Literatur braucht ein Dach über dem Kopf – Literaturhäuser in Deutschland

Sie sind nicht nur Bühnen für Lesungen von Autoren aus aller Welt: Literaturhäuser bieten auch Fortbildungsseminare für Autoren, Übersetzer, Verleger oder Buchhändler an, und sie publizieren Gedichte auf Plakatwänden und im Internet. Eine Hauptstadt, fünf Literaturhäuser
Schauspielhäuser, Opernhäuser, Konzerthäuser gibt es schon seit Jahrhunderten, das älteste Literaturhaus wurde am 29. Juni 1986, dem Tag des Endspiels der Fußball-Weltmeisterschaft, in einer noblen Seitenstraße des Berliner Kurfürstendamms mit einer Lesung sportbegeisterter Schriftsteller eröffnet. In einer prächtigen Gründerzeitvilla untergebracht, ist das Berliner Literaturhaus ein repräsentatives Schaufenster für lebende Literatur, bietet Platz für Lesungen, Literaturausstellungen, wirkt ganztags belebt durch ein Café mit großem Garten und eine Buchhandlung im Souterrain.
Zugleich besitzt Berlin eine feste Adresse, die zwar nicht Literaturhaus heißt, aber schon länger eine zentrale Rolle im literarischen Leben spielt: Seit über 40 Jahren fördert das Literarische Colloquium in einer Villa am Wannsee Autoren durch Lesungen, Literaturpreise und eigene Publikationen. Sein Arbeitsschwerpunkt ist die nicht-öffentliche Literaturpflege mittels Autorenstipendien, Schreibwerkstätten oder Übersetzertreffen. Der Schweizer Literaturwissenschaftler Peter von Matt nannte dieses Haus ein "Nervenzentrum der gesamten deutschsprachigen Literatur".
Literarisches Colloquium und Literaturhaus entstanden als Instrumente der Literaturförderung in der Inselsituation von West-Berlin während des Kalten Krieges. Die Aufbruchsstimmung nach dem Fall der Mauer führte im ehemaligen Ost-Berlin zur Gründung von drei weiteren Literaturhäusern mit speziellem Profil. Aus dem Brecht-Zentrum der DDR wurde das Literaturforum im Brecht-Haus. Daneben entstanden das Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur LesArt sowie die literaturWERKstatt als innovativer Gegenpol zum eher repräsentativen Literaturhaus im Westen. Alle fünf Literaturhäuser werden von der wirtschaftlich schwachen Hauptstadt mehr schlecht als recht finanziert. Um die mageren Programmetats aufzustocken, sind sie auf Projektgelder von Kulturstiftungen oder die Zusammenarbeit mit Verlagen und Sponsoren angewiesen.
Dienstleistungszentrum der Buchbranche
Ganz anders stellt sich die Lage in München dar, der umsatzstärksten Verlagsmetropole in Europa. Dort trieb ein starkes Bündnis von Verlegern und Buchhändlern in den Neunzigerjahren die Gründung eines Literaturhauses voran. Die Stadt stellte dafür ein imposantes Gebäude zur Verfügung, eine ehemalige Mädchenschule mit Markthallen im Erdgeschoß, die heute ein großzügiges Kaffeehaus beherbergen. Das 1997 eröffnete Münchner Literaturhaus ist das größte in Deutschland und dient als Informationszentrum für die gesamte Buchbranche. So arbeitet im Haus das Institut für Urheber- und Medienrecht, veranstaltet die Akademie des Deutschen Buchhandels Managementkurse und archiviert das Deutsche Bucharchiv sämtliches Wissen über das Verlegen und Büchermachen. Seine Dienste können übrigens kostenlos via Internet genutzt werden: Auf Anfrage stellen die Bibliothekare Literaturlisten zusammen. Gleichzeitig finden im Haus populäre Veranstaltungen wie Frischluft statt - ein Schreibprojekt für Jugendliche.
Netzwerk mit Lücken
Ebenfalls in München ist seit 2001 eine Koordinationsstelle und Internetplattform der Literaturhäuser angesiedelt. Sie bündelt deren Arbeit und organisiert gemeinsame Projekte wie die sommerliche Aktion Poesie in die Stadt, bei der Plakatflächen in ganz Deutschland zu Werbeträgern für Gedichte umgenutzt werden. Im Verbund ist es für die Literaturhäuser leichter, Sponsoren für solche Projekte zu finden. Autoren werden auf Lesereisen von Haus zu Haus weitergereicht, und seit 2002 verleihen sie jährlich gemeinsam einen Literaturpreis. 2005 luden die Häuser gemeinsam mit den Goethe-Instituten in Nahost und Nordafrika arabische Autoren als "Stadtschreiber" zu sich ein, umgekehrt reisten deutsche Autoren in deren Heimat. 2006 tauschen sich indische und deutsche Autoren unter dem Titel AKSHAR (Buchstabe) aus.
Zum Netzwerk der Literaturhäuser gehören bisher: Berlin, Hamburg, Frankfurt, Salzburg, München, Köln, Stuttgart und Leipzig. Auf dem gemeinsamen Internetportal vermisst man jedoch die Links zu den Literaturhäusern in Nürnberg oder Magdeburg; ebenso fehlen die deutschsprachigen Literaturhäuser in Basel, Zürich, Wien, Graz und Innsbruck.
Neue Vertriebswege für neue Formen
Immerhin gibt es Überlegungen bei der Koordinationsstelle, sich stärker mit Partnerinstituten im Ausland zu vernetzen, schon um künftig Projektgelder der Europäischen Union beantragen zu können. Sehr viel weiter ist in dieser Hinsicht die Berliner literaturWERKstatt, das unkonventionellste und umtriebigste Literaturhaus des vergangenen Jahrzehnts. Es verfügt längst über ein Netzwerk zu Partnern in aller Welt, die sich gegenseitig auf aktuelle Strömungen in der Literaturszene aufmerksam machen. Im Internet betreibt das Berliner Haus die lyrikline, auf der Autoren aus aller Welt ihre Gedichte in der Originalsprache lesen. Während sich die Aktivitäten der anderen Literaturhäuser mehr oder weniger am Buchmarkt orientieren, arbeitet die literaturWERKstatt nach einem völlig anderen Prinzip: Sie organisiert neue Vertriebswege für Texte, die es entweder - wie die Lyrik - sehr schwer haben, überhaupt gedruckt zu werden, oder aber gänzlich neuer Vermittlungsformen bedürfen.
arbeitet als Buchautor, Kulturjournalist und Stadtführer in Berlin
Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Juni 2006
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