Maulwürfe im Buchmarkt – deutsche Literaturzeitschriften

Wie Maulwürfe wühlen sich Literaturzeitschriften durch den Untergrund und fördern dabei nicht selten Textschätze zutage. Sie leben von der Selbstausbeutung, sind mitunter kurzlebig und skurril und publizieren gegen den Mainstream. Und manchmal erspüren sie Trends, die später mit einer wahren Erfolgseruption den Literaturbetrieb erschüttern.
Günter Eich gebührt das Verdienst, einem buddelnden Säugetier zu literarischen Ehren verholfen zu haben: Maulwürfe – so nannte er seine subtil-rebellische Kurzprosa. Seitdem wühlt sich das Tier durch den Literaturbetrieb und wird gerne zitiert, zum Beispiel als Synonym für Avantgarde-Literatur. Mit seiner Aktivität im Verborgenen ist der Wühler in Deutschland aber auch ein Inbegriff für Literaturzeitschriften. Denn sie bewegen „den Underground der Literatur“, wie es der Germanist Rolf Grimminger formuliert. Und dabei entdecken sie nicht selten neue Talente.
Die Dresdner Literaturzeitschrift Signum etwa zählte bereits im Jahr 2000 Uwe Tellkamp zu ihren Autoren. Ihm gelang 2008 der internationale Durchbruch mit dem Wenderoman Der Turm, der mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Die Liste prominenter Beispiele ist lang: Darauf verzeichnet sind auch Burkhard Spinnen, der in Am Erker (Münster) veröffentlichte, oder Christoph Peters in Zeichen & Wunder (Frankfurt am Main). Nicht selten starten Schriftsteller-Karrieren mit Publikationen in Literaturzeitschriften – oder sogar mit deren Herausgabe: Ulrike Almut Sandig, die 2009 den renommierten Leonce-und-Lena-Preis für Lyrik erhielt, war von 2007 bis 2009 Redakteurin und Herausgeberin von Edit in Leipzig.
Auflage: 30 bis 30.000 Exemplare
Fast unmöglich scheint es, eine exakte Zahl der aktuell erscheinenden deutschsprachigen Literaturzeitschriften zu nennen. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass während der Recherche das ein oder andere Blatt eingeht oder neu hinzukommt. Es gibt drei Handbücher, die deutschsprachige Literaturzeitschriften auflisten. Sie nennen zwischen 100 und 450 Titel.
Grob lassen sich die Zeitschriften, deren Auflage von 30 bis 30.000 reicht, in drei Kategorien unterteilen: Da sind zum einen die Fachzeitschriften für Wissenschaftler wie Sinn und Form. Zu den Publikumszeitschriften, die auf einen Massenmarkt setzen, gehört Literaturen mit einer Auflage von 30.000 Exemplaren. Ganz anders ist es hingegen mit der dritten Gruppe, den kleinen bis winzigen Blättern, die mit viel Selbstausbeutung, Engagement und Liebe zur Literatur gemacht werden. Sie sind die eigentlichen Maulwürfe. Sie bereichern die Literatur mit Primärtexten unbekannter Autoren und bieten eine Plattform für Experimentelles und Gewagtes.
Selbstausbeutung, Engagement und Liebe
Die Bandbreite dieser Zeitschriften ist enorm: Es gibt Blätter mit witzigen Namen wie Der Mongole wartet, Bella Triste oder Salbader. Erstaunlich viele sind oder waren nach Tieren benannt, wie Der krähende Hahn, Der Rabe, Rhinozeros, Tarantel, Tintenfisch und Unke. Und das heft das seinen langen namen ändern wollte demonstriert schon durch seinen sperrigen Titel, dass es auf den Mainstream pfeift. Das zweite Bein – handgemachte Zeitschrift für Poesie und Anverwandtes gehört zu den Auflagenzwergen mit fester Liebhabergemeinde: Von jeder Nummer der Loseblattsammlung mit handkoloriertem Druck gibt es nur 30 Exemplare. Im Gegensatz dazu gehört Das Gedicht mit 3.000 Exemplaren zu den auflagenstärkeren Literaturzeitschriften in Deutschland.
Natürlich gibt es unter den Literaturzeitschriften auch Klassiker, die auf eine lange Tradition zurückblicken können. Dazu gehört das 1953 gegründete Blatt Akzente, das im Hanser-Verlag erscheint und vom Verleger Michael Krüger herausgegeben wird. Hier veröffentlichen die Renommierten, darunter bisher etwa Thomas Mann, Elias Canetti, Hilde Domin, Günter Grass oder Ilse Aichinger. Das Zeug zum Klassiker hat Am Erker. Das Münsteraner Blatt kann bereits auf über drei Jahrzehnte Publikationstätigkeit verweisen – auf dem schnelllebigen Markt der Literaturzeitschriften eine kleine Ewigkeit.
Mühsam ernährt sich der Maulwurf
Die Finanzierung der Zeitschriften ist schwer, weiß Sandra Uschtrin aus eigener Erfahrung. Die Münchnerin publiziert das Handbuch für Autorinnen und Autoren und übernahm 2005 die Herausgabe der Zeitschrift Federwelt. Zwei Jahre später war sie „bei plusminus Null“ angekommen, ihre eigene Arbeitszeit nicht eingerechnet. Es sei schwer, Anzeigenkunden zu akquirieren, sagt Uschterin: „Diejenigen, die inserieren wollen, kann man nicht nehmen, weil es in der Regel Zuschussverlage sind, da machen Sie sich unglaubwürdig.“ So blieben dann oft nur örtliche Druckereien.
Eine besondere Auszeichnung ist der Calwer Hermann-Hesse-Preis, der alle vier Jahre an eine Literaturzeitschrift vergeben wird. Denn neben Ruhm und Ehre bietet er auch ein Preisgeld von 15.000 Euro. Jüngster Preisträger ist Spritz, so das Kürzel von Sprache im technischen Zeitalter. Das Blatt war 1961 von Walter Höllerer gegründet worden. Mitherausgeber Thomas Geiger sagte bei der Preisverleihung, das höchst willkommene Preisgeld trage zur wirtschaftlichen Sicherung des Blattes bei.
Wühlarbeit im Untergrund
„Die Bedeutung der Literaturzeitschriften hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert“, meint der Germanistik-Professor Rolf Grimminger: „In den Fünfzigerjahren waren sie noch ein richtiges Informationsmedium über das, was da ist an Autoren und Schreibmöglichkeiten. Später kamen als Konkurrenz die Feuilletons in die Zeitungen und die audiovisuellen Medien hinzu.“ Heute liegt der Charme vieler Blätter gerade in ihrem Nischendasein, in ihrer Wühlarbeit im Untergrund.
Die ersten „Maulwürfe“ von Günter Eich erschienen 1967 übrigens in Literaturzeitschriften, nämlich in Merkur und Akzente. Dem Literaturbetrieb mag man dank der kleinen Blätter mit Günter Eich zurufen: „Und deinen Maulwürfen entgehst du nicht.“
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.
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Juli 2009
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