Buchmessen, Verlage und Institutionen in Deutschland

"Frankfurt ist einmal im Jahr eine Weltstadt – wenn die Buchmesse hier ist"

Bodo Kirchhoff; Copyright: Alexander Beck"Es tut mir weh, vom Bahnhof kommend, die Kaiserstraße hinaufzulaufen, eine Straße, die trotz ihrer Breite und schönen alten Gebäude nicht imstande ist, etwas aus sich zu machen, die lieber Plastikstühle und Sexkinos erträgt als kleine Theater und Spezialitätenlokale. Ich vermisse das alles, ich vermisse es körperlich, als sei die Stadt eine Frau, die sich in Schuhen und Mantel ins Bett legt, um jederzeit aufstehen zu können. [...] Blieben, für einen höheren Herzschlag, noch die Paulskirche, in die normalerweise keiner hereinkommt, und die Buchmesse, bei der normalerweise nichts herauskommt, sowie der Flughafen und der Opernplatz; Flugzeuge aber interessieren mich nicht, und jeder Gang über den Opernplatz – in Sommernächten ein gewisser Puls, ich gebe es zu – ist ein Gang, der Leuten wie mir nur sagt, daß sie zuwenig verdienen und eigentlich unter die Erde gehören." (aus: Bodo Kirchhoff "Wo das Meer beginnt". Roman. FVA 2004)

Herr Kirchhoff, einige Ihrer Bücher spielen in Frankfurt am Main – so auch ihr jüngstes Werk "Wo das Meer beginnt". In Kapitel 15 zeichnet eine Ihrer Romanfiguren, der alte Lehrer Dr. Branzger, ein nicht gerade positives Bild der Mainmetropole. Teilen Sie die Meinung Ihres Protagonisten?

Es ist ein Bild, das sich auf bestimmte Bereiche von Frankfurt bezieht, nicht auf die gesamte Stadt. Seine nächste Umgebung und auf die Kaiserstraße vom Bahnhof weggehend. Wobei man eines klarmachen muss, und das gilt eigentlich immer, wenn ich über Frankfurt schreibe: Frankfurt ist ein gutes Beispiel für eine Stadt, die sehr unter dem Krieg gelitten hat, und wo dann nach dem Krieg Fehler gemacht wurden. Man versucht ja, jetzt wieder welche wegzubügeln wie das Technische Rathaus zum Beispiel. Die Kaiserstraße könnte eine der schönsten Straßen Deutschlands sein – eine Prachtstraße par excellence - es ist aber nach wie vor eine miese Straße. Nicht wegen der Bordelle – das ist gar nicht so schlimm – nur die Straße selbst ist einfach schrecklich. Da müsste man mehr daraus machen. Wenn eine Stadt so ein Viertel hat, dann muss man versuchen, die Monokultur aufzubrechen – was hier fehlt sind wirklich spannende Theater und gute Lokale.

Skyline bei Nacht; Copyright: Tourismus+Congress GmbH Frankfurt am Main

Bildergalerie zu Frankfurt

Viele Frankfurter Gebäude, nicht nur das eben von Ihnen erwähnte Technische Rathaus, ein 1972 erbauter Betonkoloss am Kaiserdom, sind derzeit vom Abriss bedroht. Glauben Sie, dass Frankfurt da nicht auch wichtigen innerstädtischen Erinnerungsraum verliert?

Das ist immer die Frage, wessen Erinnerungen sind es. Meine Erinnerungen liegen in einer Zeit, wo viele dieser Gebäude hier noch gar nicht standen. Es gibt verschiedene Gedächtnisse. Ich denke, das Entscheidende ist bei der Veränderung in dieser Stadt, dass es nicht halbherzig geschieht. Wenn man zum Beispiel am Römer etwas rekonstruiert, dann muss man das komplett machen. Man darf dann nicht das Historische Museum in Beton haben und noch ein paar andere Häuser aus den Fünfzigern. Das Schlimme sind die Kompromisse und alles, was halbherzig gemacht ist, sieht letzten Endes kleinlich aus. Und das Kleinliche, das schmerzt.

Bedauern Sie, dass auch das 1953 von Wilhelm Berentzen erbaute Rundschauhaus, bis Juli 2005 noch Sitz der Redaktion und des Verlags der "Frankfurter Rundschau", abgerissen wird?

Es tut mir um alles Leid, an das sich mein Blick über Jahrzehnte gewöhnt hat. Es ist in Frankfurt so, dass man so ein bisschen die Illusion hat, man wird nicht älter, weil man nicht mit den Gebäuden altert – mit wenigen. Es ist alles dauernd neu, also hat man das Gefühl man sei selber auch dauernd neu – stimmt aber nicht. Man ist sozusagen der einzige, der dauernd älter wird – während das andere irgendwie sich geheimnisvoll erneuert.

