Avantgarde

Ivo Kircheis: Vielseitiger Allrounder mit Lust am Neuen

Comiczeichner Ivo Kircheis; © Ivo Kircheis


Der Comic- und Illustrationskünstler Ivo Kircheis aus Dresden versucht sich gern an den unterschiedlichsten Ausdrucksformen. Die amerikanischen Underground-Klassiker beeindruckten ihn so sehr, dass er beschloss, das Zeichnen zum Beruf zu machen.

Copyright: Ivo Kircheis
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Comics von Ivo Kircheis

Man muss zweimal hinschauen. Auf dem Cover der Comic-Erzählung Die Tote von St. Michaelis über die Zerstörung der Stadt Hildesheim im Zweiten Weltkrieg steht derselbe Autorenname wie auf dem vorlesetauglichen Familien-Strip Papa, wann essen wir mal ein Pferd?: Ivo Kircheis. Und den Namen findet man auch als Co-Zeichner – zusammen mit Mamei – auf der Totengräber-Groteske Dave Grigger. Legt man nur diese binnen weniger Jahre erschienenen Bände nebeneinander, mag man kaum glauben, dass sie aus derselben Tuschefeder stammen: Immer ist es der Dresdner Comic- und Illustrationskünstler Ivo Kircheis. Mit erstaunlicher Leichtigkeit jongliert er mit den unterschiedlichsten Ausdrucksformen, immer bereit, Neues auszuprobieren.

Das mag nicht zuletzt daran liegen, dass der 1966 in Sachsen geborene Kircheis erst nach der Wiedervereinigung 1990 mit der Underground-Ästhetik vor allem aus den USA und Frankreich konfrontiert wurde – dann aber mit aller Wucht. Seitdem sind Underground-Größen wie Robert Crumb, Gilbert Shelton und Bill Griffith sichtbar zentrale Bezugspunkte seines Schaffens: 1992 entdeckte Kircheis in einem Antiquariat drei U-Comix-Sammelbände, in denen seit 1969 die Underground-Comics auf Deutsch erschienen. „Die darin vertretenen Zeichner, allen voran Edika, Gotlib und Rand Holmes beeindruckten mich dermaßen, dass ich kurze Zeit später mein Mikroelektronik-Studium an der TU Dresden im elften Semester mitten in der Diplomarbeit hinschmiss und beschloss, Comiczeichner zu werden“, verrät er in einem Interview. Neben den Underground-Klassikern zählt auch George Herriman, einer der Schöpfer des Zeitungsstrips, zu den Vorbildern von Kircheis. Dessen populäre Krazy Kat ist für Kircheis Inbegriff der Comic-Perfektion.

Werbeplakate und Wimmelbilder

Dennoch hat Kircheis die Balance zwischen individueller künstlerischer Freiheit und der Notwendigkeit eines Brotberufes durchaus gewahrt. Das Grafikdesignstudium in Hildesheim, das er 2004 mit Die Tote von St. Michaelis als Examensarbeit abschloss, machte aus ihm den vielseitigen Allrounder, dessen Alltags- und Gebrauchsgrafik auf Werbeplakaten und sogar einer Briefmarke zu sehen ist. Von der naturalistischen Porträtzeichnung über lustige Knollennasenfiguren bis hin zu ausgeklügelten Wimmelbildern reicht das Portfolio. Kircheis lässt sich dabei ohne falsche Geheimniskrämerei über die Schulter schauen. In einem Film-Clip zeigt er, wie ein Wimmelbild komponiert wird, aus wie vielen Schichten und Arbeitsvorgängen das lebendige Gewusel entsteht.


Wie ein Wimmelbild entsteht, zeigt Ivo Kircheis im Clip

Nach dem Studium und der Rückkehr nach Dresden gründete Kircheis 2007 gemeinsam mit dem befreundeten Zeichner Mamei den Verlag Beatcomix, dessen „x“ auf die Underground-Abstammung verweist. Dort erscheinen seitdem jene Bände, die den Kern seiner Arbeit ausmachen. Kircheis’ Internet-Projekt Paralleluniversum, für das über lange Zeit jede Woche ein neuer Comicstrip entstand, zeigt schon im Titel, dass ihn das Aufeinanderprallen mal mehr, mal weniger verschobener Wirklichkeiten fasziniert – und produktiv macht. Schon als kleiner Junge zog Kircheis mit dem Skizzenblock durch die Straßen: Er gehört zu den Menschen, die die Welt zeichnend wahrnehmen, denen sich das Gesehene wie von selbst zum Bild formt. Und der gleichzeitig ein feines Gespür für die Brüche und Absurditäten unserer Wirklichkeit hat.

Anarchisch-skurriles Paralleluniversum

In den täglich erschienenen mehr als 500 Schwarz-Weiß-Strips von Paralleluniversum, die inzwischen auch als Sammelband gedruckt vorliegen, gibt es zahlreiche „running gags“ und wiederkehrende Figuren. Dazu gehört auch die eigene Familie des zweifachen Vaters – neben plaudernden Spreewaldgurken oder einem Herrn Würstl, der sich mit Hula-Hoop für Olympia qualifizieren will und aus dessen Hosenschlitz ein riesiger Wurstzipfel ragt. In diesem Paralleluniversum prallt funkensprühend aufeinander, was nicht zusammengehört.

2010 erschien der Comicband Rocket Blues, den Kircheis gemeinsam mit Mamei entwickelt und gezeichnet hat. Die mit feinem Federschraffurstrich gezeichnete Geschichte ist zugleich Space-Road-Movie und Hommage an die Romane von Douglas Adams. Sie ist anarchisch und konsequent gegen Lese-Erwartungen erdacht. Dabei beeindruckt die skurrile Story ebenso wie das Layout. Kircheis gibt dem Auge viel zu sehen, mit vielen erstaunlichen Details selbst im kleinsten Bild. Nach Belieben überschreitet er die Panelgrenzen, stellt Zeichnungen einfach mal auf den Kopf oder lässt sie rotieren. 2011 wurden Ivo Kircheis und Mamei für Rocket Blues mit dem Independent Comicpreis des Interessenverband Comic (ICOM) Herausragendes Szenario ausgezeichnet. Schon 2009 und 2010 erhielten Paralleluniversum 1: Urknall und Dave Grigger lobende ICOM-Erwähnungen.

Im Sommer 2013 erschien anlässlich des Münchner Comic-Festivals der Hommage-Sammelband A Tribute to Robert Crumb. Darin verbeugt sich Kircheis zusammen mit 80 anderen Künstlern vor dem Anarcho-Genie des Meisters: Schließlich gehörte der Amerikaner zu denen, die dem Dresdner den Weg zu seiner Berufung wiesen.

Matthias Bischoff
war Cheflektor des „Eichborn Verlags“ und betreute dort auch Holger Aue, Erich Rauschenbach, Klaus Puth und Peter Gayman. Er arbeitet heute als Lektor und Kulturjournalist in München und Frankfurt.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion
April 2014

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