Der Deutsche Buchpreis - Erfolgsgeschichte mit Nebenwirkungen

Der Deutsche Buchpreis hat sich als erfolgreiches Marketinginstrument bewährt. Doch in seinem Schatten geraten jedes Jahr eine Vielzahl von Neuerscheinungen aus der Aufmerksamkeit von Lesern und Medien.
Noch vor einem Jahrzehnt gestalteten sich die Mechanismen, nach denen ein anspruchsvolles belletristisches Werk zum Bestseller wurde, recht übersichtlich: Wenn die Literatur-Fernsehsendung „Das Literarische Quartett“ einen Roman auf seiner Liste hatte, konnten die entsprechenden Verlage getrost anfangen, nachzudrucken – ganz gleich, ob ein Buch gelobt oder verrissen wurde; am folgenden Tag wurde es gekauft. Heute gibt es noch Elke Heidenreich, der man zugute halten darf, dass sie durchaus gezielt kleinere Verlage auswählt, deren Bücher sie mit der Aufforderung „Lesen!“ in die Kamera hält. Aber sonst? Wer gibt den Käufern Orientierung? Wer hat noch Deutungshoheit und Einfluss? Wer bestimmt, welche belletristischen Titel gekauft werden? Die Feuilletons sind es jedenfalls nicht, nicht mehr.
2007 gab es nach Angaben des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels in Deutschland im Bereich der belletristischen Bücher 14056 Novitäten. Die Klage, dass es sich dabei um eine Überproduktion von Titeln handelt, wird immer wieder geführt, allein ändert sich nichts, weil jeder hofft, dann doch den großen Wurf landen zu können. Vielleicht ist diese Klage aber auch nur ein kulturpessimistischer Reflex. Die Branche im Allgemeinen und der Buchhandel im Besonderen schlitterten in den Jahren 2002 und 2003 in eine tiefe Krise. Also kam man im Börsenverein auf eine Idee: Auch in Deutschland sollte es zukünftig, analog zu England, den USA und Frankreich, einen Preis geben, der nicht weniger als das beste deutschsprachige Buch des Jahres kürt. Man erfand den Deutschen Buchpreis und installierte eine Akademie, die wiederum eine jährlich wechselnde Jury für den Preis zu berufen hat.
Zwischen Berühmtheit und Vergessen
In der Akademie sitzen beispielsweise der Präsident des Goethe-Instituts, der Vorsteher des Börsenvereins und der Direktor der Frankfurter Buchmesse. Und nun, im Jahr 2005, im Jahr 1 des Deutschen Buchpreises, geschah etwas, womit niemand in dieser Form gerechnet hatte: Der Deutsche Buchpreis wurde zu einem ungeheuerlichen Erfolg. Es soll an dieser Stelle nicht die Rede sein von der Hybris, die hinter dem Anspruch dieses Preises steckt: DEN besten Roman des Jahres herauszufinden – wer will sich das ernsthaft anmaßen? Die Macht, die sich in den drei Jahren rund um den Preis angesammelt hat, ist überraschenderweise so stark geworden, dass selbst nicht wenige seiner Befürworter mittlerweile darüber erschrocken sein dürften. Die Grundidee, Aufmerksamkeit zu schaffen, ist voll und ganz aufgegangen, aber um welchen Preis? Im August benennt die Jury eine so genannte Longlist, bestehend aus etwa 20 Titeln. Einen Monat später erscheint die Shortlist, die sechs Titel umfasst. Wer es nicht mindestens auf die Longlist schafft, kommt nicht mehr vor. Wer es von der Longlist bis zur Verkündung der Shortlist nicht zum Bestseller geschafft hat, kommt auch nicht mehr vor. Bleiben also rund 14000 Titel, die keine Rolle mehr spielen. Das mag eine Zuspitzung sein, aber kaum eine Übertreibung.
