Dorgathen, Hendrik

Erzählende und reflektierende Zeichnungen – Hendrik Dorgathen

Hendrik Dorgathen gehört zu den eigenständigsten und renommiertesten Comic-Autoren Europas. Seine bekannteste Comic-Geschichte Die Spore entstand bereits in den späten Neunzigerjahren für ein spanisches Magazin, wurde auf Deutsch aber erst 2008 in der Kurzgeschichtensammlung Slow veröffentlicht.

Die Geschichte Die Spore von Hendrik Dorgathen beginnt mit dem ganzseitigen Bild einer Micky-Maus-Figur. Niedlich? Nein. Mickys Lächeln ist zu einem fiesen Grinsen verzerrt, seine Augen sind leer, über ihm prangt ein apokalyptisches Bibelzitat: „Siehe, mein Zorn und mein Grimm wird ausgeschüttet über diese Stätte, über Menschen und über Vieh.“ (Jeremiah, 7.20). Der Plot? Ein religiöser Fanatiker baut die Spielzeugfigur zu einer Bombe um und schmuggelt sie in ein Flugzeug. Im Flugzeug: unschuldige Passagiere, aber auch – zufälligerweise – ein korrupter Geschäftsmann, der sich mit schmutzigen Deals in der Dritten Welt bereichert.

Die Spore entstand bereits in den späten Neunzigerjahren für ein spanisches Magazin, wurde auf Deutsch aber erst 2008 in der Kurzgeschichtensammlung Slow veröffentlicht. Der Buchtitel suggeriert vermutlich nicht ohne Selbstironie, dass Dorgathen nicht besonders schnell und produktiv ist – sein zuvor einziges Comic-Album, das international erfolgreiche Spacedog, erschien 1993. Und doch gehört Hendrik Dorgathen zu den eigenständigsten und renommiertesten Comic-Autoren Europas, aber auch zu einer Generation, die ihre Laufbahn begann, als es in Deutschland keinen Markt für Comics abseits des Mainstreams gab.

Diashow Hendrik Dorgathen
Diashow

Hendrik Dorgathen wurde 1957 in Mülheim an der Ruhr geboren. Nach dem Abitur studierte er Kunstpädagogik und Evangelische Theologie in Duisburg, ab 1983 Kommunikationsdesign an der Gesamthochschule Essen. Er zeichnete schon früh Comics und tauchte bereits 1985 in der Schweizer Comic-Zeitschrift Strapazin auf. Sein Geld verdiente er jedoch als begehrter Illustrator für Publikationen wie Geo, Rolling Stone, Die Zeit, Pardon, The New York Times, FAZ-Magazin, Bild der Wissenschaft und Frankfurter Rundschau. Mit seinen kantig gezeichneten und kräftig kolorierten Umschlagsbildern, für die Harry Rowohlt den Begriff „Präpostfluxoflex“ prägte, revolutionierte er die Taschenbuchgestaltung deutscher Verlage wie Rotbuch und Rowohlt. 1999 initiierte er die Ausstellung Mutanten, zahlreiche weitere Gruppenausstellungen folgten. 2012 wurde sein Gesamtwerk im Kunstmuseum Mühlheim an der Ruhr präsentiert, eine Ehre, die bislang nur wenigen zeitgenössischen Comic-Künstlern und Illustratoren zuteil wurde.

Zitate der Popkultur

Dass in Die Spore Micky Maus die Hauptrolle spielt, ist kein Zufall. Dorgathen liebt die Popkultur, er spielt virtuos mit den offensichtlichen und hintergründigen Bedeutungen ihrer Ikonen und jongliert mit Zitaten und Verweisen auf Comics, Filme, Popmusik und die bildende Kunst. Sein Umgang mit Einflüssen ist so reflektiert wie seine Bildung breit ist. Besonders faszinierend ist beispielsweise, wie Dorgathen die ganze eklektische Bandbreite seiner Comic-Vorbilder – von George Herrimans Krazy Kat über Harvey Kurtzmans Mad Magazine, Hergés Tim und Struppi und die Superhelden Jack Kirbys bis hin zu den selbstreflexiven Experimenten Art Spiegelmans – in seine eigenwillige, weitgehend auf das Wort verzichtende Bildsprache einarbeitet.

