Verlag Vittorio Klostermann

Der Verlag Vittorio Klostermann – Exklusive Denkwege

Martin Heidegger. Gesamtausgabe. III. Abteilung. Unveröffentlichte Abhandlungen-Vorträge-Gedachtes. Band 64 Der Begriff der Zeit. 2004; Copyright: Vittorio Klostermann VerlagVittorio E. Klostermann; Copyright: Maja KlostermannDer Verlag Vittorio Klostermann besteht seit 1930 in Frankfurt am Main und wurde einer der bedeutendsten Philosophieverlage seiner Zeit. Heute ist er international als der Verlag des Philosophen Heidegger bekannt, das Spektrum ist allerdings weitaus umfangreicher.

1497 Titel aus dem Verlag Vittorio Klostermann sind derzeit über den deutschen Buchhandel abrufbar. Diese Zahl ist geeignet, das etwas einseitige Image als Heidegger-Verlag zu relativieren. Die Martin Heidegger-Gesamtausgabe letzter Hand gehört zweifellos zum bedeutendsten Engagement des Verlags, der Verleger Vittorio E. Klostermann (*1950), Sohn des gleichnamigen Gründers (1901-1977), verweist aber auf das weitaus größere Spektrum: "Weil der Name von Martin Heidegger international so großes Gewicht hat, spielt er natürlich auch für das Gesicht des Verlags eine wichtige Rolle. Es gibt aber nicht wenige Buchfreunde, die uns für unsere philosophische Flaggschiffreihe, die Philosophischen Abhandlungen, besonders schätzen, oder wegen der Thomas-Mann-Studien, oder wegen unseres breiten rechtshistorischen Programms." Daneben finden sich unzählige wissenschaftliche Einzeltitel oder Titel aus früheren Reihen (Romanistik, Germanistik, Recht, Philosophie), eine Arnold Gehlen Werksausgabe, das Thomas Mann Jahrbuch und das Seminar Klostermann in Taschenbuchformat. Hier gibt es neuerdings auch Bücher zu den Kanji, den japanischen Schriftzeichen, denen Werke zur chinesischen Schrift folgen werden.

Heidegger

Martin Heidegger. Gesamtausgabe. III. Abteilung. Unveröffentlichte Abhandlungen-Vorträge-Gedachtes. Band 64 Der Begriff der Zeit. 2004; Copyright: Vittorio Klostermann VerlagDer deutsche Philosoph Martin Heidegger wollte keine kritisch-historische Ausgabe, dennoch ist das Gesamtwerk auf 102 Bände projektiert. Seit 1975 sind bereits 77 Bände erschienen, in 10 Jahren will man die Ausgabe abgeschlossen haben. Das Interesse ist laut Verleger da: "Allein die deutschsprachige Originalausgabe hat etwa 1700 Abonnenten. Da der Löwenanteil nicht direkt beim Verlag subskribiert ist, sondern über den Buchhandel läuft, wissen wir nicht, wie groß der Anteil der Privat- und wie hoch der der institutionellen Käufer ist. Ein solcher Absatz lässt sich jedoch nicht ohne einen überwiegenden Anteil privater Abonnements erreichen. Und im übrigen werden die Bände auch in großer Zahl einzeln verkauft, manche Bände bereits in 3. Auflage. Von unserer deutschsprachigen Ausgabe geht mehr als die Hälfte ins Ausland. Parallel dazu erscheinen aber auch in Japan, Frankreich, U.S.A. und Italien (um nur die wichtigsten Sprachräume zu nennen) Lizenzausgaben in Übersetzung."

Heidegger hat sich leider auch im Dritten Reich kompromittiert und war lange nicht so recht salonfähig. Das änderte sich mit der Rezeption in Frankreich und den USA, so dass er heutzutage in seiner relativen Bedeutung als moderner Philosoph anerkannt wird. Die mentale Gravitation des Philosophen zieht seine Adepten allerdings mit Macht in eine geschlossene Umlaufbahn: "Beinah in jeder Schrift oder Vorlesung setzt Heidegger neu an … Insofern kommt niemand, der es mit Heideggers Denken ernst meint, an einem gründlichen Studium der Gesamtausgabe vorbei", meint Günther Figal, der Herausgeber des dennoch sehr praktikablen Heidegger Lesebuch mit nur knapp 400 Seiten. Ein Lebensprojekt mithin, und hier kann man schon einmal testen, ob man sich für derart exklusive Denkwege eignet.

