"Die mit der CD": Voland & Quist macht in Dresden und Leipzig "Live-Literatur"

Leif Greinus und Sebastian Wolter sind um die 30, haben Buchhandel/ Verlags-wirtschaft in Leipzig studiert und bereits während des Studiums überlegt, einen Verlag zu gründen; dies sogar in einer Fallstudie durchgespielt. Ergebnis: lohnt sich nicht. "Lust und Neugier, gepaart mit gesunder Naivität", wie sie sagen, haben sich aber durchgesetzt. Zum Glück: Seit Oktober 2004 veröffentlichen Greinus und Wolter als Voland & Quist "Live-Literatur": Bücher mit CD oder DVD. Recht erfolgreich sogar.
Die Bücher heißen Aus den Memoiren einer Verblühenden, Sag doch mal was zur Nacht oder Im Arbeitslosenpark. Ihr bisher meist verkauftes Buch ist eine Anthologie mit den Geschichten der Berliner Lesebühnengruppe Die Surfpoeten. Die Autoren sind wenig bis gar nicht bekannt und besitzen eher "Street Credibility" denn irgendwelche Preise des Literaturbetriebs. Autoren, die beim kleinen Verlag Voland & Quist in Dresden und Leipzig publizieren, präsentieren keine hochgeistige Literatur, sondern eher einen gewissen "Sound", der nicht selten von der Straße, aus dem Umfeld des Poetry Slam und von den diversen Lesebühnen dieses Landes kommt. Kein Wunder – die Inhaber von Voland & Quist, Sebastian Wolter und Leif Greinus, waren selbst jahrelang neben dem Studium als Literaturveranstalter in Leipzig und Dresden tätig. Sie kennen die Szene, in der Originalität und das Performen von Literatur die größte Rolle spielen, sehr gut. Die Nähe zur "Live-Literatur", wie Wolter und Greinus jegliche direkte, vor Publikum vorgebrachte Form von Literatur nennen, spiegelt sich allerdings auch darin, diese Literatur anders als nur über Buchstaben auf Papier erfahrbar zu machen: Voland & Quist ist der erste und einzige Verlag, der jedes Buch mit einer zugehörigen CD oder DVD veröffentlicht oder sogar "NoPaper" – Literatur zum Sehen wie die Poetry Clips von Bas Böttcher und Wolf Hogekamp oder den Sampler Hörspiellust zum Leipziger Festival Hörspielsommer. "Egal ob Roman, Kurzgeschichten oder Lyrik: Wir verlegen zeitgenössische, urbane Literatur, das heißt, sie muss authentisch und originell in Themen, Sprache, Stil sein", erklärt Sebastian Wolter. "Unsere Literatur darf nicht selbstgefällig-ernsthaft oder elitär sein. Ein Großteil unseres Programms besteht daher hauptsächlich aus Texten, die für die Bühne verfaßt wurden. Das ist auch der Grund, warum wir Bücher mit CDs verlegen: Unsere Autoren sind so gute Vorleser, dass man sie auch hören muss." – oder eben sehen: Als der German International Poetry Slam, der größte deutschsprachige Slam-Wettbewerb, 2005 in Leipzig stattfand, veröffentliche Voland & Quist eine Anthologie mit den besten Beiträgen plus DVD, die das wahre Können der Literatur-Performer aus Deutschland, Österreich und der Schweiz erst richtig offenbar werden ließ.
Moderne Formen der Kommunikation
Diese Besonderheit macht sich auch gut bei der Positionierung auf dem Buchmarkt: "Unser Wiedererkennungswert ist groß. Für viele sind wir einfach 'die mit dem Buch mit CD'." Tatsächlich ist es aber so, dass die beiden Verleger sich eine eigene Nische geschaffen haben: "Unter die Rubriken 'Hörbuch' oder 'Hörspiel' fallen wir nicht. Also laufen wir offiziell unter 'Belletristik', wo wir auffallen, weil unser Angebot mehr umfasst, aber so können wir uns ganz gut positionieren", sagt Wolter. Doch auch die optische Gestaltung ist den Jungverlegern wichtig. Hier sind die Münchner Kollegen von blumenbar Vorbild: Ein blumenbar-Buch ist immer auf den ersten Blick von anderen zu unterscheiden und sowohl ästhetisch als auch handwerklich sehr sorgfältig gearbeitet. "Bücher von blumenbar nimmt man einfach gern in die Hand", so Greinus und Wolter. "Unsere Bücher sollen auch gut aussehen. Design ist uns wichtig. Sie sollen sich von der Masse abheben, genau wie die Texte, die bei uns erscheinen." Die Titel bei Voland & Quist kommen daher einem modernen Verständnis von Grafik entgegen: verspielt und auch mal bunt, aber dennoch klar und distinguiert. Ästhetisch gesehen findet man - wie auch bei blumenbar - die Vorbilder und Anleihen eher in den Flyern der Club- und Veranstaltungsszene oder bei Musikzeitschriften wie intro, Groove oder Spex, nicht im Verlagswesen.
