Avantgarde

© M.S. BastianDie Existenz einer deutschen Comic-Avantgarde verdankt sich paradoxerweise vor allem einem Land, das Comics ideologisch bekämpft hat: der DDR. Nicht, dass es dort keine Comics gegeben hätte, aber sie wurden als „Bildergeschichten“ bezeichnet und nur deshalb geduldet, um der westlichen Konkurrenz etwas entgegenzusetzen. Gerade dieses Misstrauen machte Comics für junge ostdeutsche Künstler interessant, und direkt nach der Wende von 1989 gründeten vier von ihnen, Anke Feuchtenberger, Henning Wagenbreth, Holger Fickelscherer und Detlef Beck, eine Gruppe namens „PGH Glühende Zukunft“, die zur Keimzelle der Berliner Comic-Avantgardisten wurde. Besonders deren Rückgriff auf die Ästhetik des Expressionismus war auffällig. Damit wurde eine im Ausland als typisch deutsch angesehene Kunstrichtung in die Comics integriert. Das erregte internationale Aufmerksamkeit.

In der Bundesrepublik Deutschland waren Comics besser angesehen, aber sie galten auch dort nicht als ernstzunehmende Kunstform. Ein experimenteller Zeichner wie der Mülheimer Hendrik Dorgathen stand deshalb gleichsam auf verlorenem Posten, bevor der kreative Schub aus Ostdeutschland kam und die Öffentlichkeit überhaupt registrierte, dass es so etwas wie Comic-Avantgarde gab. Die „PGH Glühende Zukunft“ löste sich aber bald auf, und außer Anke Feuchtenberger, die mit den von Kathrin de Vries geschriebenen Geschichten um die Hure H bekannt wurde, ist kein anderes Mitglied der Gruppe dem Comic treu geblieben. Aber sowohl Feuchtenberger als auch Wagenbreth lehren heute an deutschen Kunsthochschulen und üben dadurch ebensoviel Einfluss auf eine junge Comic-Zeichner-Generation aus wie ihre Kollegen Dorgathen, Martin tom Dieck und Atak (Hans-Georg Barber). An diesen Hochschulen bieten sich Möglichkeiten für erste Publikationen, mit denen sich der Comic-Nachwuchs erproben kann, und besonders Hamburg und Berlin haben in den letzten Jahren zahlreiche Talente hervorgebracht, die auch den Sprung in die Verlagswelt hinein geschafft haben, zum Beispiel Arne Bellstorf, Line Hoven, Sascha Hommer und Barbara Yelin.

Handschuh für Canada, © Anke FeuchtenbergerIn der seit 1984 bestehenden Comic-Zeitschrift Strapazin hat die deutschsprachige Avantgarde ein wichtiges Forum. Dort sind vor allem Schweizer Zeichner stark vertreten: M. S. Bastian, Thomas Ott, CX Huth und Anna Sommer. Sie berufen sich nicht auf deutsche ästhetische Traditionen, sondern vor allem auf die amerikanische Avantgarde, also auf Zeichner wie Gary Panter oder Art Spiegelman. Doch Anna Sommers collagierte Geschichten und Otts Schabkarton-Arbeiten nutzen auch wieder spezifische Mittel der europäischen Kunstgeschichte: Entsprechende Vorbilder sind John Heartfield und Max Ernst, Frans Masereel und James Ensor.

Zur deutschen Comic-Avantgarde zählen auch der Berliner Jens Harder, der Hamburger Markus Huber und der Düsseldorfer Ulf K. (Ulf Keyenburg). Sie entwickelten ihre individuell unverwechselbaren Stile in den Neunzigerjahren in Auseinandersetzung mit den französischen Comic-Traditionen und haben deren grafische Darstellungsformen teilweise mit ungewöhnlichen Themen verbunden: Harder erzählt in seinen Comics die Evolutionsgeschichte, Ulf K. hat in seinen bekanntesten Geschichten den Tod als Hauptfigur. Beide Zeichner wie auch Markus Huber sind damit im Ausland erfolgreicher als in Deutschland, und für fast alle genannten Avantgardisten gilt, dass sie auf dem Feld der Illustration größere Bekanntheit genießen als in ihrem eigentlichen Metier, dem Comic. Denn nur dort lässt sich das Geld verdienen, das ihnen ihre Experimente gestattet.
Andreas Platthaus
ist Redakteur im Feuilleton der F.A.Z.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Oktober 2008

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