschmack prägen – Der Verlag Antje Kunstmann

Antje Kunstmann
Vor 30 Jahren gründete Antje Kunstmann mit Peter Weismann in München den Weismann/Frauenbuchverlag, 1990 ging daraus der Verlag Antje Kunstmann hervor. Er gehört mit 4 Millionen Jahresumsatz und 10 festen Mitarbeitern auch wirtschaftlich zu den erfolgreichen unter den unabhängigen Verlagen.

Ein typischer Frauenbuchverlag ist der Verlag Antje Kunstmann nicht mehr. Die Programmpalette bietet einen speziellen Zuschnitt von deutscher und internationaler Roman- und Prosaliteratur, Gesellschaft, Politik und Ökologie im Sachbuch, höherer Komik der Art Neue Frankfurter Schule und zeitgeistiger Unterhaltung für das größere Publikum. Es ist das gemischte Programm des Publikumsverlags, allerdings mit der ganz persönlichen und unverkennbaren Kunstmann-Note. Auf der Backlist finden sich 260 Titel von 180 Autorinnen und Autoren. Von der Zeitschrift BuchMarkt wurde Antje Kunstmann zur Verlegerin des Jahres 2006 gekürt. Auf die Frage nach ihrer speziellen Verlagsstrategie antwortet Antje Kunstmann: "Eine Strategie würde ich das nicht nennen, eher vielleicht eine Haltung. Das Anliegen des Verlages ist, wie es Kurt Wolff so schön formuliert hat, den Publikumsgeschmack zu prägen, nicht ihm dienerisch hinterherzulaufen".

Satire sorgt für Umsatz

Greser & Lenz
Für sichere Umsätze sorgen deutsche Autoren mit starkem Umfeld. Seit 16 Jahren etwa der Münchner Schriftsteller Axel Hacke, dessen Wochenkolumnen im Magazin der Süddeutschen Zeitung bei Kunstmann in Buchformat erscheinen. In dem Fall ist das Publikum schon vorgeprägt, auch im Fall der Cartoonisten Greser&Lenz, die bei der FAZ und im Stern ihre Massentauglichkeit beweisen. Hackes Kolumnen haben auch die Fernsehnation im Ersten Programm der ARD erreicht, die Kolumnenbände verkaufen sich jeweils im sechsstelligen Auflagenbereich.

Das beruhigt die finanzielle Lage, man kann auch einmal unbekannte Autorinnen und Autoren quer subventionieren, Rücklagen bilden und kürzere Durststrecken überbrücken. Komische Literatur ist eine wichtige Sparte im Programm. Man kann sich auf CD über die unfreiwillige Sprachkomik des einstigen Bundespräsidenten Heinrich Lübke wundern und amüsieren, in Funny van Dannens satirischen Geschichten über Neues von Gott, in Bernsteins Superfusseldüse über eine Anverwandlung des germanistischen Weltwissens der komischen Art. Die höhere Komik der Neuen Frankfurter Schule vertreten auch Robert Gernhard, F.K. Waechter und Chlodwig Poth mit einzelnen Titeln, und der angriffslustige Satiriker Wiglaf Droste erscheint ebenfalls mit CDs und Büchern bei Antje Kunstmann.

Über die Jahre ein internationales Netzwerk

Véronique Ovalde
Die internationale Literatur spielt ein große Rolle bei Kunstmann. Es handelt sich überwiegend um Übersetzungen aus dem Französischen und Englischen. Auch die internationale Linie und die Autorensuche wird von der Verlegerin selbst geprägt: "Erstens orientiert man sich an den Sprachen, die man selbst lesen und beurteilen kann. Dann hat man über die Jahre ein Netz von Lektoren und Verlagen, die inhaltlich ähnlich arbeiten wie wir. Man kriegt also Empfehlungen und man liest. Hört einen neuen Ton, orientiert sich am Stil und am Blick der Autorinnen und Autoren auf die Welt, auf die Gesellschaft." Die Kanadierin und Stammautorin Barbara Gowdy hat 1998 nach einigen ambitionierten Titeln mit ihrem Roman Der weiße Knochen einen jener Überraschungserfolge geliefert, die keine noch so geschickte Verlagskalkulation voraussehen kann. Bücher wie der Roman Meeresrand von Véronique Olmi, die Novelle über eine junge Frau aus der französischen Unterschicht, die ihre beiden geliebten Söhne tötet, beweisen dann aufs Neue, dass die gesellschaftliche Provokation mittels schöner Literatur noch funktioniert.

Ein integriertes Programm

Wenn man bei Verlagen die Einteilung in Belletristik und Sachbuchprogramm findet, hängt das oft mit kurzfristigen Trends in den jeweiligen Sparten zusammen. Die Literatur hat ihre Tendenzen, das Sachbuch seine aktuellen Themen. Bei Antje Kunstmann findet man eine etwas andere Struktur: wenn der Ökopolitiker Hermann Scheer sachlich über Grüne Energiepolitik schreibt, Noam Chomsky in einem der wichtigsten Sachbücher des Jahres politisch über den "gescheiterten Staat" und Barbara Ehrenreich investigativ über die Entwertung der Arbeit, dann spiegeln sich solche Problemfelder auch in Barbara Gowdys Elefantenroman, Véronique Olmis Novelle über die Mutter aus den Banlieus oder in Francois Emmanuels Erzählung über den Arbeitspsychologen, der sich plötzlich mit den Denkweisen der Nazivernichtungspolitik konfrontiert sieht. Die integrierte Perspektive des Verlags Antje Kunstmann erreicht globale Dimensionen bis in die Arktis, wo Véronique Ovaldé ein Inuit-Frauenschicksal im Zeichen einer Giftgaskatastrophe imaginiert. Das Konzept des Verlages hat sich über die Jahre bewährt, man leistet sich ein eigenes Lektorat, kontinuierliche Zusammenarbeit mit bewährten Übersetzern und wird auch in Zukunft um die 20 Titel pro Jahr in Kunstmann-Qualität produzieren.

Literatur

Noam Chomsky: Der gescheiterte Staat. Aus dem Englischen Kollektiv Druckreif-Gockel/Jendricke/Wollermann. 2006, 399 S.

Véronique Ovaldé: Alles glitzert. Roman. Aus dem Frz. C Kallscheuer. 2006, 191 S.

Barbara Ehrenreich: qualifiziert & arbeitslos. Eine Irrfahrt durch die Bewerbungsindustrie. Aus dem Englischen Kollektiv Druckreif-Gockel/Schuhmacher. 2006, 255 S.

Francois Emmanuel: Der Wert des Menschen. Roman. Aus dem Frz. L. Federmair. 2006, 93 S.

F. W. Bernstein: Die Superfusseldüse. 19 Dramen in unordentlichem Zustand. 2006, 200 S.

Greser&Lenz: Deutschland im Glück. Cartoons. 2006, 285 Seiten

Hermann Scheer: Energieautonomie. Eine neue Politik für erneuerbare Energien. 2005, 316 S.

Veronique Olmi: Meeresrand. Roman. Aus dem Frz. von R. Nentwig. 2002, 118 S.

Lothar Baier: Was wird Literatur? 4 Essays. 2001, 192 S.

Martin Zähringer
freier Journalist

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Februar 2007

Links zum Thema