Denken und Arbeiten im „Lichtenberg’schen Sinne“ – Wallstein Verlag
Der Wallstein Verlag wurde 1986 von drei Göttinger Studenten gegründet. Heute beschäftigt er 18 Mitarbeiter und ist aus der deutschen Verlagswelt nicht mehr wegzudenken. Wallstein-Gründer Thedel von Wallmoden berichtet, wie sich mit Wissenschaftsprosa und einem anspruchsvollen Literaturbegriff Geld verdienen lässt. Herr von Wallmoden, über Ihren Verlag kursiert eine lustige Gründungslegende.
Ja, er war nämlich im Wortsinn eine Schnapsidee. Die Brüder Steinhoff und ich – daher übrigens auch der Name Wallstein – wir wollten mit einer kurzen heftigen Anstrengung Geld verdienen, um dann in Ruhe unsere Dissertationen abschließen zu können. Also machten wir einen Göttinger Kneipenführer. Im Wintersemester 1985/86 bekam jeder Besitzer eines solchen Führers in jeder Kneipe, die wir darin aufgenommen hatten, ein Getränk zum halben Preis und konnte an einer Verlosung teilnehmen. Der Hauptgewinn: eine Reise nach Jamaika.
Und die Leute haben mitgemacht?
Und wie! Wir haben 5.000 Bücher verkauft. Kurz darauf kam die Firma Apple auf uns zu und fragte uns, ob wir nicht weiterhin unsere Bücher durch Desktop-Publishing auf Apple-Geräten machen und unsere Produkte anschließend auf Messen vorstellen wollten. Also haben wir ein Büro gemietet und die Technik gekauft. Wir waren damals schon überzeugt, dass alle, die schreiben, über kurz oder lang mit irgendeiner EDV arbeiten würden.
Heute profitiert Ihr Verlag von Kooperationen mit der akademischen Welt.Klassikerausgaben oder kritische kommentierte Editionen, die einen Schwerpunkt unseres Verlagsprogramms bilden, sind allein über die Zahl der verkaufbaren Exemplare nicht finanzierbar. Man braucht Zuschüsse. Deshalb arbeiten wir eng mit Institutionen zusammen – der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora, mit Yad Vashem in Jerusalem oder mit verschiedenen Max-Planck-Instituten zum Beispiel.
Wenn man sich Ihr Verlagsprogramm anschaut, fallen zwei Schwerpunkte auf: die Geistesgeschichte des 18. Jahrhunderts und die Zeit des Nationalsozialismus.
Wir wollten, wie der Historiker Reinhart Koselleck einmal sagte, die Aufklärung als „Sattelzeit“ veranschaulichen, in der bestimmte Wertmaßstäbe, die uns heute modern vorkommen, zum ersten Mal mustergültig formuliert worden sind. Die Rücknahme der Aufklärung durch die Nationalsozialisten gehört da folgerichtig ins gleiche Themenfeld.
Über welche Autoren sprechen wir?
Wir haben unser Programm in den Achtzigerjahren mit Autoren der Spätaufklärung wie etwa Lichtenberg begonnen und dann die literarische Moderne und die Literatur des Exils in den Blick genommen. In den letzten Jahren sind anerkannte Werkausgaben und Briefeditionen erschienen. Um nur einige zu nennen: Lichtenberg, Rainer Maria Rilke, Rahel Varnhagen, Joseph Roth und viele andere.
Wann gelang Wallstein der Durchbruch am Buchmarkt?Das war 1992 mit dem Buch „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger. Ich habe damals gedacht, ich drucke 3.000 Exemplare davon, und wenn ich nicht mindestens 1.000 Exemplare verkaufen kann, lasse ich die Verlegerei sein und gehe zurück in die Wissenschaft. Das Buch wurde dann in der Phase der höchsten Wirksamkeit in der Fernsehsendung „Literarisches Quartett“ besprochen, und wir haben in wenigen Monaten mehr als 100.000 Exemplare verkauft.
Neben Werken des klassischen Spektrums, haben Sie sich vor ein paar Jahren auch der deutschen Gegenwartsliteratur zugewendet.
Ja, der Lektor Thorsten Ahrend gestaltet seit sechs Jahren bei Wallstein ein belletristisches Programm mit dem Schwerpunkt auf deutschsprachiger Gegenwartsliteratur. Mit Autoren wie Lukas Bärfuss, Daniela Danz oder Sabine Peters ist es bereits stark sichtbar geworden.
Welche Rolle spielt der Wallstein Verlag im Bereich des E-Publishing?
Alle unsere Bücher liegen von Anfang an in digitaler Form vor, das heißt wir können alle 1.600 Titel auch als E-Books anbieten. Insofern sind E-Books für uns gar kein neues Thema.
Trotzdem redet sich die Branche bei jeder Buchmesse darüber die Köpfe heiß.
Die E-Book-Diskussion läuft im Moment noch völlig falsch. Bücher werden jetzt nur in das neue Medium transferiert. Sie werden nicht transformiert. Aber der Reiz des E-Books liegt in der multimedialen Vernetzung des Textes mit Bild, Ton, Film und Internet: Interessant wird es deshalb erst dann, wenn das neue Medium auch neue Darstellungsformen hervorbringt.
Welcher Autor könnte bei Wallstein solch eine mediale Transformation vollziehen?Ein formal moderner Autor, von dem eine dem E-Book angemessene Schreibweise zu erwarten wäre, ist Jörg Albrecht. Das ist ein Wallstein-Autor, der inzwischen auch unter dem schriftstellerischen Nachwuchs eine wichtige Bezugsgröße geworden ist.
Sie waren in den Neunzigerjahren als Berater bei Suhrkamp tätig. Gibt es da ein gemeinsames verlegerisches Credo?
Die Gemeinsamkeit mit dem Suhrkamp Verlag, den ich damals kennengelernt habe, besteht möglicherweise darin, dass es uns letztlich immer um Sprachkunst geht, also um die mimetische Darstellung von Wirklichkeit durch Sprache. Dabei ist es vollkommen egal, ob es eine Wirklichkeit ist, wie die irgendwelcher schrägen Berliner Clubs oder etwas anderes. Wichtig ist: der Text muss ein sprachliches Ereignis sein.
Sie gelten nicht als Freund der sogenannten Pop-Literatur. Dennoch wollen Sie neuartige Literatur populär machen. Wo liegt für Sie der Unterschied?
Das Neue kann nicht schon Mainstream sein. Dafür etwas zu tun, dass das Einzigartige von möglichst vielen wahrgenommen wird, das ist die schönste Aufgabe des Verlegers. Es gibt dazu einen Satz von Lichtenberg: „Ich mag immer den Mann mehr lieben, der schreibt, wie es Mode werden kann, als den, der so schreibt, wie es Mode ist.“ Also in diesem Lichtenberg’schen Sinne denken und arbeiten wir.
ist Autorin des FAZ-Feuilletons und arbeitet für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
November 2010
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