Literaturmedien in Deutschland

Aus dem Netz gefischt – zehn Jahre „Perlentaucher“

Logo des „Perlentaucher“; © Perlentaucher GmbHLogo des „Perlentaucher“; © Perlentaucher GmbHSeit zehn Jahren liefert die Website perlentaucher.de täglich frisch und mit spitzer Feder zusammengefasst einen Überblick über die Feuilletons der deutschsprachigen Presse. Ebenso beliebt wie umstritten sind die Notizen über Buchrezensionen. Ein Rechtsstreit über diese Art des Kulturjournalismus könnte dem Netz-Pionier ein Ende setzen.

Berge von Zeitungspapier und dunkle Fingerkuppen voll Druckerschwärze: Das gehörte vor zehn Jahren zu einem Überblick über die Feuilletons der deutschsprachigen Qualitätszeitungen. Sie alle zu abonnieren war und ist teuer, sie zu lesen ein Zeitfresser. Auch wenn heutzutage viele Artikel online sind, so kostet der Überblick weiterhin viel Zeit. Die investieren die Redakteure des Perlentauchers an sechs Tagen in der Woche für ihre Leser. Seit Mitte März 2000 sind über 3.000 kommentierte Kultur-Presseschauen erschienen.

Website von perlentaucher.de; © Perlentaucher GmbHGegen die Informationsflut setzen die Perlentaucher ein Sichten, Sortieren und Werten. Und sie verlinken, wo immer es geht, den Originalartikel: zum Weiterlesen, Vertiefen, Widersprechen. „Wir haben knapp zwei Millionen Seitenaufrufe im Monat“, sagt Thierry Chervel, Geschäftsführer der Perlentaucher GmbH. „Dahinter stecken 900.000 Besuche.“ Neben der Feuilleton-Schau sind es vor allem die Zusammenfassungen von Buchrezensionen, die Leser anlocken. Weitere Rubriken sind das Blog Im Ententeich, der Virtualienmarkt, der sich mit den Medien im Web-2.0-Zeitalter beschäftigt, oder der Medienticker, der Blogs und Newsletter auswertet.

„Netz-Methusalem“ mit Tiefgang

Thierry Chervel; © privatIm Gründungsjahr war Google noch eine kleine Suchmaschine, das Web 1.0 eine Informations-Einbahnstraße. Den Perlentaucher kann man also ruhigen Gewissens als Netz-Pionier bezeichnen. „Netz-Methusalem“, ergänzt Thierry Chervel lachend. Er gründete das Unternehmen zusammen mit seiner Lebensgefährtin, der Journalistin Anja Seeliger, und weiteren Mitstreitern.

„Eigentlich wollten wir uns Trüffel nennen, aber der Name war schon vergeben. Dann fiel uns zum Glück der Perlentaucher ein“, blickt Chervel zurück. Wichtig sei ihnen dabei die Dimension der Tiefe gewesen. „Man verbindet ja mit dem Internet immer diesen Begriff des Surfens, also einer Bewegung auf der Oberfläche, aber das trifft das Netz gar nicht.“ In den Perlentaucher-Büros in Berlin entsteht seiner Meinung nach ein ganz anderes Produkt: „Es ist nicht nur ein mechanisches Copy-and-Paste, ganz im Gegenteil, es ist ein Bewerten, Hierarchisieren und Bündeln.“

Die Juroren des Grimme Online Awards nannten diese Form der Informations-Aufbereitung 2003 „Hypertextkolumne“ und „Journal der Journale“. Sie erkannten darin „eine der wenigen wirklich neuen Darstellungsformen im Netz“. Darum zeichneten sie die Website aus und schwärmten, „dass der Perlentaucher selbst ein Kleinod ist“.

