Literaturmedien in Deutschland

Die neue Netzliteratur

Herzfassen

Die Großverlage überlegen gerade, wie sie Web 2.0 – auch das "soziale Internet" genannt – mit seinen vielen Formaten und Nutzungsmöglichkeiten am besten für sich erobern können. Zu spät: Die Literaten/innen tummeln sich bereits zahlreich in Foren und Blogs. Der neueste Clou: Literatur-Podcasts zum kostenlosen Download für alle.

Wer Autor/in werden will, muss viel Zeit, viel Geld und einen langen Atem haben. Schließlich wird kaum jemand einfach so von einem Verlag "entdeckt", landet sofort auf einer Bestsellerliste und verdient Millionen. Nein, im Normalfall braucht es viele Manuskript-Kopien, die für teures Porto an die Verlagslektorate geschickt werden, wo sie dann in einem Riesenstapel auf einem Schreibtisch vergilben – oder ungelesen zurückgeschickt werden.

In der grauen Zone

Zu diesem Schicksal gibt es genau zwei Alternativen: Entweder man versucht, bei einer Literaturagentur unterzukommen, die dann irgendwann vielleicht mal einen Verlag für einen findet. Bis dahin ist man aber sicherlich arm geworden. Oder man wendet sich an einen von der Branche so genannten "Grauzonenverlag". Das sind die, die überall mit Kleinanzeigen wie "Wir veröffentlichen Ihr Buch!" inserieren. Dort muss man aber einen nicht unerheblichen Druckkostenzuschuss zahlen. Auch hier wird man also arm.

Christian Heinke

Wenn es also schon kein Geld zu verdienen gibt mit der Literatur, dann soll es wenigstens Spaß machen und Interessierten zugänglich sein. Das dachte sich wohl Christian Heinke. Der Bochumer Hörfunk-Journalist hatte das Manuskript seines Hörspiel-Krimis Die Haut Anfang 2005 dem WDR angeboten – es wurde abgelehnt. "Wieder was für die Schublade, habe ich mir gedacht. Doch kurz später habe ich von dieser neuen Sache 'Podcast' gehört und mich informiert. Mir fiel auf, dass viele der Podcaster versuchten, Radio zu machen, aber bis dato war niemand auf die Idee gekommen, eine Geschichte zu erzählen", schildert Heinke. Er witterte seine Marktlücke und stellte Die Haut als Podcast ins Netz.

Plötzlicher Erfolg

Erfolgreich: "Wenig später integrierte Apple das Podcast-Abo in ihre iTunes-Software. Eher aus Jux habe ich da meinen Podcast eingetragen und das Ganze eigentlich schon wieder vergessen. Aber dann bekam ich plötzlich Emails von Leuten, die meinen Podcast gehört hatten und fragten, wann es denn weiterginge. Da habe ich bei iTunes nachgesehen ... und fand mich in den Top-Ten zwischen der Tagesschau und Schlaflos in München. Solche Reaktionen hatte ich bisher durch meine Leseproben nicht hervorrufen können!", erzählt Heinke seine Web 2.0-Erfolgsgeschichte.

Tim Cortinovis
Er findet das auch besser als ein traditionelles Hörbuch, denn "jeden Monat warten meine Hörer/innen gespannt, wie die Geschichte um meine Heldin Katherine Williams weitergeht. Ich finde es schön, dass somit formal die Tradition des Fortsetzungsromans, wie sie schon Dickens, Dumas oder Doyle praktizierten, wieder auflebt." Das findet auch Tim Cortinovis von der Autorengruppe Tippgemeinschaft, der von Hamburg aus einen Podcast mit seinem Roman Herzfassen betreibt: "Literatur ist ja nicht an das gedruckte Wort gebunden und sollte sich auch anderer Formate bedienen. Mir gefällt, dass ein Text weder am Monitor gelesen noch ausgedruckt werden muss. Die Hörer/innen können Geschichten am Computer hören oder auf dem Mp3-Player mit in die U-Bahn oder zum Joggen nehmen. Zum anderen muss man nicht einige Stunden am Stück hören – wie beim traditionellen Hörbuch."

