Avantgarde

Vieldeutig und rätselhaft – Markus Huber

Markus Hubers Werk erschließt sich dem Leser nicht sofort, da es vieldeutig und rätselhaft ist. Denn der in Hamburg lebende Comic-Zeichner und Illustrator stellt keine direkte Verbindung zwischen seinen Wörtern und Bildern her. Stattdessen bevorzugt er sie inhaltlich möglichst weit voneinander zu entfernen und zwischen ihnen lediglich einen lockeren Zusammenhang zu schaffen. Text und Illustration können auch völlig losgelöst voneinander gelesen und betrachtet werden, da beide jeweils einen eigenständigen Inhalt vermitteln. Trotz der großen Differenz, oder gerade deswegen, erschließt sich dem Leser bei der Verknüpfung von Wort und Bild eine weitere, eine zusätzliche Bedeutungsebene. Man spürt in Hubers wenigen Publikationen, die man der Gattung des Comics zuordnen kann, dass die Comicform für ihn eine von mehreren möglichen Spielarten ist, mit Bildern Geschichten zu erzählen. Er arbeitet so bevorzugt in den Grenzbereichen des Comics, vor allem in der Illustration, aber auch in gestalterischen Projekten wie dem Entwurf eines Bühnenbildes für das Stück Disco Pigs am Theaterhaus Stuttgart.

So ist auch seine Publikation Nichts von Bedeutung nicht einfach „nur“ ein Comic, sondern die Bebilderung von vier Songtexten der inzwischen aufgelösten Hamburger Musikgruppe Waldorf und Statler. Darin taucht der Leser in einen fantastisch verzerrten Bildkosmos ein, der die Welt wie durch einen Hohlspiegel betrachtet darstellt. Mit hartem Strich verleiht Huber den Gegenständen und seinen Figuren grobe und kantige Konturen und führt den Betrachter erst langsam an den Protagonisten einer jeden Geschichte heran. Während der Text dem Leser sofort die intimen Gedanken der Hauptfigur offen legt, erschließt sich das äußere Erscheinungsbild erst nach und nach. Auch eine fließende Darstellung von Bewegung, die dem Leser die Verbindung der einzelnen Panels erleichtern und eine Orientierung geben würde, ist nicht gegeben. Stattdessen springen die Bilder zwischen extremen Bildausschnitten und close-ups hin und her.

Seine zweite längere Comicgeschichte Ein Ausflug nach Saturnia handelt von grotesken zwischenmenschlichen Beziehungen und Verquickungen während eines dreitägigen Fests zur Einweihung eines Ferienhauses in der Toskana. Junge erfolgreiche Künstler und Unternehmer treffen hier auf verkrachte Existenzen und weltfremde egozentrische Künstler.

Huber richtet sein Augenmerk nicht auf die Narration, sondern auf die Gefühlswelt seiner Figuren. Dazu verzögert er den Lesefluss und fordert den Leser auf, zu verharren und sich seine eigenen Gedanken und Assoziationen zu den schriftbildlichen Erzählungen zu machen. Man muss sich die Zeit nehmen, um einzelne Fragmente zu finden und kann dabei tief in seine eigene Erfahrungswelt vorstoßen. Und hier liegt die besondere Stärke von Markus Hubers Arbeiten begründet, die zwar universell zu lesen sind, aber auch jedem Rezipienten eine eigene, ganz persönliche Lesart ermöglichen.
Matthias Schneider
ist Kulturwissenschaftler, freischaffender Kultur-Journalist und kuratiert Filmprogramme und Ausstellungen zum Thema Comic.

Copyright: Goethe-Institut Stockholm
Mail Symbolinfo@stockholm.goethe.org
Mai 2007