Autobiografische Comics

Ein stark reduzierter, illustrativer Stil – Andreas Michalke

Musik ist aus Andreas Michalkes Leben und insbesondere aus seinen Comics nicht wegzudenken. Alles begann mit seiner unbändigen Lust, Comics zu zeichnen und sie mit seiner zweiten großen Leidenschaft, der Musik, zu verbinden. Als Schlagzeuger diverser Bands, DJ und Musikrezensent für Fanzines, hat die Musik einen besonderen Stellenwert in dem Leben des Comic-Zeichners und Grafikers. Schon in jungen Jahren fing er an, Flyer, Plattencover und Plakate zu gestalten und seine ersten Comic-Strips in selbstverlegten Musikmagazinen zu veröffentlichen. Was lag da näher als, inspiriert von Punk, ein eigenes Comic-Musik-Fanzine zu entwickeln/gestalten/entwerfen/?

Zusammen mit Minou Zaribaf beginnt er, 1991 die Heftserie Artige Zeiten herauszubringen, zunächst im Eigenverlag, später bei Reprodukt. Mit dem Untertitel Stories aus meinem Leben legt er den Inhalt offen. Es sind Michalkes persönliche Erlebnisse als jugendlicher Punk auf dem Lande und später in der Großstadt sowie sein ambivalentes Verhältnis zur Subkultur. Stets darauf bedacht, Mitglied einer Szene zu sein und den modischen, sprachlichen, musikalischen und politischen Dresscodes zu entsprechen, stört er sich desgleichen an den dogmatischen Vorgaben der Jugendbewegungen. Der Wunsch nach Dazugehörigkeit und die gleichzeitige Suche nach Individualität und Identität, weiß er mit seinem Comic Smalltown Boy (1999) kongenial zu schildern. Während eines Amerika-Urlaubes mit seinen Eltern schreibt der Frischverliebte seiner Freundin in der Heimat. Jahre später erhält er die Liebesbriefe zurück und beginnt, diese Episode seines Lebens kommentierend und konterkarierend zu illustrieren.

In den frühen Comics von Michalke erkennt man den Einfluss amerikanischer Underground-Comic-Zeichner, wie Daniel Clowes, Adrian Tomine und den Hernandez Brüdern. Über die Jahre hinweg hat er sich von seinen Vorbildern lösen und seinen individuellen, stark reduzierten, illustrativen Stil entwickeln können. In seiner ambitionierten Heftserie Mono veröffentlicht er nun in Kleinstauflage seine Comics über Musikkultur, mit Interviews, Reviews und Konzertbesprechungen. Und wie es sich für richtige Musik-Fanzines gehört, enthalten seine Hefte als besonderen Bonus eine Vinylsingle mit ausgesuchter und exklusiver Underground-Musik.

Bigbeatland (2006) heißt Michalkes Comicstrip, der in der Wochenzeitung Jungle World erscheint und als gleichnamiger Sammelband vorliegt. Michalke ist ein langjähriger Kenner der musikalischen Subkulturen und der linken Szene, aus denen er für seine Comicsoap pointiert die Protagonisten rekrutiert. Unpolitisierte und politisierte, linksradikale und linksliberale Jugendliche liefern sich herrlich widersprüchliche verbale Schlagabtausche, stets darum bemüht, politisch korrekt zu sein. Im Zentrum des humorvollen Comicstrips steht ein freies Radio, deren Sendemacher sich zudem in einer Wohngemeinschaft permanent über den Weg laufen. Diskussionsstoff ist vorprogrammiert, denn Michalke konfrontiert den jugendkulturellen Mikrokosmos Bigbeatland auch mit realen tagespolitischen Ereignissen. Wie schwierig es ist, seiner politischen Einstellung treu zu bleiben, und in welche Konflikte man dabei vor allem im privaten Leben geraten kann, zeigt Michalke aus einer ironischen, aber dennoch liebevollen Distanz.

Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut Stockholm
Mail Symbolinfo@stockholm.goethe.org
Januar 2009