Schnelligkeit ist ein gutes Argument

Einen Verlag für seinen Thriller hat Heinke dann doch unabhängig vom Podcast gefunden, aber "geschadet hat der sicherlich nicht", glaubt er. Cortinovis hofft noch auf einen Verlag mithilfe des Podcasts, denn "mehrere hundert oder gar tausend Hörer/innen pro Woche sind ein starkes Verkaufsargument". Verkauft man sich da aber nicht unter Wert, wenn vorher schon alles kostenfrei im Netz zu haben war? Heinke verneint das; er stellt keine kompletten Texte ins Netz. Außerdem ist er davon überzeugt, dass Verlage wenig bis keine Kapazitäten haben, im Netz nach neuen Talenten zu suchen. Cortinovis sieht den Reiz und die Herausforderung eher darin, lebendige literarische Formen wie Poetry Slams oder Clublesungen mit Podcasts zu verbinden. Verlage seien zwangsläufig immer langsamer als das Netz: "Die Mehrzahl der Impulse wird wohl von den Usern und Autoren/innen selbst ausgehen. Und der Podcast kann andererseits das gedruckte Buch nicht ersetzen."

Zurzeit bemühen sich die Verlage aber, Anschluss ans "social web" zu finden. Bertelsmann, Deutschlands größtes Verlagshaus, arbeitet an einer eigenen Internet-Plattform nach dem Vorbild von MySpace, um so neue, junge Zielgruppen zu erschließen. Die, glaubt man jetzt, geben ihr Geld nicht mehr für Bravo und Popcorn-Kino aus, sondern für Internet-Angebote. Weblogs, Wikis und Podcasts waren auf der diesjährigen Frankfurter Buchmesse im Oktober mit acht Veranstaltungen und einem eigenen Buchmessen-Blog ein wichtiges Thema.

Der junge Dresdner Verlag Voland & Quist hat seit einem Monat einen eigenen Blog, um "seinen Lesern/innen näher sein zu können". Auf der Foto-Site flickr unterhält Voland & Quist einen eigenen Account mit Photostream. Damit hat der Verlag den Charakter von Web 2.0 offenbar verstanden: Alles für alle. It's the network, stupid! Christian Heinke jedenfalls kann dank des Internets fast schon vom Schreiben leben. Und Herzfassen lag mit 2.500 Hörern/innen im September bei iTunes immerhin auf Platz sechs der Podcast-Kulturcharts. Die Nachwuchs-Autoren/innen sollten in Zukunft also lieber in eine schnelle Internetverbindung investieren als ins Porto.

Kerstin Fritzsche
ist Literaturredakteurin des hannoverschen Stadtmagazins STADTKIND hannovermagazin und schreibt regelmäßig über zeitgenössische Literatur für diverse Medien.

Copyright: fluter.de / Bundeszentrale für politische Bildung

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de
November 2006

Links zum Thema

Dichterwettbewerb „Auf Gerhart Hauptmanns Spuren“

Internationale Ausschreibung aus Anlass des 150. Geburtstages und des 100. Jahrestages von der Verleihung des Nobelpreises an Gerhart Hauptmann

Dossier: Hörbuch und Hörkunst in Deutschland

Das Hörbuch hat sich in Deutsch-
land inzwischen einen festen Platz in der Medienlandschaft erobert.

Twitter: @GI_Journal

Aktuelles aus Kultur und Gesellschaft in Deutschland

Unabhängige Verlage

Sie entdecken und fördern junge Talente, leisten Pionierarbeit in der Übersetzung unbekannter Literaturen und entwickeln lokal gewachsene oder subkulturelle Literaturprogramme.