Avantgarde

Moga Mobo – Comix für Alle

„Comix für alle“ lautet das Motto der Comic-Zeichner Titus Ackermann, Jonas Greulich und Thomas Gronle. Seit 1994 produziert das Berliner Trio das Comicmagazin „Moga Mobo“ und verteilt es kostenlos in Kneipen, Kinos und Comicläden in ganz Deutschland. In Interview spricht Titus Ackermann über aktuelle Projekte und verrät, was einen guten Comic ausmacht.

© Moga Mobo

Die Gruppe Moga Mobo hat im November 2009 das Buch „100 Meisterwerke der Weltliteratur“ im Ehapa Verlag herausgegeben. Darin werden Klassiker der Literatur auf jeweils einer Seite präsentiert. Wie kam es zu diesem Projekt?

Ackermann: Die Idee hatten wir schon vor einigen Jahren für unser kostenloses Magazin Moga Mobo. Damals entstand ein Taschenbuch, das aber extrem schnell vergriffen war. Es kamen dann immer wieder Anfragen von Leuten, die wissen wollten, ob das Buch noch verfügbar wäre. Deshalb haben wir uns entschlossen, das Buch zu überarbeiten und nochmals anzubieten. Es ist zwar nicht umsonst, aber dafür gibt es die Geschichten jetzt auf gutem Papier, mit festem Einband und zu einem fairen Preis.

Das Comicmagazin „Moga Mobo“ erscheint in einer Auflage von rund 20.000 Stück und wird kostenlos verteilt. Was bedeutet Euch diese Zeitschrift?

Als wir 1994 angefangen haben, wollten wir einfach ein Comic-Magazin machen und eine Plattform schaffen, um selber zeichnen zu können. Damals haben wir uns vor allem mit dem Verlegerischen auseinandergesetzt. Nach drei, vier Jahren waren wir dessen etwas müde. Wir haben uns dann neu orientiert und angefangen, Projekte zu machen und Themenhefte.

Es gab zum Beispiel ein Heft zum Thema Sommerloch. In die Mitte des Heftes haben wir ein Loch stanzen lassen. Die Zeichner mussten dann um das Loch herumzeichnen. Oder wir haben einen Adventskalender produziert, bei dem 24 Zeichner ein kleines 16-seitiges Heftchen im A7-Format gestaltet haben. Da waren die üblichen gefühlsduseligen Weihnachtsgeschichten drin, aber auch Geschichten, die sich kritisch mit dem Fest auseinandersetzen.

Die Moga Mobo-Hefte sind unsere persönliche Spielwiese, um unsere Ideen umzusetzen. Das Geld verdienen wir in der Werbung, mit Kinderbuchillustrationen oder mit Grafik. Da müssen wir oft auch Kompromisse in der Gestaltung oder Form eingehen. Die Moga Mobo-Hefte sind umsonst. Keiner der Mitarbeiter oder Zeichner bekommt Geld. Dafür gehen wir aber auch keine Kompromisse ein. Wenn einem Anzeigenkunden das Thema nicht gefällt, schaltet er eben keine Anzeige.

Was ist das Schwierigste an dem Projekt?

Einzelne Themen zu finden ist einfach. Es gibt etliche Notizbücher mit Ideen, die wir aus Zeitmangel wohl nie weiterverfolgen können. Das Schwierigste an dem Projekt ist die Logistik mit dem Vertrieb. Die Hefte sollen viele Menschen in die Finger bekommen. Und wir möchten zeigen, was in Comics drinsteckt jenseits von Spider-Man und Mickey Mouse. Dafür brauchen wir eine hohe Auflage, einige tausend Euro zum Drucken und Zeit und Geld, um die Hefte zu verteilen.

Warum verteilt Ihr die Hefte kostenlos?

Der Großteil der Menschen kommt einfach nicht in Berührung mit Comics – egal wie toll sie sind. Comicläden sind immer noch ein wenig wie beispielsweise ein Tattoo-Studio: jeder kennt eins, aber die wenigsten waren schon mal drin. Unsere Hefte liegen deshalb nicht nur in Comicläden aus, sondern auch in Kneipen, Kinos und Kleidergeschäften.

