Literaturbetriebsausflug – die Bachmanntage in Klagenfurt

Viele Diskussionen begleiteten den diesjährigen Bachmannpreis. Dass er sein Geld wert ist, bewiesen die starken Autorinnen und Autoren, die 2013 dabei waren – so wie die Gewinnerin Katja Petrowskaja.
Vorweg sei gesagt: Alles wird gut, der Bachmannpreis bleibt. Kurz vor Beginn der Literaturtage in Klagenfurt 2013 verkündete der Österreichische Rundfunk (ORF) seinen Ausstieg – das hätte das Aus für den Preis bedeutet. Ein Sturm der Entrüstung brach los. Aber eine „Abmurksung“ des Preises – so formulierte es der Schriftsteller Michael Köhlmeier in seiner Eröffnungsrede – wollte die deutschsprachige Literatur- und Kulturszene nicht hinnehmen. Und tatsächlich erzielten die empörten Aufschreie ihre Wirkung. Der ORF knickte ein, der Preis bleibt. Und zumindest einen guten Nebeneffekt hatten die hitzigen Diskussionen: So viel Aufmerksamkeit wurde dem Preis wohl seit Rainald Goetz’ Rasierklingenschnitt nicht mehr zuteil.
Ein Festival mit viel Flair
Dabei verdient dieser Preis auch ohne Eklats jede Aufmerksamkeit. Wer zu den Tagen der deutschsprachigen Literatur nach Klagenfurt fährt, verspürt sofort den besonderen Charme dieser Veranstaltung. Nirgendwo sonst trifft man so entspannte Vertreter des Literaturbetriebs an. Sie flanieren in Flipflops über das ORF-Gelände, radeln auf dem Leihrad durch die Stadt, kraulen im Wörthersee oder lassen den Abend am von der Stadt gesponserten Büffet im Schloss Maria Loretto ausklingen. Literaturliebende in Urlaubsstimmung – das findet man beim Bachmannpreis in Klagenfurt. Und dieser besonderen Stimmung ist vermutlich der zwanglos unaufgeregte aber intensive Austausch über Literatur zu verdanken, der sich rund um die Veranstaltung abspielt. Denn nicht nur die Jury, namentlich Hubert Winkels, Daniela Strigl, Meike Feßmann, Burkhard Spinnen, Hildegard E. Keller, Paul Jandl und Juri Steiner, kritisiert hier vier Tage lang Texte.
Wettlesen für insgesamt fünf Preise
Wer früh aufsteht, der kann die Lesungen der Autoren direkt im ORF-Studio erleben. Da aber der Klagenfurter Rentner in der Regel früher im Studio ist, versammelt sich der Großteil der Angereisten im ORF-Garten, um die Lesungen auf den Monitoren zu verfolgen. Larissa Boehning, eingeladen von Meike Feßmann, eröffnete mit einem Ausschnitt aus dem Romanmanuskript Zucker. Die Jury war sich in ihrem ambivalenten Urteil einig: Ein gut gemachtes „Erbschleicherkammerspiel“, betont Daniela Strigl, aber zu ödipal inszeniert. Es folgten die Lesungen von Joachim Meyerhoff, Nadine Kegele, Verena Güntner und Annousch Müller. Zwei der fünf zu vergebenden Preise gingen an die erste Autorengruppe: Verena Güntner, über die das Gerücht herumging, sie habe für ihr Manuskript, aus dem sie las, eine immense Vorauszahlung bekommen, gewann den Kelag-Preis. Der Publikumspreis ging überraschend an die Österreicherin Nadine Kegele. Eher hätte man Joachim Meyerhoff als Publikumspreisträger erwartet mit seinem witzigen, rasant vorgetragenen Text.
Weniger überraschend verhielt es sich bei der Bachmannpreis-Gewinnerin Katja Petrowskaja. Als sie als Fünfte und Letzte des zweiten Tages Vielleicht Esther zu lesen begann, tuschelte es im Publikum: Sie wird es. Ihrem Text wich die tageszeitbedingte Konzentrationsschwäche, die Zuschauer waren plötzlich so präsent und aufmerksam wie vorher den ganzen Tag nicht. „Alles andere stand still“ – so heißt es auch in dem Romanauszug. Petrowskajas tänzelder, eindringlich erzählter Text erzählt ungewöhnlich leichthändig über ein schwieriges Thema: die Erschießung einer jüdischen Großmutter durch die Nationalsozialisten in Kiew 1941. Der Text ist frei von Pathos und Kitsch, betreibt ein Spiel mit der Fiktion und bedient sich starker Bilder. Nur Paul Jandl fragte sich, „wie die einzelnen Teile miteinander montiert sind“, und ob das funktioniere – für ihn gehe es nicht ganz auf. Aber „verliebt“ sei er in den Text trotzdem. Katja Petrowskaja glitt ein Lächeln über das Gesicht, als sie Jandls Kritik hörte. Nach der Lesung sagte sie, sie hätte sich mehr solcher Kritik wie von Jandl gewünscht.
Zwei weitere Höhepunkte waren die Textauszüge von Benjamin Maack und Roman Ehrlich. Ehrlich entging zugunsten Heinz Helles knapp der Ernst-Willner-Preis – seine apokalyptische Szenerie, in der ein Mann mit einem seltsamen Jungen in einer scheinbar entrückten Welt zusammenlebt, konnte die Jury nicht ganz einordnen. Hier blieb viel in der Schwebe, doch der vollständige Roman Das kalte Jahr, der gerade bei Dumont erschienen ist, verspricht Aufklärung. Benjamin Maack gewann mit seinem Käfertext den 3sat-Preis – den Text mit dem Titel „Wie man einen Käfer richtig fängt“ von Joachim Kaltenbach schrieb er eigens für den Wettbewerb. Ein sehr guter, runder Text mit Ekelpotenzial.
Das Fazit des diesjährigen Bachmannpreises ist klar: vielversprechende Autoren mit Texten auf hohem literarischen Niveau, das Ganze umrahmt von einem wunderbaren Begleitprogramm im und um den Wörthersee. Wer würde das missen wollen?
hat Komparatistik, Englisch und Soziologie in Göttingen und London studiert. Bis Juni 2012 leitete sie das Online-Magazin für Literaturkritik Litlog.de. Sie arbeitete bis 2013 im Bereich Literatur und Übersetzungsförderung des Goethe-Instituts in München und leitet derzeit das Literarische Zentrum in Göttingen.
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August 2013
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