Es gibt nicht wenige Verlagsvertreter in gehobenen Positionen, die sich mittlerweile nichts mehr wünschen als eine Abschaffung des Preises. Denn das Risiko, ihn nicht zu bekommen ist wesentlich größer als die Chance, mit Hilfe des Preises ein Erfolgsbuch zu landen. Doch nicht nur das kann einen Verlag unter Zugzwang bringen: Jeder Verlag kann laut Ausschreibung zwei belletristische Titel einreichen. Was das für einen größeren Verlag bedeutet, lässt sich denken: Wie soll man einem Autor plausibel machen, dass der eigene Roman nicht eingereicht wurde, der eines Kollegen aber wohl?
Und auch unter den Autoren ist der Deutsche Buchpreis nicht unumstritten. Daniel Kehlmann, der im ersten Jahr des Buchpreises mit seinem Roman „Die Vermessung der Welt“ für die Shortlist nominiert war (den Preis bekam der Österreicher Arno Geiger und Kehlmann wurde ohnehin ein Millionenseller), meldete sich mit einem bedenkenswerten Beitrag zu Wort. Er schrieb: „ Autorenexistenzen sind oft ökonomisch prekär; natürlich kann man Schriftsteller dazu zwingen, sich in der Hoffnung auf den lebensverändernden Bestseller unter eine demütigende Situation zu beugen - aber heißt das auch, dass man das tun sollte? Bücher stehen miteinander im Wettstreit, ihre Autoren aber nicht.“ Auch gewichtige Autoren wie Monika Maron und Michael Lentz forderten bereits die Abschaffung des Wettbewerbes.
Die Gegenargumente, die beispielsweise der Börsenverein des Deutschen Buchhandels als Initiator des Buchpreises ins Feld führt, sind andererseits nicht von der Hand zu weisen: Es würde, so lautet die Einlassung, nicht Aufmerksamkeit von nicht nominierten Romanen abgezogen, sondern vielmehr eine Aufmerksamkeit für das Medium Buch erzeugt, die im breiten Publikumssegment zuvor so gar nicht existent gewesen sei. Keine Verlagerung von Interessen also, sondern eine grundsätzlich neue Bühne. Man mag und darf das so sehen; empirisch nachzuprüfen ist das mit Sicherheit nicht, außer durch Zahlen, und die sprechen für sich: Der Buchhandel hat zumindest seine Verkaufskrise hinter sich. Man kann das Für und Wider des Deutschen Buchpreises abwägen, wie man will, man muss sich jedoch stets gegenwärtig sein, was der Preis ist: Ein Marketinginstrument, ausgedacht von der Buchverkaufsbranche. Das ist legitim, nur wissen muss man es.
Wem in einem System wie diesem, das auf Etikettierung und käuferfreundliche Präsentierbarkeit ausgerichtet ist, die Rolle des Königsmachers zufällt, liegt auf der Hand – wer in der Jury des Deutschen Buchpreises sitzt, bestimmt über das Buch des Herbstes. Die Macht hat sich verlagert – von der subjektiv gefärbten Fernsehbühne des „Literarischen Quartetts“ hin zur nicht minder subjektiv gefärbten Zusammenstellung einer jährlich neu zusammen gewürfelten Kommission von vermeintlichen und tatsächlichen Experten. Und diejenigen, die nicht dazugehören, zerreißen sich den Mund über die Entscheidungen ihrer Kollegen: „Warum steht XY nicht auf der Liste?“ Oder: „Was hat YZ dort zu suchen?“ Das ist jedes Jahr so und gehört zum Preis dazu. Juryarbeit, wenn sie Ernst genommen wird, ist harte Arbeit.
Die Feuilletons spielen das Spiel um den Buchpreis mit. Erst im Oktober, wenn der Preis vergeben und die Buchmesse vorbei ist, wird es langsam wieder ruhiger werden. Und man kann anfangen, sich um jene Titel zu kümmern, die unter der Aufmerksamkeitslawine des Preises verschüttet worden sind. Bis dann im März der nächste Preis ansteht – der der Leipziger Buchmesse.
Literaturkritiker und Journalist
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Oktober 2008