In den letzten vier bis fünf Jahren hat sich die Situation allerdings verändert. Graphic Novels, wie die Comicgeschichten für Erwachsene genannt werden, haben viel dazu beigetragen, dass Comics nun ein besseres Standing haben und mehr Aufmerksamkeit bekommen. Die Medien haben gemerkt, dass Comics auch schwierige Themen behandeln können und nicht nur peinlich oder bescheuert sind.

Was hat sich seit 1994 verändert?

Die Hefte sind professioneller geworden. Die Organisation ist einfacher geworden, weil wir gewisse Parameter kennen. Wir wissen, wie man einen Druckpreis einholt. Die Anzeigenakquise ist keine heilige Kuh mehr, um die man sich herumdrückt, sondern man macht sie einfach. Diese Professionalisierung hat sicherlich auch damit zu tun, dass wir als Illustratoren oder Grafiker arbeiten. Auch das Einzugsgebiet hat sich erweitert: Wir kennen immer mehr Comic-Zeichner aus aller Welt und nicht nur die Leute aus dem eigenen Viertel oder aus dem Comicstammtisch von Berlin-Mitte.


© Moga MoboIhr habt ein Projekt mit einer japanischen Comic-Künstlergruppe mit dem Namen Nou Nou Hau (Verballhornung von „No-know-how“) gemacht. Wie kam es dazu?

Angefangen hat es mit dem Manga-Boom in Deutschland. Damals dachten wir uns: In Japan gibt es Hunderte von professionellen Comic-Zeichnern und Hefte in Millionenauflage, da muss es doch auch Zeichner geben, die abseits vom Mainstream schwimmen und Independent Comics machen. Ein japanischer Freund half uns, Anschreiben und Mails zu verfassen, denn Japaner sind da etwas Etepetete und reagieren oft nicht auf ein englisches Anschreibe

Wir wurden dann nach Tokio eingeladen. Witzigerweise war schon am ersten Abend in Japan im Restaurant mit unseren Gastgebern ziemlich schnell klar, dass es gemeinsame Parameter gibt. Wir sind mit ähnlichen Dingen aufgewachsen, kennen alle die Trickfilmfigur Heidi, haben Falco gehört und die gleichen Hollywoodfilme geschaut. Globalisierte Jugendkultur halt. Es gab also viel, worüber wir trefflich Späße machen konnten. Aber es war sicherlich auch Glück, dass wir mit den Nou Nou Haus Brüder im Geiste getroffen haben.

War die Zusammenarbeit schwierig?

Um eine Geschichte mit Bildern zu erzählen, gibt es gewisse Grundregeln. Diese kann man erlernen, anwenden oder bewusst missachten. Insofern war die Zusammenarbeit mit den Japanern einfach. Natürlich gab es eine Sprachbarriere: Wenn ich erklären möchte, dass das Seitenlayout nicht stimmt, brauche ich dafür die Sprache. Oder ich nehme eine Serviette und zeichne darauf ein anderes Layout, und dann zeichnet der Andere daran weiter.

Die Reisen nach Japan waren eine persönliche Bereicherung. Wir kommen aus einem christlich-europäischen Umfeld. In Japan gibt es andere Verhaltensmuster, zum Beispiel, wenn man sich fremden Menschen vorstellt. Wir haben sicherlich so manchen Fauxpax begangen und uns später totgelacht über die Fauxpax der Japaner in Deutschland.

Ihr habt später ein Projekt für das Goethe-Institut realisiert ...

Ja, in Japan hat es gleich am Anfang so geklickt, dass wir beim zweiten Besuch in Tokio beschlossen, eine Dokumentation zu erstellen und dem Goethe-Institut zu präsentieren. Das gefiel dem Institut so gut, dass wir zwei Jahre später zum „Deutschland in Japan“-Jahr den Auftrag zu einem Projekt bekamen.

Damals wurden unter anderem Porsche-Autos nach Japan verschifft, der Designer Wolfgang Joop präsentierte seine Kleiderkollektion und die Berliner Philharmoniker spielten ein paar Konzerte. In meinen Augen wirkte das eher wie „Kultur-Wirtschaftshilfe“. Das muss sicher auch sein, uns fehlte da aber ein wenig der Gedanke des „Austausches“ und der „Kooperation“.

Wir arbeiteten hingegen monatelang mit den japanischen Zeichnern von Nou Nou Hau zusammen. Es entstanden eine Ausstellung und der Katalog Kugelblitz, die einen Einblick geben in das Leben freischaffender Illustratoren in Deutschland und Japan. Die Ausstellung war ein großer Erfolg in Tokio, es gab Fernseh- und Zeitungsinterviews. Sie wurde von dem Sohn des Manga-„Gottvaters“ Osamu Tezuka, Macoto Tezuka, eröffnet und ist später in Deutschland gezeigt worden.


