Literaturmedien in Deutschland

Ein Lyrikprojekt der Superlative: „Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady“

Conrady, Karl Otto, 'Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady,  Die große Sammlung deutscher Gedichte'
Cop: Patmos-VerlagLyrik will nicht nur gelesen, sondern auch gehört werden. Das ist jetzt in einem großen Umfang möglich: Denn rund 1.100 Gedichte von 460 Dichtern aus 900 Jahren haben jüngst der Südwestrundfunk (SWR) und Radio Bremen für die ARD und den Patmos Verlag produziert.

Längst ist sein Name zum Markenzeichen geworden und nicht nur jedem Germanisten, sondern auch allen Freunden der Dichtkunst ein Begriff: Karl Otto Conrady, Kölner Literaturwissenschaftler mit Hang zur Poesie. Weithin bekannt wurde der heute 82-Jährige durch seine Biografie Goethe – Leben und Werk und als Herausgeber der nach ihm benannten, wohl bedeutendsten Gedichtesammlung Deutschlands: Der Neue Conrady. Die voluminöse Anthologie ist im Juli 2008 in erweiterter und revidierter Form als Der Große Conrady. Das Buch deutscher Gedichte neu aufgelegt worden. Aber Lyrik will nicht nur gelesen, sondern auch gehört werden. Das ist jetzt in einem großen Umfang möglich: Denn etwa die Hälfte dieser Sammlung von mehr als 2.000 Gedichten haben jüngst der Südwestrundfunk (SWR) und Radio Bremen für die ARD und den Patmos Verlag produziert. Fast 25 Stunden vertonte Dichtkunst ist dabei herausgekommen, mehr als 40 Studiotage waren dafür nötig. „Wer keine Zugänge zum Gedicht erhält, wird einen wundersamen Saal von Lebensäußerungen nicht betreten. Das ist schade. Wenn Medien dazu beitragen, dass Menschen aufmerksam werden, bedeutet das einen großen Erfolg“, sagte Conrady in einem Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen (WAZ).

Die Reihe Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady ist das bisher größte Radio- und Hörbuch-Lyrikprojekt Deutschlands. Eine akustische Zeitreise durch 900 Jahre deutscher Literaturgeschichte, in konzentrierter Form vom Mittelalter bis zur Gegenwart: Von Minnesang bis Dada, von Oden bis Slam-Poetry, von Hymne bis Spottvers, von Liebesgedicht bis Totenklage. Die aus 21 CDs bestehende Edition versammelt 1.082 Gedichte von 460 Dichtern und Dichterinnen, quer durch Genres und Epochen, gelesen von 14 bekannten Schauspielern. Unter ihnen sind Christian Brückner, Rosel Zech, Sophie Rois, Jürgen Holtz, Samuel Weiss, Sandra Hüller, Hanns Zischler und Matthias Habich. Conrady, der auch Herausgeber ist und bei allen Studioaufnahmen beratend zur Seite stand, hat 19 Gedichte selbst gesprochen. Ein Hörbuch der Audio-Sammlung ist allein Johann Wolfgang von Goethe gewidmet.

Entstanden ist so ein beeindruckendes Archiv deutschsprachiger Lyrik, eine einzigartige Fundgrube, aus der auch die Kultur- und Wortprogramme der ARD über viele Jahrzehnte hinweg schöpfen können. „Der Hör-Conrady ist ein Dienst an der Kultur, den in der deutschen Radiolandschaft nur die Öffentlich-Rechtlichen leisten können. Dafür zahlen wir gerne Rundfunkgebühren“, schrieb die Stuttgarter Zeitung.

Nicht Kanon, sondern Überblick

Kein Kanon, keine verbindliche Auswahl deutscher Lyrik ist hier versammelt worden, sondern, wie Conrady betont, eine Vorstellung der unterschiedlichen „Spielarten“. Was er habe leisten wollen, sei „ein Überblick – nicht über Meisterwerke der Lyrik, sondern über Gedichte, die in der Zeit stehen“. Auf Epochenbezeichnungen wurde bewusst verzichtet. „Barock, Aufklärung, Sturm und Drang, Klassik, Romantik und so weiter: solche Begriffe helfen vielleicht zu einer ersten oberflächlichen Verständigung, ohne jedoch von vornherein etwas für das Verständnis der Gedichte erbringen zu können. Und immer wieder frappiert die Gleichzeitigkeit des Verschiedenen“, erklärte Karl Otto Conrady im Vorwort der die CDs begleitenden Textausgabe Lauter Lyrik. Der Kleine Conrady. Eine Sammlung deutscher Gedichte.

Botschaften aus einer anderen Zeit

Als „Wegweiser zum Wesentlichen“, die „vor Alzheimer schützen und in schlaflosen Nächten trösten“, sieht Sprecher Matthias Habich Gedichte. Für Sandra Hüller „lässt ein gutes Gedicht die Zeit stillstehen, was auch immer wir in ihr sind oder tun.“ Und Christian Brückner, Robert de Niros unverwechselbare Synchronstimme, versteht Gedichte als „Literatur-SMS aus dem Leben vieler Jahrhunderte, lebendig geworden durch Stimmen“. Wie aktuell ein Ausflug ins 19. Jahrhundert sein kann, zeigen die Verse des Romantikers Achim von Arnim (1781-1831), die auch für die Hörbuch-Sammlung ausgewählt wurden:

Der Welt Herr
Morgenstund hat Gold im Munde,  
Denn da kommt die Börsenzeit   
Und mit ihr die süße Kunde,   
Die des Kaufmanns Herz erfreut:   
Was er abends spekulieret,   
Hat den Kurs heut regulieret.
Eilend ziehen die Kuriere
Mit dem kleinen Kursbericht,
Daß er diese Welt regiere,
Von der andern weiß ich’s nicht:
Zitternd sehn ihn Potentaten,
Und es bricht das Herz der Staaten. 

Kurzbiographie:

Karl Otto Conrady,
Südwestrundfunk, SWR 'Lauter Lyrik. Der Hör-Conrady'
© SWR/Peter A. SchmidtKarl Otto Conrady, geboren 1926 in Hamm (Westfalen), lehrte ab 1961 als Professor für Neuere Deutsche Literatur, von 1969 bis zu seiner Emeritierung 1991 an der Universität zu Köln. 1976 bis 1979 war Conrady Vorsitzender des Deutschen Germanistenverbandes. Er bewirkte als westdeutscher PEN-Präsident (1996 bis 1998) die Vereinigung mit dem Ost-PEN. 2003 erhielt er den „Verdienstorden des Landes NRW“, 2004 den „Rheinischen Literaturpreis Siegburg“ (für Essayistik) und 2007 das „Bundesverdienstkreuz 1. Klasse“. Conrady gilt auch als einer der führenden Experten für das Leben und Werk Johann Wolfgang von Goethes.
Karoline Rebling
ist freie Journalistin. Sie lebt in Frankfurt am Main.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion
April 2009

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