Zu diesem modernen Verständnis und der Publikumsnähe gehören für Voland & Quist auch moderne Formen der Kommunikation. Natürlich lassen sie sich wie alle anderen auch bei Messen und Veranstaltungen sehen, um Kontakte zu knüpfen oder interessante Autoren anzusprechen. Aber Wolter und Greinus nutzen auch das Internet und die neuen Web 2.0-Formate, um an ihrer Leserschaft dranzubleiben: Sie unterhalten auf der Foto-Site flickr.com einen Account, wo sie regelmäßig fotografisch Zeugnis über ihre Tätigkeiten und die Entwicklung des Verlags ablegen, schriftlich unterstützt durch einen Blog auf der Verlagsseite seit ein paar Monaten. "Wir sind ja nicht irgendein abgehobener Verlag. Wir wollen offen vermitteln, was wir tun und was uns ausmacht, authentisch sein und für die Leute greifbar bleiben. Und nicht zuletzt macht das Bloggen ja auch uns selbst Spaß", erklärt Wolter.
Auch wenn Voland & Quist sich gerne mal ein bißchen anti-intellektuell gibt – das muss nicht heißen, dass das Verlagsprogramm nicht doch anspruchsvoll ist. Allein der Name macht schon deutlich, dass Greinus und Wolter sich nicht nur in der Welt der Live-Literatur auskennen und dass Literatur für sie ein Spiel mit Klang und Referenzen ist: Voland (aka. Leif Greinus) stammt aus Der Meister und Margarita von Michail Bulgakow, Quist (aka. Sebastian Wolter) aus Die Entdeckung des Himmels von Harry Mulisch. Aber es darf auch gerne mal ein bißchen gesellschaftskritisch oder gar politisch werden. Andreas "Spider" Krenzkes Buch Im Arbeitslosenpark ist da zu nennen, in dem der Autor, Surfpoet und Mitbegründer der Berliner Lesebühne LSD – Liebe statt Drogen, schnoddrig-satirische Blicke auf die Underdogs der "Berliner Republik" wirft, die von Gesellschaft und Politik schon lange nicht mehr wahrgenommen werden. Aber auch der Lyrik-Band Sag doch mal was zur Nacht der 1980 geborenen Nora Gomringer ist da bemerkenswert, befasst er sich doch wortspielerisch-sentimental mit Liebeskummer genauso wie mit dem Holocaust und dessen Wahrnehmung. Solch Virtuosität wurde kürzlich belohnt: Gomringer gewann den Bayerischen Kunstförderpreis 2006 in der Sparte Literatur.
Junge Literatur aus Osteuropa
Überhaupt beweisen Voland & Quist bei der Entdeckung neuer Autoren ein erstaunlich gutes Händchen. Dazu gehört auch die Veröffentlichung des Romans Ausfahrt Zagreb-Süd von Edo Popović. Man fragt sich, warum nicht schon eher jemand auf die Idee gekommen ist, das neueste Werk dieses wichtigen jugoslawischen Autors und Kriegsberichterstatters auf Deutsch zu veröffentlichen. Sieben Jahre nach dem Ende der Kriege auf dem Balkan ist Popović mit Ausfahrt Zagreb-Süd ein modernes Märchen über den Zerfall Jugoslawiens und die Zerrissenheit seiner Bewohner gelungen; trist, aber dennoch sehr lustig und voller Bonmots. Für den jungen Verlag ist der Roman der Startschuß einer neuen Reihe mit junger Literatur aus Osteuropa namens Sonar. Greinus und Wolter sind stolz auf das Vorhaben, "zumal in Osteuropa ja viel stärkere Umwälzungen stattfinden und -fanden als bei uns mit dem Ende der DDR." Aber das ist ja auch der Vorteil daran, ein kleiner, unabhängiger Verlag zu sein: "Man kann umsetzen, was man möchte. Man darf auch mal experimentieren. Erfolge kann man direkt seiner eigenen Arbeit zuschreiben. Misserfolge natürlich auch, da muss man ehrlich sein. Aber man entwickelt sich ständig weiter, so bleibt die Arbeit spannend", so Wolter. Und wenn Voland & Quist so weiter machen wie bisher, dann wird der Verlag sich bereits in der ersten Jahreshälfte 2007 selbst tragen können. Bisher arbeiten beide Jungverleger für ihren Lebensunterhalt noch nebenher, sind aber zuversichtlich, schon in ein paar Jahren von ihrem Verlag leben zu können. Nur ein Nachteil fällt Wolter noch ein: "Es gibt keine große Verlagsszene in Dresden oder Leipzig. Am nachteiligsten ist unser Standort, was die Medien betrifft; da hat man es in München, Berlin, Frankfurt oder Hamburg sicherlich leichter." Aber wer jetzt schon immer fleißig durch die Republik fährt und neue Kommunikations- sowie Verbreitungsformen ("Bei E-Books warten wir erstmal ab, aber warum nicht?") nicht scheut, dem wird langfristig sicherlich auch der Standort kein Nachteil sein.ist Literatur-Redakteurin des hannoverschen Stadtmagazins STADTKIND und schreibt regelmäßig für diverse Medien über zeitgenössische Literatur.
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Januar 2007