© Moga MoboWas macht einen guten Comic aus?

Gute Geschichten sind das Allerwichtigste. Es gibt viele talentierte Zeichner, die leider nichts zu erzählen haben. Aber es gibt nur wenige Zeichner, die tolle Geschichten schreiben und diese grafisch anspruchsvoll und süffig umsetzen können. Eine gut gezeichnete Geschichte, die nicht lesbar ist oder mich nicht reinzieht, lege ich weg.

An einer guten Geschichte bleibt man dran, da ist sogar die Qualität der Zeichnung nicht mehr so wichtig. Selbst mit Krikelkrakel-Zeichnungen kann man tolle Geschichten erzählen. Das ist dann vielleicht nicht die Kür, aber trotzdem interessant. Wenn der Comic aber zu künstlerisch wird und dabei der Unterhaltungswert verloren geht, wird er für mich uninteressant. Comics sind, zumindest in meinem Verständnis, nun mal keine freie Grafik.

Wenn zum „Mainstream“ Mickey Maus und Superman gehören, dann zählen zur „Hochkunst“ die Comic-Zeichner, die sich kaum noch um die Lesbarkeit einer Geschichte kümmern oder schon schwer in Richtung freie Grafik oder Kunst gehen. Mit Moga Mobo stehen wir zwischen „Hochkunst“ und „Mainstream“.

Was wünschst Du Dir für die Zukunft?

Dass Comic-Literatur einen halbwegs normalen Platz in der Gesellschaft findet. Comics sind wahnsinnig stark in ihrer Strahlkraft. Sie beeinflussen alle Medien. Das sieht man beim Klamottendesign, bei Grafik, Werbung, Computerspielen, Kino und Fernsehen.

Trotzdem können derzeit 95 Prozent der Comic-Zeichner in Deutschland nicht von ihren Geschichten leben. Es wäre schön, wenn sich ein Comic, an dem man ein Jahr lang sitzt, auch 10.000 Mal verkauft. Dann könnte man halbwegs vom Zeichnen leben und wäre nicht so abgelenkt von dem, was man tun muss, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wer mehr Zeit mit seinen Comics verbringt, wird besser und damit auch interessant für den Comic-Markt im Ausland. Geld ist der Hebel, um die Comic-Szene zu professionalisieren.

Dein Ratschlag für angehende Comic-Zeichner?

Das mag jungen Leuten aus den Ohren herauskommen, aber Fleiß ist unheimlich wichtig. Dafür muss man sich nur die Biografien bekannter Comiczeichner ansehen. Die haben oft zehn oder fünfzehn Jahre hart gearbeitet, bis sie ein Verleger oder Journalist ins Rampenlicht gezogen hat. Es fällt kaum ein Künstler vom Himmel. Aber das will man natürlich nicht hören, wenn man jung ist (lacht).

© Moga Mobo

Wir hatten hier mal einen Praktikanten, der dachte, wir sitzen mit einem Cognacschwenker in der Hand da oder fahren den ganzen Tag mit dem Cabrio herum. Zeichner oder Illustrator zu sein ist ein harter Beruf, sicherlich vergleichbar mit dem des Malers oder freien Künstlers. Es gibt praktisch keine Festangestellten, also muss man seine Arbeit komplett eigenverantwortlich gestalten, ja sogar seine Jobs selber akquirieren.

Wobei Comiczeichner und Illustratoren einer Aufgabe verpflichtet sind, während freie Künstler über ihr Bild sagen können: „Verstehe es oder lasse es bleiben“.

Wir Comiczeichner aber haben ein Problem, wenn keiner die Geschichte versteht. Wir sind alle ein Stück weit Exhibitionisten, die Geschichten erzählen wollen, weil wir Spaß daran haben, dass andere auch Spaß daran haben.

Das Gespräch führte Rieke C. Harmsen.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2010

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
online-redaktion@goethe.de

Links zum Thema

Weblog: Morgenstadt

Comic-Künstler aus Deutschland und Ostasien erzählen Geschichten aus einer nachhaltigen Zukunft und aus unserer noch nicht ganz so ökologischen Gegenwart.