Avantgarde

Eine klare, filmische Erzählweise – Thomas Ott

Indem er seine beklemmenden Geschichten fast wortlos erzählt, hat der Schweizer Comic-Zeichner Thomas Ott einen unverkennbaren Stil entwickelt. Seine Charaktere bewegen sich in Schwarz-Weiß-Welten, in denen die Grenze zwischen Realität und Albtraum verwischt.

Thomas Ott

Ein Vertreter betritt ein Hotel. Die Portierloge ist unbesetzt. Nach längerem Warten steigt er die Treppe hoch. Er stößt eine Zimmertür auf – das Zimmer ist für ihn vorbereitet. Er sucht das Hotelrestaurant auf und ein köstliches Mahl ist aufgetischt. Später in der Nacht erwacht er mit Magenkrämpfen. Er stolpert durch das Hotel, überall liegen tote Gäste, alle offensichtlich vergiftet.

Kein Zweifel, wir befinden uns in Hellville, einer Höllenstadt voller Sackgassen, schäbiger Appartements, zwielichtiger Bars, erbärmlicher Träume und gescheiterter Hoffnungen. Das ist die Welt von Thomas Ott. Sie ist schwarzweiß, vor allem aber schwarz. Killer und Selbstmörder rempeln einen an, ein Penner mutiert zum besessenen Propheten, der das Ende der Welt verkündet – und Recht behält. Aufgedunsene Boxer und Voodoohexer, kalte Ku-Klux-Klan-Ekel, Nutten, magere Mafiosi und ausgemusterte amerikanische Soldaten lungern herum, anderswo wagen frustrierte Kleinbürger und verbitterte Ehefrauen den Ausbruch.

Die Logik von Alpträumen

Hellville ist eine Welt von Verlierern, in der kein Wort gesprochen wird. Stumm gehen Otts Protagonisten ihren Weg, stumm gehen sie unter, stumm warten sie auf ihre nächste Chance. Wir aber wissen: Sie haben keine nächste Chance. Sie stecken in einem Alptraum, und mit der unerbittlichen Logik eines Alptraums werden sie in den Abgrund gezogen – bis zum bösen und zumeist überraschenden Ende. Wie auch im Hotel. Als der vergiftete Vertreter aus dem Hotel stolpert, erkennen wir endlich, wo wir sind: in der Küche einer gigantischen Kakerlake. Das Hotel? Eine kleine Schachtel mit Menschengift auf dem Boden der Kakerlakenküche.

Ein frühes Multitalent

Der 1966 geborene Thomas Ott wuchs in Zürich als Sohn eines Zeichenlehrers und einer Maltherapeutin auf, die seine Begabung früh erkannten und förderten. Bereits während seines Grafiker-Studiums an der Schule für Gestaltung in Zürich (1983–1987) machte er von sich reden: 1984 realisierte er seinen ersten Animationsfilm La grande illusion und veröffentlichte einen ersten Comic im Zürcher Comic-Magazin Strapazin, zu dessen Hauszeichner er bald wurde. 1986 erhielt er das Eidgenössische Stipendium für angewandte Kunst und gründete die Rock’n’Roll-Band The Playboys. Seit dem Abschluss seines Studiums arbeitet Ott als freischaffender Comic-Zeichner, Filmemacher, Musiker und Illustrator.

1989 zog Thomas Ott nach Paris und kam in Berührung mit der jungen französischen Autorenszene um den unabhängigen Verlag L’Association. 1993 erhielt der mit Claude Luyet entstandene Zeichentrickfilm Robert Creep am Filmfestival Solothurn den Publikumspreis. 1996 wurde Ott beim Comic-Salon in Erlangen mit dem Preis Bester deutschsprachiger Comiczeichner ausgezeichnet. 1998 kehrte er in die Schweiz zurück, um an der Zürcher Hochschule für Gestaltung Film zu studieren. Dort schloss er seine Ausbildung 2001 mit dem Diplomfilm Sjeki Vatcsh! ab. Nach dem Filmstudium wandte er sich wieder dem Comic zu.

Zu Otts Einflüssen zählen die französische Underground-Szene der Achtzigerjahre um Künstler wie Caro und Doury, Zeichner aus dem Umfeld von Art Spiegelmans Avantgarde-Magazins RAW (insbesondere Charles Burns) und vor allem die makabren Horror-, Krimi- und Science-Fiction-Comics, mit denen der amerikanische Verlag EC in den späten Vierziger- und frühen Fünfzigerjahren für Furore sorgte. Gekonnt spielt Ott mit Versatzstücken der amerikanischen Trivial-Kultur, mit Einflüssen aus Pulp-Literatur, Comics, Kino und Rock’n’Roll, die er allerdings mit böser Ironie unterläuft und modernisiert.

Kratzen, nicht zeichnen

Zwei Eigenheiten zeichnen Thomas Otts Comics aus: Die Schabkarton-Technik und die wortlose Erzählweise. Ott zeichnet seine fiesen Moritaten nicht, sondern kratzt sie mit einer scharfen Klinge aus schwarzem Schabkarton, was seinen Bildern eine eindringliche und düstere Schärfe verleiht.

Der Verzicht auf das Wort bedingt eine möglichst klare, filmische Erzählweise, eine Vorliebe für kurze Formen und die Verwendung von eindeutig definierten Typen und Klischees – eine differenzierte Psychologie und narrative Ellipsen sind nicht möglich. Das Talent Thomas Otts ist es, aus den Einschränkungen Stärke zu machen und eine dichte, grafisch wie inhaltlich unverkennbare und eigenständige Welt zu schaffen. Damit erlangte er schon früh Weltruhm. Seine Geschichten und Bücher werden in angesehenen Zeitschriften, Anthologien und Verlagen in zahlreichen Ländern veröffentlicht, unter anderem in den USA bei Fantagraphics Books und in Frankreich bei L’Association.

Eine endlose Schlaufe

2008 legte Ott mit The Number 73304-23-4153-6-96-8 seinen ersten Comic-Roman vor: Nach getaner Arbeit findet der Henker in der Bibel des Todeskandidaten einen schmalen Papierstreifen mit einer mysteriösen Zahlenfolge. Er steckt ihn ein, und von da an tauchen immer wieder Teile dieser Zahl auf, als Tattoos, in Telefon- und Hausnummern, am Roulettetisch. Der Henker vertraut sein Leben dieser Zahlenfolge an, und sie bringt ihm Glück, Sex und haufenweise Geld. Am Anfang jedenfalls. Eines Morgens erwacht der Henker verkatert und allein. Das Geld? Verschwunden. Ebenso die schöne Frau. Und so verschlingen sich auch in dieser Geschichte Wirklichkeit und Alptraum in einer endlosen Schleife, die nicht nur den Protagonisten, sondern auch den Leser in die Irre führt.

Christian Gasser lebt und arbeitet in Luzern (Schweiz) als freier Schriftsteller, Journalist, Dozent an der Hochschule Luzern – Design & Kunst und Mitherausgeber des Comic-Magazins „Strapazin“. Er ist Autor der Bücher „Comics Deluxe. Das Comic-Magazin Strapazin“, 2012, und „animation.ch – Vielfalt und Visionen im Schweizer Animationsfilm“ (i.e. Visions and Versatility in Swiss Animated Film), 2011.

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Mai 2013

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