Autobiografische Comics

Expressive Erzählungen – Birgit Weyhe

Die Stärke der Geschichten und Zeichnungen von Birgit Weyhe liegt in der Reduzierung der Stilmittel und einer sehr dichten Art des Erzählens.

Was macht einen Menschen aus? Was bleibt, wenn er stirbt? Was wissen wir von unserer Familie, den Sehnsüchten und Träumen unserer Großmütter und Großväter, unserer Eltern? Birgit Weyhe ist den Spuren in ihre Vergangenheit nachgegangen. Drei Jahre lang hat sie für die Graphic Novel Im Himmel ist Jahrmarkt recherchiert, Verwandte befragt, Briefe gelesen, Fotos gesichtet – und diese Biografien gezeichnet.

Birgit Weyhe; © Birgit Weyhe


Da ist die Großmutter Marianne, eine emanzipierte Frau, die Hutmacherin wird und ihr gesamtes Leben darunter leidet, ihr erstes Kind abgetrieben zu haben. Da ist Herta, die ihre Jugendliebe aufgibt, um Karriere im väterlichen Betrieb machen zu können und während des Zweiten Weltkriegs zwischen die Fronten gerät. Da ist Carl Friedrich, der von seinem Vater geprügelt wird, weil er gern mit Puppen spielt. Birgit Weyhe hat eine überwältigende Familienbiografie geschaffen, mit tiefgründigen Figuren, die von Pflicht und Sehnsucht, aber auch von Hass geprägt sind. In der Zusammenschau ergeben sie ein facettenreiches Porträt des vergangenen Jahrhunderts.

Assoziative Elemente und starke Typografie

Die Geschichten beziehen ihre Wucht aus einer starken Reduzierung der Stilmittel: Weyhe teilt die Blätter in schlichte, rechteckige Panels und füllt die Flächen mit kontrastreichen, schwarzen Federzeichnungen. Anstatt mit ungewöhnlichen Perspektiven und komplizierten Arrangements arbeitet sie mit assoziativen Elementen und einer starken Typografie. Sie nutzt außerdem die Irritation, die durch eine starke Text-Bild-Schere entstehen kann. So kontrastieren betont kindliche Zeichnungen mit dem bitteren Ernst der Situation, oder Gefühle werden über einen Gegenstand symbolisiert, der sprechender ist als jeder Gesichtsausdruck.

Copyright: Birgit Weyhe
Diashow

Die Stärke der Geschichten liegt aber auch in einer sehr dichten Art des Erzählens: „Jede Geschichte beginnt bei mir mit dem Wort“, erklärt Weyhe ihre Methode. Erst müsse sie alles aufgeschrieben haben, bevor sie mit dem Zeichnen anfangen könne. Darauf folgt ein mehrstufiger Schöpfungsprozess: „Die ersten Bleistiftzeichnungen zu den Panels sind grob, sie dienen nur der Orientierung. Die eigentliche Arbeit erfolgt mit Tusche und Pinsel“, sagt Weyhe. Diese Arbeitsweise führt dazu, dass sich die Geschichten im Lauf der Zeit noch stark verändern: Bei der Erzählung Im Himmel ist Jahrmarkt fielen mehr als ein Drittel der Zeichnungen wieder weg.

Die Vergangenheit zu verstehen und sich selbst zu verorten ist Birgit Weyhe wichtig – vielleicht weil sie viele Umzüge erlebt hat und sich erst spät der Zeichenkunst zuwandte. Mit drei Jahren zog die 1969 geborene Münchnerin mit ihrer Mutter nach Uganda. Als einziges weißes Kind im Kindergarten erlebte sie, was es bedeutet, fremd zu sein. Als 18-Jährige kehrte sie dann nach München zurück, unter dem Arm eine Mappe mit Aquarellen und Landschaftsmotiven. Sie wollte sich damit bei der Münchner Kunstakademie bewerben. „Damals waren gerade Videokunst und Installationen angesagt. Ich fühlte mich vollkommen fehl am Platz und bin wieder gegangen, ohne meine Mappe abzugeben“, erzählt sie.


Trailer zu Reigen; © Birgit Weyhe

Auf Umwegen zur Zeichenkunst

Also studierte sie Germanistik und Geschichte, „eine Verlegenheitslösung“, so Weyhe, erst in München, später in Hamburg. Kurz nach der Geburt ihrer Tochter Paula 1997 schloss sie das Studium ab – mit Arbeiten über den Tod als Identitätsmatrix und die Politik der Unabhängigkeit in Tansania. Doch die Sehnsucht nach der Zeichenkunst war geblieben. „Ich wollte diesen Lebenstraum nicht aufgeben, bewarb mich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg und wurde sofort angenommen. Damals war ich 33 Jahre alt, schwanger und fühlte mich völlig überfordert. Aber dann habe ich es einfach ausprobiert“, sagt Weyhe.

Bei der Illustrations-Professorin Anke Feuchtenberger belegte sie einen Kurs zum Thema Autobiografisches Erzählen. Zu den strikten Vorgaben gehörte, sich auf die Illustrationen zu konzentrieren und schwarz-weiß zu zeichnen. In diesem Moment hatte sie das Gefühl, angekommen zu sein: „Ich hatte endlich die Formsprache gefunden, mit der ich meine Geschichten erzählen wollte.“ 2007 beteiligte sich Weyhe am Wettbewerb des Fumetto-Festivals in Luzern und wurde mit dem 2. Platz ausgezeichnet. In ihrem ersten Buch, das 2008 im Mami-Verlag erschien, beschäftigte sie sich mit ihrer Vergangenheit in Afrika. Die Feuilletons würdigten die Zeichnerin als „großes Talent“. Auf dem Next Comicfestival in Linz bekam sie 2009 für ihren Beitrag Zukunft Europas den ersten Preis. Weitere Geschichten folgten – wie Caméléon (2009) oder Feinste Reiseextrakte (2010). 2011 erschien Reigen und wurde in Frankreich für den renommierten Prix Artemisiana nominiert.

Inzwischen gehört das Zeichnen für Birgit Weyhe zur täglichen Routine. Sie arbeitet als Dozentin und als Illustratorin für Magazine oder Zeitungen. Und nebenbei entsteht alle zwei bis drei Jahre eine Graphic Novel. 2014 recherchiert Weyhe für ein Buch über mosambikanische Gastarbeiter, die zwischen 1979 und 1989 in der DDR lebten. Das Projekt ist inhaltlich und künstlerisch eine Herausforderung: „Schwarze Menschen lassen sich mit meiner jetzigen Zeichentechnik nur schwer darstellen, ich arbeite deshalb erstmals mit einer Zusatzfarbe.“

Rieke C. Harmsen
ist Kunsthistorikerin und Redakteurin des Evangelischen Pressedienstes (epd) in München.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
Februar 2014

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
Mail Symbolinternet-redaktion@goethe.de
Links zum Thema

Facebook

Werden Sie ein Fan der „Deutsch-sprachigen Comics“ und erhalten Sie regelmäßig aktuelle Meldungen zur deutschen Comicszene!

Literaturliste

Tipps für den Ankauf von deutschsprachigen Comics für Bibliotheken