Deutsche Traditionen

Gert Heine/Paul Schommer: Thomas Mann Chronik 1875-1955, 2004; Copyright: Vittorio Klostermann VerlagDie neue Thomas Mann Chronik zeigt den Wert einer intensiven Arbeit am Einzelautor. Im großen Thomas Mann sieht so mancher eine Fortsetzung des größeren Goethe, sicher ist - es spiegelt sich in einem derart konzise recherchierten Leben auch die ganze Spannung seiner Zeit. Neben Heidegger findet sich eine Arnold Gehlen Werksausgabe bei Klostermann, Ernst Jünger und dessen ebenso beschlagener Bruder Friedrich Georg Jünger sind vertreten, und so könnte man hier einen konservativen Verlag vermuten, was der Verleger nicht absolut gelten lässt: "Im Verlagsprogramm der 50er bis 70er Jahre ist durchaus eine konservative Linie, aber nicht ausschließlich. Zu den Autoren meines Vaters gehörten immerhin auch Karl Mannheim, Herbert Marcuse, Werner Krauss, Werner Maihofer u. a. Die Qualität der Autoren war für meinen Vater oberste Instanz. Wichtig war ihm, was sie zu sagen haben – und das gleiche gilt auch für mich."

Verlage müssen gute Bücher machen

Zunehmend gerät diese Qualität unter Druck, weshalb sich neben dem vielfältigen öffentlichen Förderprogramm in der Buchwirtschaft selbst Initiativen zur Förderung der Qualitätsarbeit finden. Vittorio Klostermann sieht zwar die deutsche Kultur und Literatur nicht ernsthaft in ihrer Präsenz bedroht, hat sich aber engagiert: "Ich gehöre zu den Mitbegründern der Kurt-Wolff-Stiftung, weil es mir notwendig erschien, die kleineren und unabhängigen (aber dennoch professionell) arbeitenden Verlage mehr in die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu rücken. Das ist zum Teil bereits gelungen, aber es zeigt sich immer wieder: Verlage müssen gute Bücher machen; das ist die beste Voraussetzung, um wahrgenommen zu werden."

Seit 1957 führt der Verlag die als Eppelsheimer-Köttelwesch bekannte Gesamtbibliographie der deutschen Sprach- und Literaturwissenschaft, die seit 2004 auch als Online-Ausgabe zugänglich ist. Das engagierte Buchhaus Klostermann scheut sich also auch nicht vor der digitalen Moderne. Vittorio E. Klostermann hat mit Genugtuung festgestellt, dass die Ware Buch das meistgekaufte Medium im Internet ist. Vielleicht dürfen sich die Heideggerianer noch auf eine schöne, praktikable DVD freuen.

Bücher aus dem Vittorio Klostermann Verlag:

Vittorio Klostermann. Frankfurt am Main. 1930-2000. Verlagsgeschichte und Bibliografie. 387 Seiten.

Martin Heidegger. Gesamtausgabe. III. Abteilung. Unveröffentlichte Abhandlungen-Vorträge-Gedachtes. Band 64 Der Begriff der Zeit. 2004, 133 Seiten

Heidegger Lesebuch. Herausgegeben von Günter Figal. Seminar Klostermann 2007, 399 Seiten.

Kurt Flasch: Was ist Zeit? Augustinus von Hippo. Das XI. Buch der Confessiones. Text-Übersetzung-Kommentar. Seminar Klostermann2004, 438 Seiten.

Gert Heine/Paul Schommer: Thomas Mann Chronik 1875-1955. 2004, 626 Seiten.

J. W. Heisig/R. Rauther: Die Kanji lernen und behalten. Bedeutung und Schreibweise der japanischen Schriftzeichen. 2005, 570 Seiten.

Winfried Hassemer: Erscheinungsformen des modernen Rechts. 2007, 263 Seiten.

Martin Zähringer,
freier Journalist, Berlin

Copyright: Goethe-Institut e.V., Online-Redaktion

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
Juni 2008

Links zum Thema