Autobiografische Comics

Eindringlicher Darsteller seiner Gefühlswelt – Flix

Copyright: Flix

„Was soll denn an Ihrem Leben interessanter sein, als an dem anderer Leute?“, wurde der Kommunikationsstudent Felix Görmann alias Flix von der Frau vom Prüfungsamt gefragt, als er sein Diplomarbeitsthema „Autobiografie“ anmeldete. Dass Flix mit seiner Abschlussarbeit, dem Comic Held (2003), nicht nur den begehrten „Max und Moritz“-Preis im Jahr 2004, sondern zudem mehrere Designer- und Nachwuchsauszeichnungen erhalten würde, konnte die Mitarbeiterin nicht ahnen, aber noch weniger der Autor und Zeichner selbst.

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Diashow

Comics von Flix aus "Held"
Wer sich das Werk zu Gemüte führt, versteht schnell, wieso der ausgereifte und brillante Comic mehrfach prämiert und gleich zweimal veröffentlicht wurde, zuerst bei einem mittelgroßen Verlag in vier Einzelheften und später als kompaktes Taschenbuch bei einem Verlagsriesen. Der Comic schildert eine „fast“ normale Kindheit: von der Angst vor Monstern unterm Bett, Rangeleien auf dem Schulhof bis hin zum Abenteuer Zeltlager und dem ersten Kuss als Pubertierender. Doch Flix’ Biografie geht über die Gegenwart hinaus, und er entwirft sein Leben weiter, bis hin zu seinem Tod. Äußerst raffiniert und zugleich amüsant stellt Flix den fiktionalen und realen Gehalt von Biografien in Frage. Nicht nur zeichnerisch finden sich Analogien zu dem französischen Comic-Künstler Lewis Trondheim, der mit klarem Strich ebenso seine Alltagsabenteuer erzählt. Auch in den surrealistischen und fantastischen Passagen, in denen die Monster aus der Kindheit im realen Leben des Erwachsenen Flix einbrechen, erkennt man den Einfluss des Franzosen.

Mit dem Nachfolge-Comic Sag Was (2004) gelingt es dem Illustrator, Cartoonisten und Comic-Zeichner seine Eigenständigkeit zu begründen. Der Inhalt handelt von Flix’ großer Liebe zu Sophie und dem Ende der langjährigen Beziehung. Und obwohl der Comic so alltägliche Themen wie Freundschaft, Liebe und Trennung behandelt, bewerkstelligt es Flix abermals, den Leser am Ende durch die eindringliche Darstellung seiner Gefühlswelt zu Tränen zu rühren. Vortrefflich weiß er durch humorvolle und fantastische Passagen die Geschichte aufzulockern und den Rezipienten an den Höhen und Tiefen seiner Protagonisten teilhaben zu lassen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, denn hauptberuflich verdient Flix sein Geld mit regelmäßigen Zeitungs-Cartoons, die gesammelt in dem Band Verflixt (2005) enthalten sind, wofür er 2004 mit dem Swiss Cartoon Award sowie 2007 mit dem Stuttgart Cartoon Award ausgezeichnet wird.

Das Comictagebuch Heldentage entstand aufgrund einer Wette, denn Flix wäre nie auf die Idee gekommen, täglich einen Strip über sein Leben zu zeichnen. „Doch was tut man nicht alles für Bier?“, schreibt er in dem Vorwort des 365-Tage-Wälzers. So beginnt der Wahlberliner 2006 sein Leben in einem Comicstrip festzuhalten, von seinem Zusammenzug mit der Lebensgefährtin bis hin zu seinem Kampf mit den Tücken des Alltags. Die Zeichnungen handeln nicht von großen Abenteuern, wie der Titel Heldentage vielleicht irrtümlich vermuten lässt. Vielmehr sind sie ab und an einfach nur banal, so banal und unspektakulär wie das ‚normale Leben’ nun mal ist. Aber genau dies zeichnet den Comic aus. Er ist eine Ansammlung von Augenblicken, die als Summe ein unterhaltsames und liebenswürdiges Kaleidoskop bilden. Es ist vor allem die entwaffnende Ehrlichkeit, mit der Flix den Leser in seinen Bann zieht. Denn er thematisiert indirekt auch das Dilemma, in dem sich Comickünstler befinden, wenn sie zwischen dem inneren Drang, zeichnen zu wollen sowie dem äußerlichen Druck, termingerecht produzieren zu müssen, hin und her schwanken. Selbst Flix, ein Könner der schnellen Skizze und des beobachtenden Humors, muss gelegentlich kapitulieren, wenn er am Ende eines harten Arbeitstags oder mitten im Urlaub noch schnell eine Skizze für sein Comictagebuch ausführen muss.