Auch in Spacedog bilden Populärkultur und Science Fiction den Nährboden, und Dorgathens Ehrgeiz, nur mit Bildern zu erzählen, liefert den Rahmen. Spacedog ist ein kleiner roter, an Struppi gemahnender Hund, der aus der amerikanischen Provinz in die Stadt flieht und dort von der NASA für eine Weltraum-Mission rekrutiert wird. Im All tauscht der Hund mit außerirdischen Intelligenzen Wissen und andere Erkenntnisse aus und kehrt als sprechender Zweibeiner auf unseren Planeten zurück. Er wird zum Star – seine ökologischen und pazifistischen Ansichten werden von den Mächtigen jedoch nicht goutiert, und um seine Haut zu retten, zieht er zurück aufs Land und verleugnet seine Sprachbegabung. Dorgathen erzählt diese 64 Seiten lange Geschichte ohne ein einziges Wort – den Text ersetzt er in den Sprechblasen durch Bildsymbole. Spacedog, das in der Tradition der so genannten Pantomimen-Comics steht, ist ein kleines Juwel – eine hochkomplexe Geschichte für Erwachsene, die so klar erzählt wird, dass auch Kinder sich daran erfreuen können.

Die Welt der Bits und Bytes

Ein weiterer roter Faden in Dorgathens Werk, der seit 2003 als Professor für Illustration und Comics an der Kunsthochschule in Kassel tätig ist, bildet die Auseinandersetzung mit der Welt der Computer und der neuen Medien. Dorgathen gehörte zu den ersten, die den Computer zum Zeichnen einsetzten – kehrte aber schon früh wieder zurück zum Papier und setzt den Computer heute nur noch als Hilfsmittel ein. Aber die Welt der Bits und Bytes fasziniert ihn nach wie vor, und immer wieder findet er einfallsreiche, einprägsame und präzise Bilder für diese Welt. In der Geschichte Cyberia flüchtet ein nacktes Individuum aus einer übervölkerten Welt in seinen Computer; es verirrt sich im virtuellen, pingelig nur mit waag- und senkrechten Strichen gekritzelten Labyrinth. Und als es wieder auftaucht, ist unsere Zivilisation untergegangen, sein Körper liegt tot vor dem Bildschirm. Der Roboter, der durch das Fenster schaut, sagt trocken „0 I 0 I“.

Hendrik Dorgathen ist ein hochintelligenter Zeichner, der mit seinen Zeichnungen nicht nur erzählt, sondern immer auch reflektiert. Deshalb sind seine Comics vielschichtiger, als es ihre Plakativität vermuten lässt – und ihre Buntheit kann den pessimistischen Grundton nicht kaschieren. Das gilt auch für Die Spore: Je mehr Informationen wir – vermittelt durch die gottähnlich allwissende Micky Maus – über die Protagonisten erhalten, desto verzwickter und widersprüchlicher wird diese Geschichte um religiöse Verblendung und Terrorismus, um Schuld und Unschuld, Sühne und Bestrafung. Am Schluss würde der Leser am liebsten erleichtert aufatmen, als Micky beziehungsweise die Bombe endlich explodiert.

Christian Gasser
lebt und arbeitet in Luzern (Schweiz) als freier Schriftsteller, literarischer Vortragsreisender, Journalist und Mitherausgeber des Comic-Magazins Strapazin.

Copyright: Goethe-Institut e. V., Online-Redaktion
Januar 2013

Haben Sie noch Fragen zu diesem Artikel? Schreiben Sie uns!
internet-redaktion@goethe.de