In Frankfurt gibt es die Frankfurter Buchmesse, die Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels in der Paulskirche und jetzt neu der erstmals in diesen Herbst verliehene Deutsche Buchpreis, wo Sie ja in der Jury waren ...

... ein Preis, für den ich mich seit fast vier Jahren stark gemacht habe, und an dem ich nicht unwesentlich beteiligt bin, dass es ihn überhaupt gibt. Ich finde es großartig, dass er hier ist und es hat sich auch auf Anhieb gezeigt, dass es ein Preis ist, den die Menschen angenommen haben und der wirklich zu Ergebnissen führt - dass nämlich Bücher sich verkaufen. Das ist das allerwichtigste. Dass mit dem ersten Preisträger Arno Geiger und seinem Familienroman "Es geht uns gut" plötzlich ein Buch auf der Bestseller-Liste ist, was es mit Sicherheit vorher nicht darauf geschafft hätte. Das ist ein ganz großer Erfolg eines Preises.

Da fällt eine Menge Glanz auf Frankfurt, ein Ausnahmezustand, der das Bild einer Metropole vermittelt.

Nein, eine Metropole ist Frankfurt zweifellos nicht. Frankfurt ist einmal im Jahr eine Weltstadt - wenn die Buchmesse hier ist.

Sehen Sie Frankfurt auch als Aushängeschild für Deutschland?

Dom; Copyright: Stadt Frankfurt am Main – Presse- und InformationsamtIch sehe Frankfurt schon als eine sehr zukunftsgerichtete Stadt. Das ist eine - ich will das jetzt gar nicht bewerten - sehr moderne Stadt, auch im Sinne der Schnelligkeit und des schnellen Umschlages. Frankfurt ist wichtig als Finanzplatz - aber ganz entscheidend ist der Flughafen, deswegen würde ich mich auch immer dafür einsetzen, dass er in seiner ganzen Größe erhalten bleibt – meinetwegen auch ausgebaut, da muss man sich eben arrangieren mit den Menschen. Was Frankfurt fehlt, ist dieses Stück Glamour. Es ist ja eine Verlagsstadt, das wird noch zu wenig herausgestellt. Und dann müsste es natürlich noch mehr eine Medienstadt sein. Es gibt nun Gott sei Dank auch die Verleihung des Hessischen Filmpreises während der Buchmesse, der in den letzten Jahren auch sehr an Bedeutung gewonnen hat. Das braucht diese Stadt. Ich weiß, wie schwer es ist, hier Drehgenehmigungen zu bekommen. Aber es ist falsch. Frankfurt ist eine großartige Kulisse, müsste viel öfter in deutschen Filmen auftauchen, müsste auch viel differenzierter fotografiert werden als bisher geschehen. Da ist noch ganz viel möglich, glaube ich.

Sie leben seit 1970 in Frankfurt und haben Ihr Verhältnis zu dieser Stadt einmal als Hassliebe bezeichnet. Trotzdem sind Sie Frankfurt, auch wenn Sie einen Teil des Jahres am Gardasee verbringen, treu geblieben.

Ja, das hängt damit zusammen, dass, seit wir Kinder haben, ich mir angewöhnt habe, die Stadt einfach durch die Augen und durch die Seelen dieser Kinder ein Stück wahrzunehmen. Für sie ist das natürliche Heimat, so wie für mich als Kind der Schwarzwald Heimat war mit allem was es dort gab: den Jahreszeiten, der Schönheit, auch der Härte – wie immer Sie das ausdrücken wollen. So ist eben für meine Kinder auf andere Weise Frankfurt Heimat, und das akzeptiere ich völlig.

Bodo Kirchhoff, Schriftsteller und Drehbuchautor, wurde 1948 in Hamburg geboren und wuchs in Süddeutschland auf. Er studierte Pädagogik an der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt und schreibt heute Theaterstücke, Essays, Reportagen, Erzählungen und Romane. International bekannt wurde er u. a. durch seine beiden Bestseller "Infanta" (1990) und "Parlando" (2001). Das hochkarätige Schauspieler-Ensemble der HR-Produktion "Die Konferenz", für die Bodo Kirchhoff das Drehbuch schrieb, wurde 2005 mit dem Hessischen Fernsehpreis ausgezeichnet. In seinem Roman "Wo das Meer beginnt" (2004) hat er das Thema erneut verarbeitet. Zuletzt erschienen ist "Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer. Die Erzählungen aus 25 Jahren". Bodo Kirchhoff ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er lebt in Frankfurt am Main und am Gardasee.

Das Interview führte Karoline Rebling, freie Journalistin in Frankfurt am Main.

Copyright: Goethe-Institut, Online-Redaktion

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Januar 2006

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