Eine Fortsetzung findet das Jeden-Tag-Ein-Comic-Strip-Tagebuch in Der Swimmingpool des kleinen Mannes. Passend zum Titel, hat sich Flix auf dem Cover genüsslich in der Badewanne liegend abgebildet, mit Quietschente und Kaffeetasse griffbereit. Überhaupt spielt Kaffee eine große Rolle im Leben des emsigen Comic-Zeichners, und so taucht das koffeinhaltige Getränk in all seinen Arten und Unarten immer wieder in seinen Strips auf. Aber ebenso erzählt Flix selbstironisch über den Besuch von Yoga-Kursen oder das sonntägliche Ritual, die Krimiserie  „Tatort“ im Fernsehen zu gucken. Flix’ Zeichnerkollege Joscha Sauer hat sich als großer Fan der Comic-Tagebücher geoutet: „Heimlich anderer Leute Tagebücher lesen macht immer Spaß. Und wenn das Tagebuch so liebe- und fantasievoll gezeichnet ist wie das von Flix, macht sogar das nicht-geheime Lesen Spaß.“

Nach Who the fuck is Faust? hat Flix ein zweites Mal Johann Wolfgang von Goethes Klassiker der deutschen Literatur als Comic adaptiert. In Faust. Der Tragödie erster Teil liefert Flix ein geistreiches Spiel aus Realität und Fiktion, in dem er die Geschichte über den Pakt mit dem Teufel in die Jetztzeit transferiert und mit aktuellen politischen Themen spickt. Flix hat Goethes Figurenpersonal übernommen, jedoch leicht verändert und es dafür im heutigen Berlin angesiedelt. Mephisto ist ein schelmisch jugendlicher Smiley-Button-Träger, Gott ein etwas verpeilter Alt-68er mit Schnurrbart und Pferdeschwanz, Faust ein Taxifahrer und Gretchen eine Muslima namens Margarethe. Den Namen hat ihr türkischer Lebensmittelhändler-Papa Özkan ausgewählt, da er so gerne die Talkshow von Margarethe Schreinemakers geguckt hat. Als Zeitungscomicstrip für die Frankfurter Allgemeine Zeitung entwickelt, wurden die einzelnen Episoden geringfügig für den inzwischen erschienenen Sammelband überarbeitet. Flix beweist erneut, dass er ein meisterhafter Comic-Zeichner und -Erzähler ist. In seinem Faust-Comic zieht er virtuos alle Register der Comic-Kunst und erzählt eine brüllend lustige Geschichte. Dabei gelingt es ihm vor allem, das Erbe Goethes zu wahren.

Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis Flix einen Comic zur Geschichte des ehemals geteilten Deutschlands machen würde, schließlich liefern all die persönlichen Erfahrungen sowie beständigen Mythen zwischen Ost- und Westdeutschen, eine nicht zu versiegen wollende Quelle an fantasiereichen Geschichten, die im völligen Gegensatz zur Realität stehen. Zunächst hatte Flix in einem Zeitungsstrip eine eigene kindliche Fantasie veröffentlicht, die erzählt, auf welche Weise er einen Spielzeugpanzer in die DDR geschmuggelt hätte. Die Resonanz auf die Comicseite war immens, so dass Flix die Idee weiterentwickelte. Für Da war mal was... hat er Freunde und Bekannte aus West und Ost, die fast genauso lange in einem geteilten Land gelebt haben wie in einem wiedervereinten, nach ihren Erinnerungen befragt. In den Erzählungen mischen sich historische Begebenheiten mit aberwitzig subjektiven Eindrücken und Fantasien der damals Jugendlichen. Die Interviewepisoden spiegeln eindrücklich die vielschichtigen individuellen Erfahrungen wider, die auf beiden Seiten der Mauer – in der Bundesrepublik Deutschland (BRD) und in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) – eine ganze Generation prägte.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

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Juli 2010