Ein Text vom Text des Textes

Website von perlentaucher.de; © Perlentaucher GmbHGut die Hälfte seiner Leser gewinnt der Perlentaucher mit den Zusammenfassungen von Buchrezensionen. Sie können auf ein üppig gefülltes Archiv mit 33.000 Büchern, über 22.000 Autoren und 56.000 Rezensions-Kurzfassungen zugreifen. Meist kommen die User über eine Google-Anfrage: Die Perlentaucher-Seiten liegen bei einer Suche nach Autoren oder Buchtiteln oft unter den ersten Treffern. Im Google-Page-Rank wird perlentaucher.de auf einer Skala von 0 bis 10 sogar mit einer 8 gelistet – und damit ähnlich hoch klassifiziert wie Goethe.de, Spiegel online und Google. Kein Wunder, denn die Buchnotizen sind ein attraktives Service-Paket: Zusammenfassungen von Zeitungskritiken, die Abbildung des Buchcovers, bibliografische Angaben und ein Link zu einem Online-Buchhändler runden das Angebot ab.

Auch die Buchnotizen sind wieder eine „Hypertextkolumne“, die man auch das Ende einer Textverwertungskette nennen könnte: Am Anfang steht ein Schriftsteller, der ein Buch verfasst. Dann folgt ein Rezensent, der darüber schreibt. Letzter in der Kette ist der Perlentaucher, der einen Text über den Text über den Text verfasst. Im Grunde ist es genau das gleiche Prinzip, nachdem auch die Feuilleton-Rundschau des Perlentauchers funktioniert, die von den Zeitungen mit Argwohn betrachtet wird. Dabei geht es auch um Eitelkeiten. Denn die Zusammenfassungen sind mitunter bissig-süffisant geschrieben – und somit nicht selten eine Kritik der Kritiker.

Dass Thierry Chervel sein Handwerk versteht, zeigt sein Lebenslauf: Der Musikwissenschaftler war Kulturredakteur und Feuilletonchef der Tageszeitung taz, schrieb als freier Autor für die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ), war Pariskorrespondent für das Feuilleton der Süddeutschen Zeitung (SZ) und dort auch in der Redaktion der Berlin-Seite festangestellt.

Der Rechtsstreit

Website von perlentaucher.de; © Perlentaucher GmbHAls der Perlentaucher eine Kooperation mit dem Online-Buchhändler buecher.de begann und seine Rezensions-Notizen weiterverkaufte, eskalierte der Ärger mit den Zeitungen: FAZ und SZ erkannten darin einen Verstoß gegen das Urheber-, Marken- und Wettbewerbsrecht. Darum verklagten sie die Perlentaucher GmbH. Das Landgericht in Frankfurt am Main wies die Klage 2005 zurück, ebenso wie die nächsthöhere Instanz, das Oberlandesgericht Frankfurt, zwei Jahre später. Doch die unterlegenen Zeitungsverlage gingen erneut in Revision, so dass Ende September 2010 als letzte Instanz der Bundesgerichtshof (BGH) urteilen wird. Begleitet wird der Streit von scharfen Artikeln in der FAZ und auf perlentaucher.de, die zeigen, dass es hier um etwas Existenzielles geht.

Der Erlös aus dem Verkauf der Buchnotizen ist neben der Werbung die wirtschaftliche Basis des Perlentauchers. Eine Niederlage vor dem BGH würde ihn „existenziell gefährden“, wie Chervel sagt. Sie müssten dann nicht nur die Gerichts- und Anwaltskosten beider Seiten von drei Instanzen tragen – Chervel schätzt sie auf über 50.000 Euro –, es würden auch Entschädigungszahlungen drohen. „Das wage ich mir gar nicht auszumalen“, sagt der Geschäftsführer. Am 1. Dezember 2010 allerdings wurde ein angekündigtes Urteil erst einmal verschoben.

Das Gerichtsurteil wird trotzdem über kurz oder lang indirekt über das ganze Perlentaucherangebot entscheiden, auch über die Kulturrundschau. Dafür lesen Thierry Chervel und seine Mitarbeiter übrigens nicht nur, was im Netz verfügbar ist, sie rascheln noch ganz traditionell durch Zeitungspapier. Im Abo haben sie auch die FAZ: „Aus alter Gewohnheit“, wie Thierry Chervel sagt.

Sabine Tenta
arbeitet als freie Journalistin unter anderem für den Westdeutschen Rundfunk in Köln.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Dezember 2010

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