Fenster aufreißen - Die Kulturzeitschrift Lettre INTERNATIONAL

Wer sich für globale Kultur und ihre Theorie, für internationale Diskurse und Debatten interessiert, für den ist das großformatige Heft mit den langen Texten und der avancierten Kunst ein Begriff. Nach 18 Jahren ihres Bestehens und mittlerweile 72 Ausgaben ist die deutschsprachige Kulturzeitschrift Lettre INTERNATIONAL eine einzigartige publizistische Institution geworden.
1984 gründete der Prager Publizist Antonin J. Liehm in Paris die französische Ausgabe von "Lettre Internationale" mit einem ganz besonderen Ziel: eine gleichzeitig in mehreren Sprachen und Ländern erscheinende Zeitschrift für den freien, intensiven und grenzüberschreitenden intellektuellen Gedankenaustausch. Dieses Projekt hat sich tatsächlich durchgesetzt, zunächst in Frankreich, dann in Italien und Spanien und nach "1989" auch in einigen Ländern Osteuropas. 1988 war es in Berlin soweit. Anfangs in verlegerischer Kooperation mit der Berliner "Tageszeitung", startete die deutschsprachige Ausgabe von Lettre INTERNATIONAL in einem verlassenen Dentallabor mit drei Stühlen und einem Computer, wie Frank Berberich erzählt. Inzwischen arbeitet Berberich als Redaktionsleiter mit vier Mitarbeitern und wechselnden Praktikanten in einer großen, hellen Kreuzberger Fabriketage. Er lässt sich Zeit für das Gespräch mit dem Journalisten.
Ein polyzentrisches Netzwerk
"Gewollt war ein polyzentrisches Netzwerk, arbeitend auf Basis eines gemeinsamen Konzeptes. Die Grundidee war, ein internationales, interdisziplinäres und intellektuelles Forum zu schaffen, wo unterschiedliche Arten von literarischer, wissenschaftlicher, poetischer, intellektueller, künstlerischer Kreativität aufeinander treffen könnten." Dazu gehörten in den ersten Heften Autoren wie Norberto Bobbio und Hans Magnus Enzensberger, Klaus Theweleit und Philip Roth, ein Interview mit Fidel Castro und Briefe von Peter Weiss, aber auch schon arabische Themen mit Autoren wie Saleh al-Tayyeb, Abdelwahab Meddeb und Emile Habibi. Bei Künstlern wie Immendorf, Baselitz, Lüpertz oder Penck fragt man natürlich, wie eine kleine Zeitschrift in der Gründungsphase solche Preisklassen bezahlen kann: "Die Künstler, die jeweils ein Heft gestalten, bekommen kein Honorar, aber starke Präsenz und symbolische Anerkennung. Ein Künstler ist oftmals glücklich, wenn er jenseits der relativ geschlossenen und manchmal sterilen Kunstwelt auftreten kann, und seine Kunst einmal nicht im marketinggerechten Hochglanzmagazin präsentiert wird."
Mit den Augen anderer sehen
Die ursprüngliche Vision der Zeitschrift wurde von historischen Ereignissen und Bewegungen eingeholt, die solche Konzepte praktisch zur Bedingung für angemessene öffentliche Erkenntnisprozesse machten: "Wir wissen zu wenig von der Welt, von den verschiedenen Welten. Immer wieder sind wir in den letzten Jahren überrascht worden - man denke an den Fall der Mauer, an Sarajewo, an Afghanistan, den 11. September - in einem Jenseits unserer Aufmerksamkeit, in einem Off der Medien haben sich Ereignisse welthistorischer Wucht vorbereitet. Die Weltkonstellation wird umgeworfen. Das muss man sehen. Das muss man auch mit den Augen der anderen sehen können."
Übersetzungen - Die Fenster zur Welt
Die Zeitschrift Lettre INTERNATIONAL hat solche Erweiterungen der Perspektiven in einem bisweilen zähen Existenzkampf befördert. Den Auftrag sieht Berberich klar: "Wenn man international offen sein wollte, dann musste man, um mit Majakowski zu sprechen, die Fenster aufreißen, damit in Deutschland mehr an interessanten originalen Stimmen und Denkansätzen sichtbar werden konnte. Zeitgenössische Denker sollten mit Originaltexten, nicht nur durch deren Paraphrasierung vermittels journalistischer gate keeper präsent sein. " Um hier eine wirkungsvolle kritische Masse zu erreichen, hat man beschlossen, mindestens 70% der Texte zu übersetzen. Die Übersetzungskosten sind einer der großen Ausgabenposten und ohne jegliche öffentliche Förderung finanziert. Die Zeitschrift trägt sich selbst, durch den Verkauf in einem mittlerweile gut ausgebauten Vertriebssystem und durch Anzeigen, vor allem aus dem Kulturbetrieb.
Ein Weltpreis für die Kunst der Reportage
Von der Aventis Foundation großzügig finanziert wird allerdings der Lettre Ulysses Award, den Frank Berberich ins Leben gerufen hat und zusammen mit Esther Gallodoro als selbständiges Projekt durchführt. Der LUA ist ein Weltpreis für die Kunst der Reportage, der auch vom Goethe-Institut organisatorisch unterstützt wird. "Es geht um literarischen Journalismus. Die Neugier, die Suchbewegung, die Recherche, die Beweglichkeit, die Reise, die Begegnung, das Hinterfragen des Journalismus sollen sich verbinden mit der Fähigkeit des Schriftstellers, etwas sprachlich, dramaturgisch, ästhetisch gelungen darzustellen." Der hochdotierte Preis wird im Oktober 2006 zum vierten Mal vergeben. Die Ergebnisse auch der anderen internationalen Projekte finden sich in Themenheften von Lettre INTERNATIONAL, über die man sich im Online-Archiv orientieren kann.
| Eine Longlist potentieller Preisträger wurde im Mai von der Jury des Lettre Ulysses Award veröffentlicht. Mitte September bestimmt die Jury sieben Kandidaten, aus deren Kreis am 30. September die Gewinner hervorgehen werden. |
Freier Publizist, lebt in Berlin und arbeitet als Literaturkritiker und Übersetzer. Ein Arbeitsschwerpunkt ist die Kritik übersetzter Literaturen.
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April 2006










