Früh vertraut mit Goethe und Schiller – Klassiker für Kinder

Kürzen und Illustrieren, Nachdichten und Vereinfachen: Der Umgang mit den Klassikern der Weltliteratur ist vielfältig. Die Verlage werden nicht müde, sich immer wieder neu zu überlegen, wie sie junge Leser an die Texte Goethes und Schillers heranführen können.
"Schändlicher, dreimal schändlicher Karl! Ahnete mir's nicht, da er, noch ein Knabe, den Mädels so nachschlenderte, mit Gassenjungen und elendem Gesindel auf Wiesen und Bergen sich herumhetzte, den Anblick der Kirche, wie ein Missetäter das Gefängnis, floh […]?" So macht Franz Moor in Schillers Drama "Die Räuber" seinen Bruder vor dem Vater schlecht. Dass so heute – ziemlich genau 225 Jahre später – niemand mehr spricht, ist klar. Aber: Wer versteht von der jüngeren Generation schon noch genau, was Franz da sagt?
Wie man Kinder und Jugendliche trotz der offenkundig bestehenden sprachlichen Barrieren mit Klassikern der Weltliteratur vertraut machen kann, wird immer wieder diskutiert. Auf dem deutschen Buchmarkt begegnet dem Leser eine Fülle von unterschiedlichsten Versuchen, dieses Ziel zu erreichen.
Auf Spannung hin gekürzt
"Gullivers Reisen", "Moby Dick", "Robinson Crusoe": Wer kennt diese Klassiker der Weltliteratur schon in der Langversion? Tatsächlich haben sich einige von ihnen in den Kinderbuchregalen so breit gemacht, dass man denken könnte, sie hätten dort ihren originären Platz.Auch eine ganze Reihe von deutschen Verlagen – unter ihnen der Arena Verlag oder der Cecilie Dressler Verlag – nehmen sich dickleibiger Romanklassiker an und kürzen sie auf eine kindertaugliche Dosis zusammen. Was dabei herauskommt, sind kurzweilige Geschichten voller Abenteuer.
Einen anderen Ansatz verfolgt man im Gerstenberg Verlag mit der Reihe "Visuelle Bibliothek – Klassiker für Kinder". Hier stehen die aufwändigen Illustrationen, die die stark gekürzten Texte begleiten, im Vordergrund und sie beleuchten zugleich die historischen Hintergründe ihrer Geschichten.
Im Original und illustriert
Sollte, was mit Jonathan Swift, Herman Melville und Daniel Defoe funktioniert, nicht auch mit Goethe und Schiller klappen, auch wenn die Stoffe der deutschen Klassikerfürsten zugegebenermaßen weniger Abenteuer und Nervenkitzel versprechen?Den Beweis, dass auch Goethe und Schiller für Kinder durchaus genießbar sind, tritt der Schriftsteller und Kinderbuchautor Peter Härtling an. Seine Bände "Ich bin so guter Dinge: Goethe für Kinder" sowie "... und mich – mich ruft das Flügeltier: Schiller für Kinder", die 1998 und 2004 im Insel Verlag erschienen sind, bieten Gedichte, Briefe, Auszüge aus Balladen, Novellen, Dramen – allesamt im Original-Wortlaut. Zwar werden Kinder wohl kaum allein mit den Texten fertig, aber die bunten Illustrationen von Hans Traxler eröffnen ihnen (wie auch Erwachsenen) einen humorigen Zugang zu Goethe und Schiller.
Mit Blick auf die Zukunft nacherzählt
Den deutschen Klassikern widmet sich auch der Kindermann Verlag in Berlin. Allerdings setzt die Schweizerin Barbara Kindermann dabei auf eine andere Tradition. Sie erzählt die Klassiker nach. In ihrer Reihe "Weltliteratur für Kinder" sind bereits "Wilhelm Tell", "Faust", "Götz von Berlichingen", "Nathan der Weise" und "Kleider machen Leute" erschienen – liebevoll illustriert von Künstlern wie Klaus Ensikat, Sybille Hein oder Maren Briswalter.
Dabei geht es Kindermann nicht darum, das Original zu ersetzen. Vielmehr will sie dadurch, dass die Nacherzählung in guter Erinnerung bleibt, Lust auf das Original machen. Die Kinder sollen den vertraut gewordenen Figuren im Schulunterricht gern wiederbegegnen.
Eher einfach als klassisch
Während im Bereich der Kinderbücher die Toleranz groß ist, wenn Klassiker neue Formen erhalten, reagieren Feuilleton und Germanisten mitunter hoch empfindlich, wenn das hohe Kulturgut in einer Light-Version seinen Fuß in die Schule setzt. So etwa bei der Reihe "... einfach klassisch" des Cornelsen Verlags, die in den Mitteilungen des Germanistenverbandes heftig kritisiert wurde. Sogar von Kulturfrevel war die Rede.
Erschienen sind unter anderem vereinfachte Versionen von "Götz von Berlichingen", "Wilhelm Tell", "Kabale und Liebe" und "Kleider machen Leute". Was der Verlag "im Wortschatz und Satzbau behutsam dem modernen Deutsch angepasst" sowie "angemessen gekürzt" nennt, beurteilen Germanisten als "schlampig", "willkürlich", "entstellend" oder "falsch". Wenn der Verlag argumentiert, dass vor allem Lehrer von Haupt- und Realschulen keine andere Chance sähen, mit ihren leseschwachen Schülern Klassiker zu lesen, werfen die Kritiker diesen Lehrern Bequemlichkeit und Mangel an Kreativität vor.
Moderne Zeiten?
Auf noch weniger Gegenliebe bei den Kulturhütern stößt die Reihe "klassik modern" aus dem Verlag Moderne Zeiten. Zwei Journalisten – Jochen Dersch und Thomas Kuehn – brechen Goethe und Schiller auf Groschenroman-Niveau herunter, denn – so Dersch –: "Jedes Werk lässt sich in moderne Sprache übertragen, ohne dabei an Qualität zu verlieren." Ihre "Räuber", "frei nach Friedrich Schiller", haben sich schon über 10.000 Mal verkauft. Dort liest sich die Tirade Franz Moors gegen seinen Bruder im Übrigen wie folgt: "'Oh Vater', ruft Franz. 'Nimm es dir nicht so zu Herzen. Das war doch seit geraumer Zeit abzusehen. Dieser ... dieser blöde Typ, der macht die ganze Familie kaputt!'"Redakteurin und Publizistin, Bonn
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Juli 2005










